Und wieder: Die Zeichen der Zeit

Gedanken zu Mt 24,37-44

In den Zeichen der Zeit den Willen Gottes erkennen, darauf kommt’s an!

Irgendwann könnte es zu spät sein, so wie einst in den Tagen des Noach. Foto: Jürgen W./photocase.de

 

von Thomas Witt

Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist das Wort von den „Zeichen der Zeit“ in aller Munde. Wenn auch diese Bezeichnung aus einem anderen Teil des Evangeliums stammt (vgl. Lk 12,54-57), so hat es in diesem Evangelium doch eine deutliche Entsprechung: „Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. Genauso sollt ihr erkennen, wenn ihr das alles seht, dass das Ende vor der Tür steht.“ Aus dem Blick auf die Natur können wir vieles erkennen und vorhersagen. Ähnlich soll es mit den Zeichen der Zeit sein, die zu erkennen uns eigentlich gegeben ist, oder?

Wenn man die Geschichte dieses Wortes gerade in der nachkonziliaren Vergangenheit betrachtet, dann wird deutlich, wie schwierig das ist, die Zeichen der Zeit recht zu deuten. Sagen uns die Zeichen der Zeit, dass wir einen Modernisierungsschub brauchen und endlich vieles Traditionelles über Bord werden müssen? Oder deuten die Zeichen der Zeit darauf hin, dass die Kirche wieder zu strengerer Zucht und Ordnung finden soll? Beides wird von Gruppen in der Kirche behauptet, und beide berufen sich gerne auf Zeichen der Zeit, die sie ausgemacht haben. Es ist nicht so einfach mit diesen Zeichen.

Und doch sind sie wichtig. Denn sie deuten auch auf das Ende hin, das uns nicht wie ein Dieb in der Nacht überraschen sollte (vgl. 1 Thess 5,2). Die Wachsamkeit, die Aufmerksamkeit für das Kommen des Herrn und das eigene Bereit-­sein, ihn zu empfangen, sind wesentlich, um das Leben zu gewinnen.

Es gibt Zeichen, die scheinen mir eindeutiger zu sein als manche andere, die gern in innerkirchlichen Diskussionen genannt werden. Ein Zeichen der Zeit ist sicher die Armut in unserer Welt, die ungleiche Verteilung der Güter, Krieg und Bürgerkrieg, die so viele Menschen wie noch nie zur Flucht zwingen. Das sind Zeichen, die für die Jünger Christi eine Aufgabe darstellen. Denn sie sind Jünger dessen, der sich mit den Armen und Obdachlosen identifiziert hat. Wir brauchen gar nicht so lange zu suchen, wo wir Jesus heute begegnen können. Er kommt in so vielen Menschen bei uns an, dass das Finden kein Problem ist. Und mit den Geflüchteten kommt die Armut nicht erstmals bei uns an. Versteckt und offenkundig gibt es auch bei uns Armut in verschiedensten Formen.

Eigenartig, dass dies so wenig als „Zeichen der Zeit“ verstanden wird. Vielleicht, weil diese Zeichen nichts aussagen über das Frauenpriestertum, den Zölibat oder die Uhrzeiten für die Christmette? Wir Christen scheinen uns lieber an diesen Themen wundzureiben, statt den Herrn in den Menschen zu suchen, mit denen er sich identifiziert hat, und in denen er gefunden werden will. Von diesen Menschen her würde sich vieles neu gewichten; manches, was so wichtig erschien, wird vielleicht relativiert; und Menschen am Rande kämen in die Mitte. Ob wir dazu bereit sind?

Das Evangelium stammt aus den Endzeitreden Jesu. Sie wollen uns aufrütteln aus aller scheinbaren Sicherheit und wohl auch aus mancher Nabelschau, zu der die Jünger Christi immer wieder neigen. Wie sehr würden sich die Schwerpunkte unseres Lebens und des Lebens der Gemeinden verändern, wenn wir die Zeichen der Zeit in der Not der Menschen erkennen würden? Wir bleiben dagegen oft sorg- und arglos – so wie Jesus es von den Tagen des Noach sagt. Irgendwann war es dann zu spät.

Die Adventszeit könnte eine Zeit der neuen Entdeckung der Zeichen der Zeit sein, eine Zeit der Umkehr und der Zuwendung zu den Menschen in Not. Das wäre eine Wachsamkeit – so glaube ich – wie sie Jesus gefallen würde.

Dr. Thomas Witt ist Dom­kapitular und Vorsitzender des Caritasverbandes im Erzbistum Paderborn.

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