„Das ist ein weltweites Problem!“

Schonungslose Worte beim Anti-Missbrauchstreffen im Vatikan

Mahnwache von Opfern in Rom. Foto: KNA

 

Rom (KNA/EB). Mit einer Ansprache von Papst Franziskus am Sonntag ist das weltweite Gipfeltreffen zu Missbrauch und Kinderschutz in der katholischen Kirche beendet worden. Vier Tage hatten 190 Bischöfe und Ordensobere aus der ganzen Welt Zeugnisse von Opfern gehört, Referate gehört und in Arbeitsgruppen beraten. In einer Erklärung kündigte der Vatikan erste Maßnahmen an.

„Das ist ein weltweites Problem! Welchem Bischof muss das noch erklärt werden?“, empörte sich Denise Bucha­nan aus Jamaika. Als eine Vertreterin des internationalen Netzwerkes „Ending Clergy Abuse“ (Ende des Missbrauchs durch Kleriker) demonstrierte sie mit bis zu 40 weiteren Betroffenen auf den Plätzen rund um den Vatikan für „Null Toleranz“ in Sachen Missbrauch.

Am Ende des ersten Tages des Bischofstreffens versammeln sich gut 20 Opfer von Missbrauch in der katholischen Kirche sowie ein gutes Dutzend weiterer Unterstützer auf der Grünfläche vor den trutzigen Mauern der Engelsburg. „Vigilfeier für Gerechtigkeit“ nennen sie das Treffen mit einem mitgebrachten Holzkreuz.

Während der Versammlung in Rom finden die Opfer Gehör, begleitet von Kamerateams aus aller Welt. Für fast alle von ihnen war das jahrzehntelang nicht der Fall. Wenn jemand – oft erst Jahre später – wagte, davon zu berichten, stieß er auf abweisende Mauern des Schweigens und Leugnens. Jeder der Demonstranten vor der Engelsburg kann davon erzählen. So wie die Opfer von Missbrauch, deren Zeugnisse zu Beginn des knapp viertägigen Anti-Missbrauchsgipfels in der vatikanischen Synodenaula als Ton­aufnahme abgespielt werden.

Von einem Südamerikaner bekommen die 190 Gipfelteilnehmer zu hören: „Das Erste, was sie taten, war, mich als Lügner zu behandeln und zu behaupten, ich und andere seien Feinde der Kirche.“ Beim Eröffnungsgebet trägt Hans Zollner, Mitglied der Päpstlichen Kinderschutzkommission, ebenfalls eine Aussage vor: „Niemand hat mich angehört, weder meine Eltern, meine Freunde noch später die Kirchenoberen. Sie haben mich und mein Weinen nicht angehört. Warum? Und warum hat Gott mir nicht zugehört?“ Im Saal herrscht Stille.

Und als am Freitagabend eine etwa 50-jährige Frau den Kirchenoberen ausführlich berichtete, wie ein Priester sie als Kind über fünf Jahre hinweg vergewaltigte, sie zu drei Abtreibungen zwang und den Rest ihres Lebens zerstörte, war dies einer der bedrückendsten Momente des Treffens. „Dieser Gipfel hat uns wirklich verändert. Da ist etwas mit uns passiert in dieser Aula!“, sagte die nigerianische Ordensobere Veronica Openibo.

Die Menschen wollen „von uns nicht nur erwartbare, einfache Verurteilungen, sondern konkrete und wirksame Maßnahmen“, hatte Papst Franziskus als Ziel des Treffens ausgegeben. Auf dem Weg dahin seien Glaube, Redefreiheit, Mut, Klarheit und Kreativität nötig. Die Impulse für den ersten Tag sollen Betroffenheit wecken, aber auch Mut machen, „damit der Kampf gegen Missbrauch und Vertuschung zu einer Herzensangelegenheit wird“, wie Zollner betont.Um das notwendige Verantwortungsbewusstsein weiter zu schärfen, redet Manilas Kardinal Antonio Tagle auf seine Mitbrüder und die zehn Ordensoberinnen ein. „Die Vertuschung des Skandals zum Schutz der Vergewaltiger und der Institution hat unser Volk gebrochen“, so der 62-Jährige ergriffen. Es sei nötig, den „ärmlichen Umgang mit diesen Verbrechen“ einzugestehen. Die Bischöfe müssten sich bewusst sein, dass sie diese Vergebung nicht verdienten.

Den ganzen Text finden Sie in der Print-Ausgabe des Dom Nr. 9/2019 ab Seite 7.

Diesen Artikel teilen:

Ähnliche Artikel