„Hier läuft etwas ganz gewaltig schief“

Domkapitular Dr. Thomas Witt kritisiert das Verhalten der EU zu Mittelmeer-Flüchtlingen

Domkapitular Dr. Thomas Witt, Dr. Mathia Dubberke (Seebrücke Paderborn) und Martin Kolek, Freiwilliger des Seenotrettungsschiffes Sea-Watch 3, (v. r.) bei der Mahnwache. In Anlehnung an die Farbe der Schwimmwesten tragen die Demonstranten orange Warnwesten. Foto: cpd/Jonas

 

Paderborn. ­Domkapitular Dr. Thomas Witt, Vorsit­zender des Diözesan-­Caritasverbandes Paderborn und Flüchtlingsbeauftragter des Erzbistums Paderborn, hat an einer Mahnwache der „Aktion Seebrücke“ vor der Franziskanerkirche in der Fußgängerzone von Paderborn teilgenommen. Damit setzt er sich für die Seenot­rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer ein, die seit dem vergangenen Jahr von vielen europäischen Staaten massiv unter Druck gesetzt wird.

Herr Dr. Witt, warum haben Sie an der Mahnwache teilgenommen?

Ich wollte ein Zeichen setzen, dass wir das Verhalten der Europäischen Union in Bezug auf die Flüchtlinge, die über das Meer kommen, nicht akzeptieren können. Inzwischen gewöhnen wir uns schon an Nachrichten, dass Menschen über Tage und Wochen auf den Rettungsschiffen bleiben müssen, weil kein Land sie an Land gehen lässt. Gegen diese Gewöhnung stehen wir hier.

Seenotrettungsschiffe sind in den vergangenen Monaten massiv von europäischen Ländern wie Italien und Malta behindert worden. Ihnen wurde und wird die Einfahrt in Häfen verweigert, wenn sie Flüchtlinge an Bord haben, oder die Ausfahrt zu Rettungsmissionen verweigert. Auch dubiose juristische Verfahren wurden gegen Kapitäne oder Inhaber der Schiffe eröffnet. Wie beurteilen Sie dieses Verhalten?

Wie soll man das nennen, wenn nicht nur keine Hilfe geleistet wird, sondern Helfer auch noch behindert und kriminalisiert werden? Welches Zeichen wird hier für Freiwillige gesetzt, die sich für die Lebensrettung einsetzen? Sollen alle Angst haben, dass sie nachher verklagt und gegebenenfalls bestraft werden? Hier läuft etwas ganz gewaltig schief.

Jüngste Rettungsfahrten wie aktuell der Sea-Watch 3, die 47 Flüchtlinge an Bord hat und weiter auf Erlaubnis wartet, einen sicheren Hafen anzusteuern, haben jeweils ein langes Tauziehen von Staaten der EU zur Folge, wer wie viele Flüchtlinge aufnimmt, bevor eine Hafeneinfahrt erlaubt wird. Und das, obwohl es um vergleichsweise wenige Flüchtlinge geht. Wird da ein Grundsatzstreit auf dem Rücken von Hilfsbedürftigen ausgetragen?

Ganz offensichtlich. Ich habe sogar etwas Verständnis für Malta und Italien: Diese beiden Länder werden mit der Problematik alleingelassen. Dass die dann irgendwann einmal Stopp sagen, kann ich verstehen. Und immerhin hat Italien mit seiner Haltung schon mehrfach dafür gesorgt, dass das möglich wurde, wo­rum schon seit Jahren gestritten wird, nämlich dass die Flüchtlinge verteilt werden. Aber dass das nur so möglich wurde, ist ein absolutes Armutszeugnis für Europa und seine vielbeschworenen Werte.

Kritiker der Seenothilfe argumentieren, dass jeder Mensch, der aus dem Meer gerettet wird, andere ermutige, ebenfalls den Weg über das Meer zu wählen. Tatsächlich scheint diese Abschreckungspolitik der EU dazu geführt zu haben, dass die Zahl der Flüchtlinge, die Europa über das Mittelmeer erreichen, in den vergangenen beiden Jahren zurückgegangen ist. War die Politik der Abschottung etwa von Italiens Innenminister Salvini also erfolgreich?

Wenn es schon ein Erfolg ist, dass statt 5000 nur 3000 ertrinken: ja. Aber das ist ein hoher Preis. Und so einfach, wie es klingt, ist es auch nicht. Viele Bootsflüchtlinge kennen das Risiko gar nicht. Sie haben keine Vorstellung davon, wie weit es von Libyen bis Italien oder Malta ist. Freiwilige berichten, dass viele Gerettete ganz erstaunt sind, wie weit es dann noch bis Italien ist. In dem Moment, in dem sie auf das Boot gehen, können sie oft nicht mehr frei entscheiden. Und die menschenunwürdigen Lager in Libyen - teils von der EU unterstützt - sind keine Alternative. Menschen, die nichts zu verlieren haben, gehen alle möglichen Risiken ein.

Das ganze Interview lesen Sie in der Printausgabe des Dom- Nr. 6 vom 10. Februar 2019

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