Krippe und Sarkophag

Eine Leserzuschrift als Vermächtnis

Nanu, war dieses Bild nicht kürzlich schon mal im Dom? Ja, war es, zu Weihnachten auf Seite 16. Jene Ausgabe hat viele Leser am 22. Dezember erreicht, am Donnerstag vor Heiligabend, auch Pfarrer Butzkamm aus Dortmund, den viele Menschen von Reisen, Büchern und Beiträgen für den Dom kennen. Er hat an jenem 22. Dezember sofort diesen Beitrag geschrieben. Sechs Tage später, am 28. Dezember, ist er gestorben. Damit ist dieser Text, der die Verbindung zwischen Geburt und Tod herstellt, auch eine Art Vermächtnis. Er schreibt:

von Dr. Aloys Butzkamm„Ich habe in Florenz oft allein und mit Gruppen vor diesem Bild gestanden. Es befindet sich in der Sassetti-Kapelle der Kirche S. Trinita in der Nähe des Arno. Der Maler Domenico Ghirlandaio gehört zu den bedeutendsten Renaissancemalern.

Das Jesuskind liegt im Vordergrund nackt auf dem Boden. Es ist ein wirkliches Menschenkind, ein Junge. Maria betet das Kind an. So konnte man das Weihnachtsgeschehen erst nach 1300 darstellen. Die heilige Birgitta von Schweden hatte in jenen Jahren Visionen von verschiedenen biblischen Ereignissen, die schnell in ganz Europa verbreitet wurden. Vorher stellten die Künstler das Kind in der Krippe dar, aber nicht nackt auf dem Boden. Die heilige Birgitta sah auch, dass Maria das Kind anbetete. Auffallend ist der große Marmortrog in der Mitte. Man kann etwas Heu oder Stroh erkennen. Der Ochs hat seinen Kopf wie besitzanzeigend über diesem Gegenstand. Es ist in Wirklichkeit ein Sarkophag, in den Tote gelegt werden.

Er ist beides. Der ehemalige Sarkophag dient als Futterbehälter. Er gehört zum Ochsen und zum Kind. Das Kind liegt mit dem Kopf am Sarkophag. Er ist ein Hinweis auf den Tod des Kindes, ein Passionshinweis. Ghirlandaio hat hinter dem Kopf des Neugeborenen einen Kreuznimbus angebracht. Das Kreuz im Nimbus ist Jesus vorbehalten. Wiederum ist es ein Passionshinweis. Nebenbei: Auf vielen Weihnachtsdarstellungen aus dem Mittelalter und der Renaissance sind Passionselemente enthalten, die von den meisten Zeitgenossen leider nicht mehr als solche erkannt werden.

Ochs und Esel fehlen auf Weihnachtsdarstellungen nie. Deshalb müssen sie wohl eine besondere Botschaft vermitteln. Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht (Jes 1,3). Was der Prophet dem Volk vorwirft, seinen Gott nicht zu kennen oder ihn zu vergessen, werfen die Christen denen vor, die Jesus als Ausdruck des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs nicht erkennen. Ein Hirte zeigt unmissverständlich auf das Kind. Auch unsere Blickrichtung wird gelenkt. Ochs und Esel stellen Fragen an den Betrachter. Ghirlan­daio wurde in der Art der Darstellung der Hirten durch ein monumentales Altarbild des Niederländers Hugo van der Goes angeregt, welches damals nach Florenz kam und sich heute unter dem Namen Portinari Altar in den Uffizien befindet. Die Hirten auf dem Ghirlandaio-Bild haben por­träthafte Züge. Vermutlich haben sich einige aus dem Umkreis des Auftraggebers Sassetti wiedererkannt.

Josef schaut neben Maria auf den Zug der Weisen. Er hat die Hand am Kopf. Die ganze Szenerie kann er wohl kaum verstehen, nicht nur er.“

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