Hoffnung, zu der wir alle berufen sind

Gedanken zu Lk 10,101-12.17-20

Ein Geschenk der Stille: Beim Anblick eines schlafendes Kindes wird man still, um dieses Wunder des Lebens zu bestaunen. Foto: kemai/photocase

 

Das Reich Gottes ist keine Utopie, wenn wir glaubend und liebend zu seiner Verwirklichung beitragen.

Die Verkündigung der Nähe des Reiches Gottes und das heilvolle Handeln, durch das sich dieses Reich bereits hier auf Erden verwirklicht, ist der Kern von Jesu Verkündigung. Sie steht in der Spannung zwischen einer zukünftigen Gottesherrschaft und einer Welt, in der sie bereits begonnen hat. Jesus hat dabei keine Welt philosophischer Ideen im Blick, mittels derer er uns gedanklich ins Jenseits vertrösten will. Vielmehr zeigt er durch sein Wirken, dass das Reich Gottes der in die Tat umgesetzte Wille Gottes ist, in dem es keine Falschheit und keine Gewalt, keine Krankheiten und keine Trauer mehr gibt. Es ist ein Reich, auf das wir, nicht nur mehr oder weniger überzeugt, hoffen dürfen, sondern eine Wirklichkeit der Gerechtigkeit und der Wahrheit, des Friedens und der Freude. In ihr leben wir in bleibender, unzerstörbarer Beziehung zu Gott und haben wir teil am Leben Christi.

Wenn wir aus unserer eigenen Mitte, dort, wo Gott wohnt, leben, dann ist es uns möglich, die göttlichen Gaben zur Entfaltung zu bringen. Dort, wo andere durch unser Auftreten spüren, dass unsere Gesinnung tiefgründig und verbindlich ist, da strahlt das Reich Gottes bereits hinein in unsere Welt. Das setzt allerdings voraus, dass wir uns die Mühe machen, die Liebe, die Gott uns schenkt, zu erkennen, sie anzunehmen und durch unsere konkrete Lebensweise zu erwidern.

Günstige Voraussetzungen dafür sind das schweigende Hören auf das Wort Gottes und der immer wieder vollzogene Rückzug, die Erinnerung daran, was uns eigentlich wichtig ist. Das hilft uns, Oberflächlichkeiten im alltäglichen Leben zu erkennen und das in den Blick und ins Herz nehmen, was unser Leben wirklich trägt. Schenken wir uns nicht nur uns selbst, sondern auch gegenseitig den Raum der Stille. Nicht der äußere Lärm hindert uns daran, schweigende Menschen zu sein; der Lärm in uns ist es, die Wünsche und die vielen Gedanken, die uns im Griff haben. Diese dürfen wir vertrauend in die Hände Gottes legen und uns so in die Schule des Herrn begeben.

Gott setzt an der Situation der Menschen an, denen er begegnet. Er bemerkt eine große Sehnsucht nach Leben: nach vollem, erfülltem Leben. Er sorgt sich um unsere Seele und löst Verstrickungen heilsam auf, damit wir uns, innerlich aufgerichtet, entfalten können und zunehmend mehr im Sinn haben als das menschlich Machbare.

Vielleicht ist es angesichts der vielen Unwahrheit und Ungerechtigkeit, des Hungers und der Katastrophen in unserer Welt ein Ärgernis, wenn Jesus immer wieder vom Reich Gottes spricht. Wer aber in seinem eigenen Leben diese Herausforderung annimmt und ernst macht, indem er daran glaubt, dass sich Jesus tatsächlich mitten in unseren Ängsten und Ausweglosigkeiten als der Auferstandene, der eine neue Lebendigkeit ermöglicht, zeigt, der kann auferstehen aus dem Tod, der Gottferne und Sinnlosigkeit. Dieser Glaube überfliegt nicht einfach unsere Welt. Er führt uns zu unseren Quellen, aus denen tiefe Freude und Dankbarkeit sprudeln.

Jesus weiß wohl, dass er die 72 Jünger – die Zahlensymbolik weist darauf hin, dass damit alle gemeint sind, die seinen Namen tragen – wie Schafe unter die Wölfe sendet. Er weiß aber auch, dass das Evangelium eine verwandelnde Kraft in sich birgt. Deshalb können wir es wagen, inmitten allem Bruchstückhaften uns an dem befreienden Ziel zu orientieren und uns so, immer neu an Gott gebunden, senden zu lassen; denn wir alle brauchen Menschen, die uns helfen zu begreifen, zu welcher Hoffnung wir berufen sind.

Sr. Laetitia Eberle

Augustiner Chorfrau und Prokuratorin des Michaelsklosters in Paderborn.

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