Grundstein für eine Jugendpastoral

Der Fußballklub „Domino“ des Salesianerordens in der Slowakei

Im Stadtteil Trnávka der slowakischen Hauptstadt Bratislava sind die meisten Menschen fußballverrückt. Mehr als 300 Kinder und Jugendliche des Viertels haben beim „SDM Domino“ eine Heimat gefunden. Die ständig belegte Sportanlage des Fußballklubs der Salesianer ist eine der attraktivsten der Stadt. Erst kürzlich wurde ein neues Spielfeld eingeweiht. Foto: Renovabis

 

Bratislava. Der „SDM Domino“ hat alles, was einen Fußballklub ausmacht. Ein Dutzend Mannschaften, Sportplätze, Spiel- und Trainingspläne, Betreuer, Zuschauer nebst einer passablen Fan-Kultur mit Trikots, Fahnen und Schals in den Vereinsfarben gelb und blau. Dass „Domino“ ein junger Verein ist, ohne die Geschichte eines etablierten Traditionsklubs, verrät das Gründungsjahr 1996 auf dem Vereinswappen. Das Emblem irritiert aus einem weiteren Grund. Auf den Domino-Insignien prangt das Konterfei eines Mannes, den Fußballfreunde nicht unbedingt mit der Jagd nach Toren und Punkten verbinden: des Gründers des Salesianerordens und Pioniers der pädagogischen Jugendarbeit – Don Giovanni Bosco. „Ich kenne keinen anderen Fußballverein“, sagt Pater Tibor Reimer mit Freude und Stolz, „der von einem Orden geleitet wird.“

In nur zwanzig Jahren gelang es den Salesianern aus Bratislava, den größten Verein für Jugendfußballer in der slowakischen Hauptstadt aufzubauen. Und das im Stadtteil Trnávka, der früher reichlich verrufen war. Die Bewohner nannten das Viertel am Rande der Stadt „Mexiko“. „Weil es dort wild und gesetzlos zuging“, erinnert sich Pater Tibor.

Wo die Menschen Halt und Sicherheit ersehnten, wo billiges Land brach lag, gründeten die Don-Bosco-Brüder Mitte des letzten Jahrhunderts eine Kommunität. Sie legten damit den Grundstein für eine Jugendpastoral, die heute bereits Früchte trägt. Über 300 Kinder und Jugendliche, von den Minikickern bis zur hochklassig spielenden A-Jugend, haben im „Domino“ eine Heimat gefunden, die weit über den Horizont des grünen Rasens hinausreicht.

Bratislava ist eine sportbegeisterte Stadt. Neben dem Eishockey rangiert das Spiel um das runde Leder ganz oben. In sozialistischer Zeit standen den Kickern vierzig Spielplätze zur Verfügung. Heute sind es noch zehn. Die Sportanlagen fielen den explodierenden Grundstückspreisen zum Opfer und mussten Immobilien, Bürokomplexen und Einkaufszentren weichen. Hingegen konnten die Salesianer auf dem klostereigenen Terrain für die wachsende Zahl der jungen Vereinsmitglieder unlängst einen neuen Spielplatz einweihen. Dass der Rasen mit Weihwasser und Gottes Segen im Rahmen eines Familienfestes mit zweitausend Vereinsfreunden seiner Bestimmung übergeben wurde, unterstreicht das Motto von „Domino“: „Wir kämpfen mit Leib und Seele – auf dem Spielfeld und im Leben.“

Benannt wurde der Klub nach dem Jungen Dominikus Savio, der 1842 mit vierzehn Jahren in Turin an Lungentuberkulose starb und 1954 heiliggesprochen wurde. Er galt als Lieblingsschüler Don Boscos, weil er sich durch Mut und Klugheit bei der Schlichtung von Streitereien hervorgetan hatte. Der christliche Hintergrund mag eine Rolle gespielt haben, dass die Startphase von „Domino“ etwas holprig verlief. Als „Priesterverein“ belächelt, wurde der Verein zwar für sein Engagement gelobt, sportlich aber nicht ernst genommen. Das änderte sich, als mit Tibor Reimer 1998 nicht nur ein promovierter Pastoraltheologe und Hochschullehrer, sondern auch ein leidenschaftlicher Freizeitfußballer die Ehrenpräsidentschaft übernahm. Nach seinem Bekunden, „ein Amt ohne Macht, doch mit viel Arbeit“.

