„Gott die Ehre geben“

„Wunder geschehen nicht aus Freude am Außergewöhnlichen, sondern sie dienen in den Evangelien immer dem einen Anliegen Jesu, nämlich die Menschen zum Glauben an Gott zu führen.“

 

Wunder sind Zeichen, die über sich hinaus verweisen. Sie wollen eine Hilfe sein im Glauben an Gott.

von Burkhard Neumann

Würden wir gefragt, worum es in diesem Evangelium geht, wäre die Antwort wahrscheinlich, es ginge darin um Dankbarkeit. So einleuchtend das auf den ersten Blick sein mag, schaut man genauer hin, dann scheint es nicht zu passen. Denn Jesus beschwert sich nicht darüber, dass die anderen neun Geheilten nicht dankbar gewesen sind. Warum auch, schließlich haben sie genau das getan, was sie sollten. Sie sind zu den Priestern gegangen, die allein bestätigen konnten, dass sie geheilt sind. Vielmehr wundert sich Jesus darüber, dass nicht mehr von den Aussätzigen umgekehrt sind, „um Gott zu ehren“ (Lk 17,18).

In diesem kleinen Satz liegt der Schlüssel zum Evangelium. Durch sein Wort hat Jesus die Aussätzigen geheilt. Er hat, wie wir sagen, ein Wunder getan. Wenn wir von Wundern reden, dann achten wir auf das Außergewöhnliche, das dabei passiert, und fragen, ob und wie das möglich sein konnte. Wenn die Bibel von Wundern redet, geht es ihr um etwas anderes. Ein Wunder ist ein Zeichen; ein Zeichen, das auf etwas anderes hinweist, oder besser: das auf jemanden hinweist, nämlich auf Gott, und das die Menschen zum Glauben, zum Vertrauen auf diesen Gott hinführen will.

Wunder geschehen nicht aus Freude am Außergewöhnlichen, sondern sie dienen in den Evangelien immer dem einen Anliegen Jesu, nämlich die Menschen zum Glauben an Gott zu führen. Sie sind Zeichen, die auf Gott hinweisen. Und so, wie ein Verkehrszeichen, das die Entfernung zum nächsten Ort angibt, uns nur dann weiterbringt, wenn wir nicht vor diesem Schild stehenbleiben, sondern seiner Richtung folgen, so erfüllt das Wunder nur dann seinen Zweck, wenn wir es als Zeichen verstehen, das uns auf Gott hinweist, und wir ihm folgen.

Wer zur Zeit Jesu aussätzig war, der war aufgrund seiner Ansteckungsgefahr ausgeschlossen vom normalen Leben der Menschen und ebenso vom Gottesdienst im Tempel in Jerusalem. Indem Jesus diese Aussätzigen heilt, setzt er ein Zeichen. Denn er zeigt, wer der Gott ist, den er verkündet: ein Gott, der den Menschen heil machen will; ein Gott, der die Menschen nicht aussondert, sondern sie zu sich ruft; ein Gott, der gerade mit den Kranken, den Schwachen, mit denen, die Erbarmen nötig haben, Mitleid hat und ihnen nahe sein will. Das will dieses Wunder Jesu zeigen. Und darum das Erstaunen, ja die Trauer Jesu, als nur einer, und zwar ausgerechnet der Fremde, der „Irrgläubige“, als einziger dieses Zeichen richtig verstanden und zu Gott gefunden hat. Denn er allein tut das, was alle zehn hätten tun sollen: in diesem Wunder Jesu das Zeichen sehen, das ihn zu Gott weist; das Zeichen erkennen für die Nähe Gottes zu den Menschen und darum diesem Gott die Ehre geben. Dass dieser eine so zu Gott gefunden hat, das erst hat ihm wirklich geholfen, das erst hat ihn wirklich ganz heil und ganz gesund gemacht.

Gott die Ehre geben – was die Wunder Jesu damals wollten, das wollen heute die Erzählungen der Evangelien. Sie wollen ein Zeichen sein, das uns auf Gott hinweist, damit wir zu ihm finden, an ihn glauben, ihm vertrauen. Und wie damals kann es auch heute passieren, dass die Fremden, die Andersgläubigen, diejenigen, die am Rand oder auch außerhalb der Kirche stehen, besser erkennen, was diese Zeichen Jesu bedeuten und dass sie Gott tatsächlich die Ehre geben und ihm ganz und gar vertrauen.

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