Neue Ideen auf alten Fundamenten
Einen geschichtsträchtigen Ort so gestalten, dass er seine Wirkung heute und in Zukunft weiter entfalten kann: Mit welchen Herausforderungen das verbunden ist, zeigt das Beispiel des Klosters Wedinghausen in Arnsberg.
Jahrhundertealte Balken, sorgsam freigelegtes Mauerwerk, faszinierende Wandmalereien und ein weiter Blick über die Dächer von Arnsberg – was nach dieser Beschreibung im ersten Moment für viele nach Traumimmobilie klingen mag, ist in erster Linie ein Ort von tiefer geistlicher und historischer Bedeutung. Kein gewöhnliches Objekt, bei dem ein möglichst großer Gewinn erzielt werden soll. Frisch renoviert und voller sorgfältig konservierter Spuren und Schätze aus vergangenen Tagen wartet das Kloster Wedinghausen darauf, weiter mit Leben gefüllt zu werden, damit die Geschichte dieses Ortes fortgeschrieben werden kann. Und so gesehen muss es in gewisser Weise doch „vermarktet“ werden.
Stephan Schröder ist Propst der angrenzenden Propsteipfarrei St. Laurentius in Arnsberg und ist sich des Umfangs dieser Aufgabe wohl bewusst: „Wir haben hier einen geschichtsträchtigen Ort, den wir in die Zukunft tragen müssen.“ In den vergangenen Jahren wurde bereits viel modernisiert und bei all den Renovierungen wurden immer mehr historische Zeugnisse ans Licht gebracht. Aktuell wird noch die auf das Kloster zuführende Allee neu gestaltet und in der Klosterkirche geht es noch um Barrierefreiheit.
Gegründet wurde das frühere Prämonstratenser-Chorherrenstift Wedinghausen um 1170, als Folge der Säkularisation wurde es 1803 aufgelöst. Vieles geriet in Vergessenheit. „Im Zuge der Renovierungen ist einiges wiederentdeckt worden“, erklärt Küster Winfried Ortmann. Der Kreuzgang beispielsweise wurde bis in die 1960er-Jahre als Wäschekammer und Lagerraum genutzt. „Bei der Erneuerung der Elektrik wurden zum Beispiel zufällig diese Wandbemalungen wiederentdeckt“, sagt Ortmann und zeigt auf kunstvolle Ausmalungen aus dem 13. Jahrhundert. Allerdings seien vorher Schlitze für neue Kabelkanäle gestemmt worden: „Einer führte genau durch die Abbildung des heiligen Laurentius.“ Winfried Ortmann war damals zwar noch nicht im Dienst, bekam aber vieles mit: „Ich bin quasi hier in der Kirche aufgewachsen. Mein Vater war hier bereits Küster und später habe ich die Aufgabe dann von ihm übernommen.“
Angrenzend an den Kreuzgang befindet sich der Kapitelsaal, die ehemalige Versammlungsstätte der Chorherren. Im Herzen des Klosters gelegen wird er auch heute noch als Treffpunkt genutzt. Hier findet man im wahrsten Sinne des Wortes auf Schritt und Tritt Geschichte. Ein Blick auf den Boden genügt: Was über Jahrhunderte verborgen war, kann nun unter Glas in Augenschein genommen werden. Im Boden des Kapitelsaals befindet sich die Grabanlage der Stifterfamilie. Auch hier wurden Malereien freigelegt. Vermutungen zufolge soll in diesem Grab zuerst der Klostergründer Heinrich I. bestattet worden sein. Dass damals nicht nur die Kunst, sondern auch die Technik beeindruckte, macht ein Blick auf die Fußbodenheizung deutlich, die ebenfalls unter Glas zu betrachten ist. Vom an den Saal angrenzenden Klostergarten lässt sich die ganze Stadt überblicken – ein beeindruckendes Panorama. Das Kloster liegt erhöht an einer Felswand. „Früher befand es sich außerhalb des Stadtgebietes, heute eher am Rande“, erklärt Propst Schröder.
