Die Nähe zu Jesus ist entscheidend

Die Nähe zu Jesus suchen und sich durch die Berührung mit ihm heilen lassen, das macht die Barmherzigkeit Gottes erfahrbar.

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Räumliche Nähe bedeutet nicht automatisch auch eine innere Nähe. Foto: Fotolia
veröffentlicht am 10.06.2016
Lesezeit: ungefähr 3 Minuten

Was hat sie, was er nicht hat? – Diese Frage beschäftigt mich, wenn ich mich mit dem Evangelium des heutigen Sonntags beschäftige. Was hat sie, die stadtbekannte Sünderin, die mit ihrem provozierenden Verhalten alles in dieser Szene durcheinanderbringt, was er, der rechtgläubige Pharisäer, nicht hat? Denn Jesus hält das Handeln dieser Frau an ihm aus. Er weist sie nicht zurück. Er lässt es zu, dass sie seine Füße mit ihren Tränen wäscht, mit ihrem Haar abtrocknet, sogar küsst und mit Öl salbt. Und er sagt zu ihr: „Deine Sünden sind dir vergeben.“

von Sebastian Schulz

Was hat sie also, was der Gastgeber dieses Abends, der Pharisäer Simon, nicht hat? Jesus antwortet in diesem Evangelium selber auf diese Frage. In drei Punkten benennt er, was Simon unterlassen, die Sünderin ihm aber geschenkt hat:

Er hat ihm zu Beginn des Mahls nicht die Füße gewaschen, obwohl diese rituelle Handlung damals ein Zeichen der Gastfreundschaft war. Sie hingegen wäscht seine Füße mit der Flüssigkeit ihrer Augen.

Er unterlässt den Kuss zur Begrüßung, der Zeichen der Liebe und der Ehrerbietung ist. Sie aber küsst ihm unaufhörlich die Füße – ein Zeichen der Demütigung und Unterwerfung.

Er hat Jesus nicht die Haare gesalbt. Sie aber pflegt seine Füße mit wohlriechendem Öl, das sie in einem kostbaren Gefäß hergebracht hat.

Also, was hat sie, was er nicht hat? Ich glaube, die reuige Sünderin ist Jesus näher als der distanzierte Pharisäer. Sie ist voll Liebe zu Jesus. Sie handelt an ihm zärtlich, voller Vertrauen; an der Stelle, wo er sie am leichtesten wegstoßen könnte, an den Füßen. Er aber prüft Jesus, schätzt ihn ab, versucht ihn einzuordnen, bleibt von seinem Herzen her sehr weit von ihm entfernt, obwohl er zusammen mit ihm an einem Tisch sitzt.

Für mich hat dieses Evangelium eine persönliche Botschaft: Wenn du – wie die Sünderin – Jesus näher kommst, voller Liebe und Vertrauen, und ihm dein Leben mit all seinem Mangel und allem Schuld- und Sündhaften zu Füßen legst, wirst du mit Gott versöhnt. Dann empfängst du Frieden und Barmherzigkeit. Wenn du Gott viel Liebe schenkst, bekommst du viel Liebe zurückgeschenkt. So lautet auch die Sinnspitze des Gleichnisses, das Jesus erzählt. – Und diese geschenkte, barmherzige Liebe verändert dein Leben. „Seine Barmherzigkeit verwandelt dein Herz.“ (Papst Franziskus)

Die Nähe zu Jesus ist entscheidend. Und diese Nähe erreiche ich nicht allein dadurch, dass ich mich an Gebote und Verbote halte und äußerlich nah an Jesus bin, innerlich aber „kilometerweit“ von ihm entfernt. Die Nähe zu Jesus habe ich, wenn ich ihm voller Liebe begegne, wenn ich ihm alles anvertraue und ihm mein Herz öffne. Wenn ich mit meinen Tränen, meinen Sorgen und Ängsten zu ihm komme und ihm all das, was mir wertvoll ist, bringe. Die Nähe zu Jesus habe ich, wenn ich ihm meinen Stolz und mein Ehrgefühl nicht entgegenstelle, sondern innerlich zur Umkehr bereit bin … Dann werde ich von Jesus nicht das hören, was alle anderen in meiner Umgebung denken und sagen: „Du wirst dich nie ändern! Das hat sich bei dir eingefahren. Da reden doch schon alle drüber.“ Nein, das wird er nicht sagen. Und er wird mich auch nicht zurückweisen. Auch zu mir wird er sagen: „Deine Sünden sind dir vergeben. Dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden!“ Und das wird dann mich, ja mein Leben verwandeln.

Sebastian Schulz ist Pastor am Dom zu Minden und im Pastoralverbund Mindener Land.

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