1968 in der Tschechoslowakei geboren, war Reimer nach dem Ende des Prager Frühlings und dem Einmarsch der Roten Armee mit seiner Familie in den Westen geflohen, wo er in München aufwuchs und in Rom studierte. Sein Anliegen heute: Jugendlichen in den bunten aber auch diffusen postmodernen Lebensentwürfen Orientierungshilfen zur eigenen Identitätsbildung zu geben. Sprich: „Nicht mehr Konsument, sondern Produzent seines Lebens zu werden.“

Statistiken zufolge bekennen sich knapp sechzig Prozent der jungen Slowaken zum Katholizismus, nur jeder zehnte Jugendliche kann mit Religion nichts mehr anfangen. Um das Potenzial des ganzheitlich christlichen Menschenbildes zu entfalten, erweist sich für Pater Tibor der Ball als idealer Vermittler. „Es geht ja nicht darum, bloß die sportliche Leistungsfähigkeit zu steigern, sondern jungen Menschen durch eine integrale Erziehung zu helfen, im Leben zu Persönlichkeiten heranzuwachsen. Der Fußball unterstützt die Selbstdisziplin und den individuellen Willen und fördert als Mannschaftssport zugleich Achtsamkeit und Gemeinschaftssinn.“

„Auf dem Platz spielt der Glaube keine Rolle“, sagt Juraj Chribik, seines Zeichens Trainer der A-Jugend-Mannschaft. „Auch wenn die Fairness ganz oben steht, so haben wir natürlich auch sportliche Ambitionen.“ Der ehemalige Coach eines slowakischen Zweitligavereins kam 2010 zu „Domino“ und ließ die unselige Mentalität des Heuerns und Feuerns im Fußballgeschäft hinter sich. „In der Slowakei wechseln die Trainer ständig“, so der 38-Jährige. „Sponsoren wollen vorzeigbare Ergebnisse. Und zwar sofort. Im Gegensatz zu Deutschland findet hier keine langfristige und geduldige Aufbau- und Jugendarbeit statt.“ Das bestätigt auch Tomáš Sykora, der 18-jährige Spielführer der A-Jugend. „Ich bin kein Katholik, aber ‚Domino‘ unterscheidet sich wirklich von anderen Vereinen. Die Trainer sind kompetent, menschlich und freundlich, und der Zusammenhalt ist klasse. Auch ohne Leistungsdruck. Woanders wird auf den Plätzen ständig gemeckert und herumgeschrien.“

„Domino“ hat sich zu einem attraktiven Verein entwickelt. Längst zieht es Jungen und Mädchen aus allen Stadtteilen Bratislavas zu den Salesianern. „Was die fußballerische Entwicklung ihrer Kinder angeht, da sind manche Eltern extrem ehrgeizig“, sagen Lucia und Marian Haverlik. „Das ist hier anders.“ Das Ehepaar lebt mit seinen drei Kindern östlich von Bratislava. Gewiss wäre es einfacher, ihren Sohn Michal zu einem nähergelegenen Klub zu schicken. Doch gemeinsam mit anderen Familien teilen sich die Haverliks die langen Anfahrten. „Unser Junge soll Freude am Spiel haben“, sagen sie, während der siebenjährige Lockenkopf mit seinen Freunden dem Ball nachjagt. „Wir wollen ein zufriedenes Kind und keinen neuen Lionel Messi.“

Rolf Bauerdick

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