„Ballast beiseite lassen“

Johannes Schäfers über Warten und Verzicht, Sinn und Inhalt der Fastenzeit

Erzbistum. In der Fastenzeit bereiten sich Christen 40 Tage lang auf das Osterfest vor. Doch was heißt das heute eigentlich – fasten? Der DOM sprach mit Johannes Schäfers, Gemeindereferent in Paderborn und Referent der Diözesanstelle Berufungspastoral, über die Frage, welche Rolle „verzichten“ in der Fastenzeit heute spielt, und über die Chancen, in den Wochen bis Ostern Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

DOM: Herr Schäfers, heißt Fastenzeit grundsätzlich immer Verzicht?

Schäfers: Für mich bedeutet Fastenzeit die Herausforderung, Klarheit darüber zu haben oder zu bekommen, was einem wirklich wichtig ist. Nachzuspüren und nachzufühlen, was in der Beziehung zwischen einem selbst und Gott an bedeutsamen Faktoren da ist. Verzicht ist da schon eine Übung in dem Sinne, Unwichtiges und Ballast beiseitezulassen und stattdessen zu schauen, was an Wesentlichem und Bedeutsamen in meiner Beziehung zu Gott existiert.

Verzicht meint also in diesem Zusammenhang nichts Negatives?

Ich verstehe darunter eher eine Bewusstseinsübung, um herauszufinden, was wichtig ist – also absolut nichts Negatives! Das ist sicherlich herausfordernd, weil man von dem Gewohnten den Blick auf das richtet, was wirklich bedeutsam ist.

Abschied von der Bequemlichkeit?

Von der Alltagsroutine! Man kann natürlich noch ein bequemes, also zufriedenes Leben haben. Aber es geht darum, das Leben nicht auf Alltäglichkeiten zu reduzieren, sondern es bewusster wahrzunehmen.

Trotzdem steht Fastenzeit landläufig für eine 40 Tage dauernde Phase, in der zum Beispiel Süßigkeiten oder Alkohol tabu sind oder Autofahren und Handynutzung eingeschränkt werden. Was ist denn davon zu halten?

Das gehört – auch mit Blick auf die Fastenregeln der katholischen Kirche – sicherlich dazu. Aber für mich ist diese Zeit eher dazu gedacht, bewusster seinen Glauben zu leben und entsprechend zu handeln – etwa im caritativen Sinn. Beide Aspekte haben ihre Berechtigung.

Wie bekommt man als Christ in der Fastenzeit solche Handlungsweisen mit dem Trend unter einen Hut, sich alles möglichst sofort und ohne Wartezeit zu gönnen?

Genuss sofort – viele können es sich heute leisten, auf etwas nicht mehr warten zu müssen oder für eine Sache zu sparen, das stimmt! Diese Entwicklung stellt heute natürlich eine besondere Herausforderung dar, gerade für junge Menschen. Ich habe gerade mit Schülern einer Oberstufenklasse darüber gesprochen, was für sie Fastenzeit bedeutet. In diesem Zusammenhang hieß es beispielsweise, dass auf Süßigkeiten oder Fleisch verzichtet wird, um sich selbst deutlich zu machen, dass es etwas Besonderes ist, sich diesen Lebensstandard leisten zu können.

Ist denn Fastenzeit für junge Menschen noch ein Thema?

Ich denke schon, allerdings auf ganz unterschiedliche Art und Weise! Vielen fällt bei Fasten zuerst einmal der körperliche Aspekt ein: Fasten um abzunehmen. Unter den Schülern, über die ich gerade gesprochen habe, waren aber auch einige, die diese von der Kirche gesetzte Zeit nutzen, um sich in manchen Zusammenhängen bewusster zu werden – allerdings nicht unbedingt aus religiösen Motiven. Der Kalender gibt da sozusagen einen Anstoß, der genutzt wird, ohne sich die religiösen Aspekte direkt vor Augen zu führen.

Sie haben vom Warten gesprochen. Das gilt heute immer mehr als verlorene Zeit. Was bedeutet Warten für Sie?

Warten ist auch eine geistliche Übung; eben weil man nicht alles sofort haben kann oder muss. Für Christen ist Warten eine natürliche Haltung. Wir warten auf das Wiederkommen des Herrn. Aber Warten lernen, Sehnsucht zu haben und zu hoffen, ist für jeden Menschen wichtig.

Warten, Hoffnung, Sehnsucht – ein schöner Dreiklang! Dem steht aber die allgemeine
Reizüberflutung gegenüber.

Häufig hasten wir atemlos von Erlebnis zu Erlebnis, von einem Impuls zum nächsten, ohne etwas vollends zu erleben. Etwa bei einem schönen Sonnenuntergang: Da werden die Handys gezückt, um ihn zu fotografieren, statt diesen Moment wirklich voll auszukosten. Wir speichern so ein Erlebnis ab, statt es zu erleben.

Sie sind ja auch Autor der „Exerzitien im Alltag“. Was können Gläubige dort finden?

Sie sind eine gute Übung, um sich zu fragen, wie und wo gibt es den Platz für Christus, für die Gottesbegegnung im alltäglichen Leben. Ich glaube, dass die Exerzitien im Alltag, wie sie das Erzbistum anbietet, zeigen, wie man sich besondere Freiräume schaffen kann, in denen man Gott begegnen kann. 2016 machen wir etwas Besonderes: Die „Wortmotive“, wie sie in diesem Jahr heißen, sind gut dazu geeignet, in den Alltag eingebaut zu werden. Wir gehen von kurzen Texten, einzelnen Worten und prägnanten Bildern aus, die ins alltägliche Leben hereingenommen werden. Für uns war es wichtig, damit etwas anzubieten, was Gläubige durch den ganzen Tag begleitet. Das kann ein einzelnes Wort sein wie „jetzt“ oder „außerhalb“, das in unterschiedlichen Situationen seine Bedeutung entfaltet.

Worauf legen Sie persönlich Wert in der Fastenzeit?

Ich versuche, weniger Zeit zu verschwenden: Ich habe oft das Gefühl, dass ich Zeit verschwende, wenn ich zum Beispiel bei Facebook im Internet bin oder mich mit einem Thema befasse, das gar nichts bedeutet. Ich möchte bewusster mit meiner Zeit umgehen, aber auch mit der Zeit anderer Menschen; bei Gesprächen oder Begegnungen.

Interview: Andreas Wiedenhaus

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