Spur des Leids

Reihe zur Fastenzeit

Aus urheberrechtlichen Gründen kann das Werk, um das es in diesem Beitrag geht, nicht im Internet gezeigt werden. Sie finden es im gedruckten Dom, Ausgabe Nr. 12, auf S. 18

 

Was sieht man da auf diesem Bild? Es ist irritierend, denn man sieht etwas, das gar nicht mehr da ist. Ein Kreuz mit Corpus, ein Kruzifix also. Es muss mal da gewesen sein, seine Spuren sind noch deutlich zu erkennen.

von Claudia Auffenberg

Das Foto zeigt eine Arbeit des Bildhauers Thomas Virnich (60) aus Mönchengladbach. Für dieses Werk und andere aus der Reihe hat er „08/15-Kreuze“, wie er sagt, also solche, die man auf Flohmärkten für kleines Geld kaufen kann, genutzt. Davon hat er einen Wachsabdruck gemacht, diesen mit Ton ummantelt und in den Brennofen gegeben. Das Wachs fließt heraus, zurück bleibt ein Abdruck, eine Spur des Leids.

„Ein Kreuz hat heutzutage seinen Aha-Effekt verloren“, sagt er. Man meint sofort zu wissen, was man sieht. Aber stimmt das? Was weiß man denn? Über Jesus? Über sein Leid? Über das Leid an sich? Über das eigene Leid? Nichts weiß man.

Aber man spürt es. Leiden hinterlässt Spuren. In Syrien leiden Millionen von Kindern. Das werden wir alle noch lange spüren, womöglich über Generationen hinweg. Das Leid geht nicht weg. Es wird abstrakter, unbegreiflicher, aber es bleibt.

Die Kreuze von Thomas Virnich haben kein Gegenüber, man kann nicht zu ihnen beten, denn es ist niemand da. Es gibt nur eine Lücke, eine Leerstelle, vielleicht kann man so sagen: eine offene Wunde. Das Leid ist fremd, sagt Thomas Virnich, nicht zu verstehen, aber es ist ein Hinweis auf Leben: „Roboter können kaputt gehen, aber nicht leiden.“

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