Nomaden des Glaubens

Über die Propheten, die der designierte Bischof von Mainz vermisst

Prof. Dr. Peter Kohlgraf ist neuer Bischof von Mainz, nach Karl Lehmann also wieder einer aus der Lehre. Kohlgraf ist Pastoraltheologe und Leute seiner Zunft sind in der derzeitigen Umbruchphase der Kirche dringend gefordert. In seiner Antrittsvorlesung an der katholischen Hochschule in Mainz im Dezember 2013 befasste er sich mit einer Personengruppe, die – so formuliert er es – in der Kirche gerade auch dringend gefordert, aber praktisch vergessen ist: die Propheten.

Jesaja in einem Fenster im Paderborner Dom: nachdenklich, ein bisschen griesgrämig, wie Propheten halt sind ... 
Foto: Throenle/pdp

 

von Claudia Auffenberg

Propheten sind dem normalen Katholiken ein bisschen suspekt. Gut, es gibt die großen Gestalten aus dem Alten Testament, die man sich aber nun auch nicht so vorstellt, als könnte man ein Bier mit ihnen trinken. Zudem lesen Christen sie gemeinhin als Ankündigung Jesu und mit seinem Wirken hat sich ihr Dienst gewissermaßen erledigt. „Allerdings kommen wir so einfach nicht davon“, so Kohlgraf, „als Getaufte haben wir Teil am prophetischen Amt Christi, wir sind ein Volk von Propheten. Bei unserer Taufe ist uns mit der Chrisamsalbung zugesagt: Du hast Anteil am priesterlichen, königlichen und prophetischen Amt Christi“. Die Theologie spricht von den „tria munera Christi“, vom dreifachen Amt Christi. Diese Sicht führte zu einem klerikalen Blickwinkel: Für die munera Christi steht der Bischof, der Priester, er handelt in persona Christi. Zwar hat schon Papst Johannes Paul II. 1983 dieses dreifache – das priesterliche, königliche und prophetische – Amt Christi dem gesamten Gottesvolk zugesprochen, aber so richtig durchgesetzt hat sich dies bis heute nicht.

Was aber ist nun das Prophetentum und wozu kann es auch heute noch gut sein? Die Propheten des Alten Bundes sind Menschen, die erfahren haben, dass Gott sich nicht an ein kleines Stück Erde, sondern an einen Menschen bindet. So hat es Martin Buber formuliert. Der Gott Jesu ist ein Wegegott, er ist kein Lokalmatador. Er ist ortlos und so werden auch Menschen, an die er sich bindet, ortlos. Kohlgraf nennt sie „Nomaden des Glaubens“. Das widerspricht aber der Sehnsucht des Menschen, der so gern eine Heimat hat – und sei sie noch so klein. Und so droht die Durchregelung und Institutionalisierung des Glaubens mit der trügerischen Sicherheit, alles im Griff zu haben. Aber mit Blick auf Pfingsten schreibt Kohlgraf: Die Kirche habe den Geist nicht im Besitz, sondern „der Geist besitzt die Kirche. Sie verwaltet ihn nicht. Sie lebt aus einer geradezu unplanbaren Dynamik und fällt doch nicht ins Chaos, sondern entwickelt sich gerade deshalb zielgerichtet“.

Für die Praxis der Kirche hieße das, Änderungen nicht nur aufgrund einer Notlage herbeizuführen, sondern weil theologische Erkenntnisse umgesetzt werden. Zusammenfassend formuliert der neue Bischof von Mainz: „Propheten sind Menschen, die erfahren, dass sich Gott heute an sie bindet. Es ist eine zentrale Frage, ob sie gewollt sind, und ob man bereit ist, sie zu hören.“

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