Risiko Liebe: Gott geht es ein

Gedanken zu Joh 3,16-18

Die Liebe Gottes offenbart sich vor allem im Leiden seines Sohnes für uns.

Foto: dpa

 

von Gisela Sturm

Zum ersten Mal begegnete mir die orthodoxe Darstellung der Auferstehung Jesu in der griechischen Apostelkirche am See Genezareth. Christus, der Sieger über den Tod, rettet Adam und Eva aus ihren Gräbern. Er packt sie an ihren Handgelenken und zieht sie kraftvoll nach oben – ins Leben. Beeindruckt hat mich die Erläuterung der Reiseführerin: Wer z. B. ein Kind in einer gefährlichen Situation von der Straße ziehen will, packt es am Handgelenk, um einen festen Griff zu haben. Würde man es an der Hand fassen, könnte diese leichter entgleiten. Dieses Risiko geht Christus nicht ein. Er will uns Menschen retten. Um jeden Preis.

Wer liebt, will dem Geliebten Gutes tun. Die Eltern wollen das Kind schützen, die Verliebten möchten zärtlich und sorgsam miteinander umgehen, der Freund soll die notwendige Hilfe erhalten. Wie schnell kann sich das im Alltag ändern: Das schreiende Kind bringt die Eltern an den Rand der Belastbarkeit; die Verliebten stellen fest, dass sie trotz des Glücks ihrer Liebe auch andere Bedürfnisse haben; der Freund wünscht sich eine andere Hilfe als die, die wir zu geben bereit sind. Wie schnell stoßen wir mit unserem aufrichtigen Wohlwollen an Grenzen. Dabei haben wir es doch so gut gemeint.

Unsere menschliche Liebe ist immer vermischt mit eigenen Bedürfnissen und Macht­ansprüchen. Und doch vermag sie uns auf die Spur der göttlichen Liebe zu bringen. Der Evangelist Johannes mutet uns zu, uns mit der Liebe auseinanderzusetzen – so oberflächlich wird das Wort oft verwendet, so beliebig, dass mancher es nicht mehr hören mag. Aber die Liebe Gottes hat Folgen für uns, weil sie in unserem Leben konkret wird.

Gott gibt seinen einzigen Sohn her, damit jeder, der an ihn glaubt, gerettet wird und das ewige Leben hat. Christus lässt sich von uns verletzen und bleibt doch in der Liebe. Da können wir ihm als Menschen meist nicht folgen. Es kann sogar krankhaft sein, wenn jemand in einer Beziehung bleibt, obwohl er ständig vom anderen verletzt wird. Denn der Verletzte vergisst dann die Liebe zu sich selbst.

Und doch gilt: Je mehr wir einen Menschen lieben, je glücklicher er uns macht, desto tiefer kann er uns verletzen. Das eine geht nicht ohne das andere. Liebe ist immer ein Risiko. Gott geht es ein.

Wo wir Menschen intensiv lieben, werden wir auch verletzt. Aber die Wunden heilen nur, wenn wir uns von Neuem für die Liebe öffnen. Uns heilen lassen. Von Gott. Durch seine Schöpfung, durch sein Wort. Vom anderen, dem ich von Neuem vertraue. Von anderen Menschen, die mir neue Wege eröffnen. Narben werden bleiben, und doch: Gott hat sein rettendes Handeln auch in meinem Leben schon begonnen.

Die Zuwendung Gottes zu uns ist so kompromisslos, dass er an uns leiden muss, weil wir menschlich unvollkommen sind. Trotzdem wird er sich immer wieder für uns entscheiden. Die Eltern werden auch in der nächsten Nacht wieder für ihr Kind aufstehen und sich vielleicht Hilfe suchen. Die Liebenden loten aus, wann sie einander loslassen und wann sie einander in die Arme schließen. Die Freunde suchen das Gespräch.

Menschliche Liebe kann scheitern und scheitert oft. An der Missachtung unserer eigenen Grenzen und Bedürfnisse. Sehr oft auch an Missverständnissen. Oder daran, dass wir nicht zu unterscheiden vermögen, wo wir selbst handeln und wo wir das Handeln Gott überlassen sollen. Und doch: Liebe und die Sehnsucht danach sind unser wunder Punkt, an dem Gott uns anrühren kann. Er findet auch in unserem Alltag den Ansatzpunkt, um uns kraftvoll ins Leben zu ziehen. Gott rettet, weil Gott liebt.

Zur Autorin:

Gisela Sturm ist Religionslehrerin und Beauftragte für die Schulseelsorge am Erzbischöflichen Gymnasium St. Xaver in Bad Driburg.

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