Aufbruch wohin?

Gedanken zu Joh 14,1-12

In der Nachfolge Jesu gehen wir zielsicher einen Weg, der in die ewige Bleibe im Hause Gottes führt.

von Ancilla Ernstberger

Das Denkmal „Auswandererfamilie“ in Bremerhaven hat Jürgen Teute mit einem großen Segelschiff im Hintergrund fotografisch festgehalten. Es trägt den Titel: „Aufbruch in eine ungewisse Zukunft“. Dargestellt ist eine vierköpfige Familie. Der Vater strebt mutigen Schrittes voran, die linke Hand wegweisend schräg nach oben ausgestreckt, mit der rechten fasst er den Sohn an der Hand. Dieser bildet mit der kleineren Schwester und der Mutter eine Gruppe. Das Mädchen streckt hilfesuchend die Arme zur Mutter hinauf, als wolle es auf den Arm genommen werden. Die Frau schaut sorgenvoll zurück. Sie ist gebeugt und bildet das Gegengewicht zu ihrem – sich dem Licht zuwendenden – Mann. Diese Situation des Abschieds und des Aufbruchs zu neuen Ufern drückt sich im Bild spannungsreich aus. Während sich der Mann offenbar visionär die Ankunft im neuen Land ausmalt, sich in aufrechter Haltung dem Unbekannten stellt, sträubt sich die Frau, die sich an das Gewohnte klammert. Der Abschied fällt ihr schwer, weiß sie doch nicht, was sie in Zukunft erwartet.

Um Abschied und Aufbruch geht es auch im Evangelium dieses Sonntags, das aus den Abschiedsreden Jesu im Johannes-Evangelium genommen ist. Dabei handelt es sich aber nicht um einen einsamen Aufbruch ins Ungewisse. Jesus geht den Weg voraus und bereitet seine Jünger auf seinen Abschied und das Wiedersehen vor. Dabei greift er im ersten Teil der Abschiedsrede die Fragen und Ängste der Apostel auf: Thomas gibt an, nicht zu wissen, wohin Jesus geht. Philippus bittet ihn, Jesus möge ihnen den Vater zeigen. Ihre Bedenken und Zweifel durchziehen diesen Text. Deshalb wirkt Jesus schon gleich zu Beginn ihren Ängsten entgegen, indem er sie an die gemeinsame Zeit mit ihm erinnert. Er ruft ihnen ins Gedächtnis, was sie schon gesehen haben und kennen. Des Weiteren zeigt er eine Perspektive auf:

„Euer Herz lasse sich nicht verwirren … Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“ Jesus versteht die Befürchtungen der Menschen, alleingelassen zu werden, er versteht ihre Sorge, einer ungewissen Zukunft ausgeliefert zu sein, weiß er doch um die Sehnsucht nach etwas Bleibendem. Ähnlich wie die „Auswandererfamilie“ in die „neue Welt“ aufbrach, allerdings nicht sicher war, ob sie auch bleiben durfte oder zurückgeschickt werden würde, so geht es den Jüngern Jesu, geht es den Menschen heute: Wir sind unterwegs in eine neue Welt.

Für dieses Unterwegssein bietet sich Jesus als „Weg, Wahrheit und Leben“ an. Wer dies annimmt und darauf vertraut, gelangt voranschreitend an ein sinnvolles Ziel. Gegen den unvermeidlichen Abschiedsschmerz setzt Jesus den Glauben. Dieser Glaube geht nicht ins Leere, sondern orientiert sich am Herrn selbst. Jesus hat sich in Gott festgemacht und lebt aus dieser Beziehung, die er seinen Jüngern nicht vorenthalten will, indem er wirbt: „Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist, wenn nicht, glaubt wenigstens aufgrund der Werke.“ Aufgrund dieser innigen Verbindung mit dem Vater, die am Leben Jesu selbst abzulesen ist, ist die vom Sohn aufgezeigte Perspektive kein Luftschloss. Wer sich auf Jesus als „Weg, Wahrheit und Leben“ einlässt, erlangt Anteil an ihm – mit allen Konsequenzen. Dessen Leben verliert sich nicht im „Widerstreit der Meinungen“, wie Paulus es formuliert (Eph 4,14), sondern der gewinnt neues Leben.

Dieses Leben findet Heimat in Jesus Christus – schon hier. Mit ihm unterwegs gelange ich an den für mich vorbereiteten Platz, wo mich eine passende Bleibe im Hause Gottes erwartet.

Zur Autorin

Sr. M. Ancilla Ernstberger ist Oberin der Augustiner Chorfrauen im Michaelskloster in Paderborn.

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