Schneeballeffekt: Wie man Verhalten langfristig verändert

Ein Gespräch mit Hildegard Schäfer, Referentin für das Projekt „Faire Gemeinde“

Erzbistum Paderborn. Nachhaltiges Handeln ist wichtig für die Zukunft. Doch in der Gegenwart fehlen oft die Zeit, die Geduld und die Aufmerksamkeit für ein zukunftsgerichtetes Handeln, das Ressourcen und Klima schont. Hildegard Schäfer ist Fachfrau für die Frage, wie es gelingen kann, Nachhaltigkeit im alltäglichen Handeln zu etablieren.

Hildegard Schäfer ist bis zum Ende des Jahres Referentin für das Projekt „Faire Gemeinde“. Sie ist überzeugt, dass Kampagnen wie diese hauptamtliche Ansprechpartner brauchen. Foto: Flüter

 

von Karl-Martin Flüter

DOM: Wie schwer ist es, Themen wie Nachhaltigkeit oder Klimagerechtigkeit in der Öffentlichkeit durchzusetzen?

Hildegard Schäfer: „Faire Gemeinde“ hat bewiesen, das sich solche Kampagnen gut entwickeln, wenn man über einen längeren Zeitraum plant und ausreichend Ressourcen, auch personelle, zur Verfügung stellt. Ohne zentrale Ansprechpartner und hauptamtliche Strukturen wird es schwierig.

Das war auch bei diesem Projekt so. Am Anfang fehlte eine Anlaufstelle. Als sich das änderte, hat auch die „Faire Gemeinde“ einen Aufschwung genommen. 2015 wurde das Projekt um ein Jahr verlängert. Insgesamt haben sich 77 Gruppen, Gemeinden und Verbände beteiligt. Das war deutlich mehr, als noch zur Halbzeit des Projekts absehbar war.

Der Erzbischof hätte zu einem großen Frühstück mit allen Beteiligten eingeladen, wenn sich 100 Partner für das Projekt „Faire Gemeinde“ gefunden hätten. Das Frühstück wird es nicht geben.

Man kann „Faire Gemeinde“ nicht nur nach den Zahlen bewerten. Ich bin mir sicher, dass das auch der Erzbischof Hans-Josef Becker nicht macht.

Das Umfeld war ja nicht einfach. In den Gemeinden und bei vielen Trägern laufen viele Veränderungsprozesse. Die Gemeinden arbeiten an pastoralen Vereinbarungen, Kitas und Schulen bereiten sich auf Zertifizierungen vor oder müssen neue Vorgaben erfüllen.

Dennoch haben sich Kirchenvorstände, Ordensgemeinschaften, Schulen oder Kindertagesstätten im Erzbistum mit dem Thema „Faire Gemeinde“ auseinandergesetzt. Das ist beachtenswert.

Wir hatten bis zum Schluss Bewerbungen, die letzten konnten wir nicht annehmen, weil die Umsetzung bis zum Projektende nicht gelungen wäre. Da zeigt sich der Schneeballeffekt, den solche breit angelegten Aktionen auch haben. Man sieht das positive Beispiel und wird dadurch zu eigenem Handeln angeregt.

Übrigens hat das auch über die Grenzen des Erzbistums hinaus gewirkt. Es gab auch Gemeinden aus dem Erzbistum Köln, dem Bistum Aachen und aus Brandenburg, die sich am Projekt beteiligen wollten.

Wie viel Aufwand bedeutete die Teilnahme an dem Projekt für die Partner?

In den Gemeinden war immer ein Abstimmungsprozess notwendig. Es sollten sich ja nicht von Einzelpersonen oder kleinen Gruppen getragene Projekte bewerben, sondern die ganze Gemeinde sollte eingebunden sein.
Auch deshalb hatten einige Gemeinden, Einrichtungen oder Konvente wiederum Bedenken, die Kriterien nur unter großem Aufwand zu erfüllen. Die konnten wir in Vorgesprächen ausräumen.

Im Untertitel heißt das Projekt ja „Kirche auf dem Weg zu Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit“. Es hat sich gezeigt, dass auch diejenigen, die mit dem Thema Nachhaltigkeit scheinbar noch nicht sehr vertraut sind, gelungene Formen der Beteiligung finden können. Oft konnten die Gemeinden auf das aufsatteln, was sie schon an Aktivitäten betrieben haben. „Faire Gemeinde“ war dann ein zusätzlicher, neuer Impuls.

Es gab Gemeinden wie in Marienmünster, die schon das Jubiläum zum 25-jährigen Bestehen ihres Weltladens gefeiert hatten. Da war die Frage, wie man sich noch verbessern kann. In Marienmünster sind beispielsweise Informationstafeln entstanden, die den fairen Handel erläutern.

Ist es ihnen gelungen, den Kreis derjenigen zu erweitern, die sich für den Schutz der Umwelt und eine nachhaltige Lebensweise interessieren?

Es gab eine Reihe von Bewerbern, die noch keine großen Erfahrungen gemacht hatten. Die haben sich ein neues Themengebiet erschlossen.

„Faire Gemeinde“ war nicht auf katholische Institutionen beschränkt. Es haben sich auch evangelische oder nicht konfessionell gebundene Vereine und Träger beworben.

Ein Beispiel war die Initiative „Pro Fürstenberg“. Da waren wir erst skeptisch. Die haben sich dann trotzdem beworben, und zwar sehr erfolgreich. Ihre Auszeichnung findet am ersten Adventswochenende statt.

Die evangelische Gemeinde in Menden-Lendringsen hat sich gegen ein vergleichbares Projekt der evangelischen Kirche und für „Faire Gemeinde“ entschieden. Das evangelische Modell war viel aufwendiger und erforderte mehr Gremienarbeit.

Haben Sie „Faire Gemeinde“ absichtlich niedrigschwellig ausgelegt?

Ein Ziel zu Projektbeginn war, die Bedingungen so zu gestalten, dass möglichst viele Partner teilnehmen können. Bei der Beteiligung war die inhaltliche und praktische Gestaltung immer offen und vieles war möglich. Von einigen Bewerbungen waren wir aufgrund der Vielfältigkeit und der eingebrachten Kreativität wirklich beeindruckt.

Wie viel Unterstützungsarbeit hat das Projektbüro geleistet?

Typisch für den Kampagnencharakter war, dass mit zunehmender Projektdauer die Zahl der Bewerber zunahm, die schon vor Abgabe der Bewerbung um Unterstützung baten. Am Anfang waren es eher die erfahrenen Initiativen und Einrichtungen, die mitgemacht haben. So oder so waren wir bei fast allen Projekten vor Ort zu Besuch.

Wie sehr hat das Projekt „Faire Gemeinde“ in die breite Öffentlichkeit hinein gewirkt?

77 Partner, die sich um eine Auszeichnung beworben und teilgenommen haben: Das heißt 77-mal Berichterstattung über die Bewerbung, das Projekt und die Auszeichnungsfeier. Das ist schon eine Menge Öffentlichkeitsarbeit.

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit waren ein Kriterium für eine erfolgreiche Bewerbung. Die Partner selbst mussten Präsenz in den Medien zeigen und über ihr Projekt berichten. So wurde an vielen Orten im Erzbistum Paderborn immer wieder für mehr Nachhaltigkeit, Schöpfungsverantwortung und internationale Gerechtigkeit geworben. Das ist wieder dieses Schneeballprinzip, das sich von Mal zu Mal verstärkt und Bewusstsein und Verhalten langfristig verändert.

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