Offene Debatte über Veränderungen

Katholische Bischöfe kündigen verbindlichen „synodalen Weg“ an

Demonstranten säumten den Weg zum Eröffnungsgottesdienst
zur Frühjahrsvollversammlung der Bischofskonferenz. Foto: KNA

 

Lingen (KNA). In einer überraschenden Entscheidung haben die deutschen katholischen Bischöfe eine offene Debatte über umfassende Veränderungen ihrer Kirche beschlossen. Ohne Gegenstimmen einigten sie sich nach intensivem Ringen auf einen verbindlichen „synodalen Weg“, der die Positionen zu den Themen Machtteilung, Zölibat und Sexualmoral klären soll.

Der Konferenz-Vorsitzende Kardinal Reinhard Marx zeigte sich am Ende der viertägigen Beratungen in Lingen erleichtert. Er sei froh, dass nun ein neuer Weg beschritten werde, auch wenn er wegen der zu erwartenden Kontroversen Risiken berge. Ausflüchte seien nicht mehr möglich; die Bischöfe spürten, dass „die Gläubigen das nicht mehr mitmachen“.
Proteste der katholischen Basis hatten die Beratungen der Bischofskonferenz in Lingen gleich zu Beginn begleitet. Die Debatten der Bischöfe kreisten zunächst um das Thema der transparenten „Aufarbeitung“ der oft weit zurückliegenden Verbrechen. Bald ging es dann aber auch um die Frage, ob angesichts der Glaubwürdigkeitskrise der Kirche umfassende Veränderungen in ihrer Struktur sowie in ihrer Morallehre notwendig sind.  
Eine Debatte über solche „systemischen“ Veränderungen haben den Bischöfen auch die Wissenschaftler empfohlen, die in der im Herbst veröffentlichten Studie Ausmaß und Ursachen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Geistliche untersuchten. Das wurde von vielen Bischöfen als Zäsur empfunden. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch eine wachsende Kritik aus der Mitte der Kirchenmitglieder.  
Als ersten konkreten Schritt beschlossen die Bischöfe, dass sie deutlich mehr Frauen in Führungsämtern einstellen wollen, etwa auch bei der Personalführung (siehe Bericht auf Seite 6). Weniger konkret war, was der Trierer Bischof Stephan Ackermann als „Missbrauchsbeauftragter“ der Konferenz vorstellte. Abermals stellte er eine Zusammenarbeit mit staatlichen und anderen nicht kirchlichen Stellen bei der Aufarbeitung in Aussicht. In der Frage der Entschädigung verteidigte er den kirchlichen Sonderweg einer Zahlung von durchschnittlich 5 000 Euro pro Opfer „in Anerkennung des erlittenen Leides“. Zugleich kündigte er an, dass diese Methode überprüft werden solle.  
Eine kleine Sensation war der „Studientag“ der Bischöfe unter dem Titel: „Die Frage nach der Zäsur“. In Vorträgen empfahlen männliche und weibliche Theologieprofessoren den Bischöfen, die „Sakralisierung der Macht“ in der Kirche zu überwinden. Der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff warb für eine Sexualmoral, die den Erkenntnissen der Wissenschaft entspricht und von den Menschen verstanden werden kann. Er plädierte für ein Festhalten an der traditionellen Ehe von Mann und Frau bei gleichzeitiger Wertschätzung für andere gelebte sexuelle Orientierungen – und bekam dafür Applaus von zahlreichen Bischöfen.  
Unter anderem solle die Familienplanung auch mit künstlichen Verhütungsmitteln nicht länger als lebensfeindlicher Akt, sondern als Dienst am Leben anerkannt werden, forderte der Moraltheologe. Denn diese Gewissensentscheidung sei auf die gegenseitige Achtung der Partner und auf die Sorge um das Wohlergehen der Kinder gerichtet. Ferner solle die Kirche anerkennen, dass es legitime Sexualbeziehungen auch außerhalb der heterosexuellen Ehe gebe. 
Schockenhoff stellte laut Redemanuskript klar, dass der Glaubwürdigkeitsverlust der bisher geltenden katholischen Sexualmoral nicht durch die gegenwärtige Missbrauchskrise verursacht worden sei. Vielmehr habe die Kirche die Erkenntnisse der zeitgenössi­schen Wissenschaften nicht in ihre Sexualethik integriert. Als „Lichtblick“ bezeichnete der Theologe die positive Sicht der Sexualität und der erotischen Dimension der Liebe, die Papst Franziskus in seinem Schreiben „Amoris laetitia“ von 2016 formuliert habe.
 

 

Diesen Artikel teilen:

Ähnliche Artikel