Starthilfe ins Leben

Wie sich eine Gemeinde von Gewalt und Angst befreit

San Salvador. El Salvador steht im Mittelpunkt der diesjährigen MISEREOR-­Aktion, die am vergangenen Sonntag eröffnet wurde. Dank eines innovativen Coaching-­Programms nehmen Jugendliche in der Gemeinde Teotepeque in El Salvador ihre Zukunft wieder in die eigenen Hände.

Ingrid Ganuza (25, links) hat bei dem MISEREOR-Partnerprojekt „Mein Lebensplan“ der Caritas San Salvador teilgenommen. Heute studiert sie und unterstützt das Projekt weiterhin aktiv. Ana Colocho (22, rechts) ist das Gesicht des Aktionsplakat 2019. Sie studiert ebenfalls und engagiert sich beim MISEREOR-Projektpartner ehrenamtlich. Auch sie ist vom Projekt-Konzept überzeugt. © Schwarzbach/MISEREOR

 

von Sandra Weiss

Teotepeque in den Bergen von El Salvador ist eine verschlafene Gemeinde. Nur 75 Kilometer von der Hauptstadt San Salvador entfernt, doch noch immer ohne Internetzugang oder Handyempfang. Die geteerte Straße, keine 20 Jahre alt, ist mit Schlaglöchern übersät. In Teotepeque jäten die Bauern noch mit der Machete Unkraut und pflügen von Hand oder mit Eseln ihre Felder. Eine Knochenarbeit, deren einziger Lohn ist, nicht zu hungern.

Für Jugendbanden war Teotepeque lange Zeit Rückzugsort; sie überfielen, erpressten und mordeten oder rekrutierten ihren Banden-Nachwuchs. Geschäfte schlossen nach und nach, der öffentliche Nahverkehr kam zum Erliegen. Ein Ort, den die meisten jungen Leute verließen, sobald sie nur konnten. Bis vor vier Jahren. Die erste Generation, die Teotepeque wieder eine Chance gibt, ist die von Margarita Hernández.

Die Gemeinde hat sich rasant gewandelt. Es gibt etliche Kleinunternehmer, eine Jugend- sowie eine Frauengruppe. All das hat mit Margarita Hernández und dem schönsten Tag in ihrem Leben zu tun. Ein Samstag im November 2015, an dem sie fast platzend vor Stolz das erste Di­plom ihres Lebens in den Händen hielt. „Niemals hätte ich mir das erträumt“, erzählt die 32-Jährige. Das Diplom ist ausgestellt von der Caritas San Salvador und bescheinigt ihr die erfolgreiche Teilnahme am Projekt „Mein Lebensplan“, einem von MISEREOR finanzierten, innovativen Coaching-­Programm für junge Leute aus benachteiligten Verhältnissen. Für Menschen wie Margarita.

Mit Ach und Krach hatte sie es bis zur dritten Grundschulklasse geschafft, um dann ihren Eltern in der Landwirtschaft und im Haushalt zu helfen. Sie heiratete jung, bekam vier Kinder, wurde Hausfrau. Welche Führungs- und Unternehmerinnenqualitäten in ihr stecken, erfuhr sie erst im Coaching-Programm der Caritas. Heute betreibt Margarita auf der Veranda ihres Hauses einen kleinen Schuhladen. Für viele Frauen in ihrer Gemeinde ist sie Vorbild.

„Mein Mann Adán erledigte die Feldarbeit früher allein, weil es draußen zu unsicher war, er jobbte hier und da auf dem Bau. Wir ernährten uns von Maisfladen und Bohnen, die Stimmung in der Familie war angespannt.“ Margarita litt, aber sie sah keinen Ausweg. Gefangen im Teufelskreis aus Armut und Gewalt. „Alle sagen, man kann nichts tun, und irgendwann glaubst du das.“

Dann erzählte der Ortspfarrer von „Mein Lebensplan“, der junge Menschen auf das Berufsleben vorbereiten soll. „Man wächst mit den anderen zu einem Team zusammen und öffnet sich für neue Ideen und Erfahrungen“, erzählt Margarita. Daysi Rodríguez sitzt daneben und schmunzelt. Sie war damals Margaritas Ausbilderin und ist heute Koordinatorin des fünfköpfigen Trainer-Teams der Caritas. „Die meisten kommen zu uns, weil sie einen Job suchen. Aber eigentlich arbeiten wir an und mit ihrer Psyche“, sagt sie. Denn wer in Armut aufwächst, in zerrütteten Familien, umgeben von Gewalt und Zerstörung, der habe keine Zeit, über sich und die Zukunft nachzudenken. Oder über Wünsche und Träume.

Den ganzen Text sowie weitere Bilder und Texte finden Sie in der Printausgabe des Dom Nr. 11 vom 17. März 2019

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