Die Hoffnung Jesu

Großbritannien und die EU: Wer ist wessen Opfer? Beim Brexit stehen sich die Lager unversöhnlich gegenüber. Foto: dpa

 

Weil er uns liebt, sind wir für Jesus keine hoffnungslosen Fälle.

von Burkhard Neumann
 
„Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr nicht umkehrt.“ (Lk 13,3.5) Das trifft jeden, der es hört, und es tut weh. Entweder, weil wir unwillkürlich widersprechen möchten oder – und darum geht es ja – weil wir dann doch spüren, dass Jesus recht hat.
Zwar wird hier – wie an vielen anderen Stellen der Bibel – eine Vorstellung zurückgewiesen, die ganz tief in den Menschen sitzt, die Vorstellung, dass Leiden und Tod eine Strafe Gottes sind. Dass Jesus sie so eindeutig zurückweist, hat dann aber nicht das zur Folge, was die Hörer damals genauso wie wir heute eigentlich erwarten würden, dass nämlich die genannten Opfer ebenso unschuldig waren wie wir. Stattdessen ist es genau umgekehrt – sie sind genauso schuldig wie alle anderen.
 
Und auf einmal sind nicht mehr sie, die anderen, im Blick, sondern wir selbst. Auf einmal wird uns durch Jesus wieder einmal – wie so oft in den Evangelien – zugemutet, uns selbst ehrlich in den Blick zu nehmen. Und das tut Jesus nicht dadurch, dass er uns unsere Schuld vorhält, sondern ähnlich wie bei der Geschichte mit der Ehebrecherin, von der das Johannesevangelium berichtet, auf eine Weise, bei der wir spüren, dass wir tatsächlich keinen Grund haben, uns in irgendeiner Weise besser zu fühlen als andere oder uns über sie zu erheben.
 
Sich das einzugestehen ist nicht einfach, denn allzu groß ist die Versuchung, sich selbst immer in das beste Licht zu stellen und zu entschuldigen, alles Mögliche zur eigenen Entlastung anzuführen. Dabei haben wir andererseits keine Probleme, das Fehlverhalten anderer sehr genau wahrzunehmen und ganz genau zu wissen, wo Gut und Böse verlaufen.
Da ist Jesus realistischer: „Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr nicht umkehrt.“ So ist das. So sind wir Menschen, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Belege dafür gab und gibt es mehr als genug, wenn wir sie denn nur wahrhaben wollen.
Aber – und hier wird der Text dann auf einmal doch zum Evangelium, zur Frohen Botschaft – damit hört es nicht auf. Denn nun schließt sich dieses geheimnisvolle Gleichnis vom Winzer an, der Gott noch einmal um eine Frist bittet, bevor der unfruchtbare Feigenbaum umgehauen wird. Das klingt, als gäbe es doch noch jemanden, der die Hoffnung auf uns Menschen nicht aufgegeben hat; die Hoffnung auf Umkehr, auf das Fruchtbringen. Und wen sollten wir sonst darin sehen dürfen als Jesus selbst? In seiner Verkündigung und seinem ganzen Auftreten will er nichts anderes erreichen, als noch einmal dafür zu sorgen, dass der Feigenbaum Frucht bringt, dass die Menschen umkehren und nicht verloren gehen.
 
Und wie die ausgebreiteten Arme des Gekreuzigten zeigen, ist das seine Geste bis zum Ende unseres Lebens und bis zum Ende der Welt: dass er gleichsam bittend vor Gott steht und alles tut, um uns Menschen zur Umkehr zu verhelfen, weil er die Hoffnung auf uns nicht aufgibt; die Hoffnung, dass am Ende seine Liebe und Fürsorge siegen werden und nicht die Bosheit der Menschen und damit die Fruchtlosigkeit ihres Lebens und Handelns.
Bis zum Ende bleibt er derjenige, der die Hoffnung nicht aufgibt auf uns Menschen. Und braucht es nicht gerade diese letztendlich göttliche Hoffnung, um die Hoffnung mit uns Menschen, mit der Kirche und mit der Welt nicht aufzugeben?

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