Das richtige Maß finden

Pfarrer Johannes Insel beantwortet die Frage, wie ein Mensch helfen kann, ohne sich zu überfordern

„Üben, üben, üben!“: Das gilt nicht für das Geigenspiel, sagt Johannes Insel, hier in der Bonifatius-­Buchhandlung. Üben und Rituale, so der Notfall-­Seelsorger, festigen das Leben. Foto: Flüter

 

Hochstift Paderborn/Warburg. Wenn Johannes Insel vor einem Publikum aus seinem Buch vorliest, dann nimmt er zuerst seine Violine zur Hand und spielt ein Stück von Johann Sebastian Bach. Im Musizieren spiegelt sich für den Warburger Pfarrer vieles wider, das wichtig ist im Leben: Offenheit, Kreativität, Entspannung, aber auch die Regelmäßigkeit des Übens. So hat es Johannes Insel geschafft, seine Kraft zurückzugewinnen, als er vor vielen Jahren eine Krise erlebte.

Johannes Insel ist ein beliebter Referent. Er wird vor allem zu solchen Fortbildungsveranstaltungen eingeladen, die für Helfer stattfinden – Sanitäter, Feuerwehrleute, Mitarbeiter in Hilfsorganisationen.

Wenn er vor ihnen redet, geht es um das richtige Maß: Wie kann ein Mensch sich einbringen, ohne sich dabei auf Dauer zu überfordern? Jetzt hat er darüber auch ein Buch geschrieben, das er in der Paderborner Bonifatius-­Buchhandlung vorstellte.

Johannes Insel weiß, wovon er spricht und schreibt. 1999 wurde der Soester Pfarrer ein „Feuerwehr-Seelsorger“. „Das ist dein Ding!“, erinnert er sich an seine damaligen Gefühle: „Endlich effektiv für andere da sein – im Grunde rund um die Uhr. Den Melder auf dem Nachttisch – Tag und Nacht einsatzbereit – das hatte etwas – das ,Mehr‘ ...“

Der Pfarrer geht in den folgenden Jahren vollkommen in seiner zusätzlichen Aufgabe auf, übernimmt immer mehr Verantwortung, erhält viel Anerkennung. Aber er missachtet seine Grenzen.

Die Wende kommt, als Johannes Insel spürt, dass er so nicht mehr weitermachen kann. „Die Situation ist wie kurz vor dem Ertrinken und du greifst mit den Händen nach den letzten Planken.“

Johannes Insel hat den Neuanfang in Münsterschwarzach gesucht. Das dortige „Recollectiohaus“ ist Teil eines Benediktinerklosters. Der Pfarrer stellt sein Leben – auch mit der Hilfe von Pater Anselm Grün, den er als verständnisvollen Helfer kennenlernt – grundsätzlich in Frage: „Es gab kein Tabu.“

Beim Neuanfang hilft ihm der Alltag im Recollectiohaus, das sich der Benediktinerregel unterordnet. Das heißt: geregelt leben, aufmerksam sein, auf den Körper hören. „Wie oft bin ich gegen meinen Körper angerannt“, erinnert er sich, „nach einem fünfstündigen nächtlichen Einsatz habe ich natürlich standhaft behauptet, ich sei überhaupt nicht müde.“

2002 war Johannes Insel in Münsterschwarzach und er hat danach auch sein Leben zu Hause umgekrempelt. Fast ist es so, als lebte er die Benediktinerregel zu Hause: steht früh auf, betet, treibt Sport, versucht, aufmerksam sein. „Rituale sind wichtig“, glaubt er, „sie verankern uns im Leben.“ Das heißt: „Üben, üben, üben“, in allen Bereichen des Lebens, auch mit der Geige.

In sich selbst verankert ist Johannes Insel heute – auch wenn er immer noch Notfallseelsorger ist. Den Notfallpieper hatte er auch bei der Lesung in der Bonifatius-­Buchhandlung in der Tasche: Auf dieses „Mehr“ an Spannung im Leben kann und will er nicht verzichten.

Karl-Martin Flüter

Literaturhinweis:

Johannes Insel: Meine Kraft zurückgewinnen.

Bonifatius Verlag 2014

111 Seiten; 13,90 Euro

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