Vom Morgenland ins Sauerland
Auch die Propsteikirche St. Laurentius birgt wertvolle Schätze. Zwar wurde die Kirche im Laufe der Geschichte immer wieder beschädigt, aber nie vollständig zerstört. Erhalten ist unter anderem ein Altarfenster aus dem 12. Jahrhundert. Hervorzuheben ist der Dachstuhl mit teilweise über 750 Jahre alten Balken. Damit ist dieses „Kreuzstrebendach“ das älteste seiner Art in Deutschland. „Früher bestand unsere Propsteikirche aus zwei Kirchen. Sie war getrennt in einen Bereich für die Chorherren und in einen Bereich für die Gemeinde, aber alles unter einem Dach.“ Wer genau hinschaut, kann heute noch die Abgrenzung erkennen: Runde Säulen markieren die Volkskirche und eckige Pfeiler den ehemaligen Klosterbereich.
Auch sonst lohnt sich eine genaue Betrachtung: Fast unauffällig ist ein kleines, farbenfrohes Holzrelief beim Marienaltar im nördlichen Seitenschiff angebracht. Es zeigt die Anbetung der Heiligen Drei Könige und erinnert an etwas, was wahrscheinlich nur die wenigsten wissen. Das Holzrelief war ein Geschenk des Kölner Domkapitels, denn nicht nur die Kapitelherren hatten auf der Flucht im Jahr 1794 vor Napoleon fast zehn Jahre in Wedinghausen Zuflucht gefunden, sondern auch die Reliquien der Heiligen Drei Könige in ihrem weltberühmten Schrein wurden hier versteckt. Erst 1803 kehrte der Schrein nach Köln zurück.
Innerhalb dieses geschichtsträchtigen Ortes herrscht aber auch reges Leben. Teile der Klosteranlage werden mittlerweile von der Stadt genutzt. Der Westflügel beherbergt seit dem Jahr 2024 das Stadtarchiv und Ausstellungsräume der Stadt Arnsberg – ursprünglich waren hier Speisesaal, Küche, Bierkeller und Räucherkammer. 2007 wurde außerdem ein gläsernes Lichthaus an die Stelle des früheren Südflügels des Klosters gebaut. Es dient als Ausstellungsbereich für zeitgenössische Kunst und als Veranstaltungsort. „Das ZDF hat hier im Hof 2023 das Sommerinterview mit Friedrich Merz aufgezeichnet“, merkt Propst Schröder an.
In unmittelbarer Nähe der Klosteranlage sind mehrere Schulen und ein Altenheim angesiedelt. Zu Stoßzeiten tummeln sich hier Hunderte Schülerinnen und Schüler und reichlich „Elterntaxis“ sind unterwegs. Auf dem Weg zur Schule geht es durch ein schmales Tor. Vielleicht sind dem ein oder anderen die Jagdszenen auf den Seiten des Tores aufgefallen: Ein Wildschwein und ein Hirsch werden von Hunden niedergestreckt. Das „Hirschberger Tor“ stand früher vor dem Jagdschloss des Kölner Kurfürsten im Arnsberger Wald. Nach dessen Abriss wurde es 1826 an der heutigen Stelle wieder errichtet und rahmt nun den Durchgang zwischen dem Westflügel des Klosters und der sogenannten Prälatur, wo heute unter anderem das Pfarrbüro untergebracht ist.
Zwischen Bürokratie und Vision
„Hier ist jeden Tag viel Betrieb“, sagt Propst Schröder und fügt hinzu: „Davon können wir als Kirche profitieren und das Leben auch über unsere Kirchen- und Gemeinderäume mitgestalten.“ Er denkt dabei an ein derzeit leer stehendes Café, das nur wenige Meter vom Tor entfernt ist. Die Wiedereröffnung sei ihm ein echtes „Herzensanliegen“. Es soll zu einem offenen Ort der Begegnung werden: „Einladend, aber ungezwungen.“ Bis vor Kurzem wurde es von der katholischen Shalom-Gemeinschaft betrieben, die auch Wohnräume im Kloster nutzte. Diese Räumlichkeiten stehen momentan leer. Allerdings gab es dort vor wenigen Monaten einen prominenten Gast: „Der Erzbischof hat hier übernachtet bei seinem Amtssitzwechsel letzten Sommer“, erinnert sich Schröder.
An Ideen mangelt es nicht, aber oft bremse die Bürokratie den Aufbruch: „Ich beschäftige mich viel zu viel mit dem, was stirbt, statt mit dem, was wachsen könnte.“ Dennoch verfolgt Schröder eine klare Vision. Das Erzbistum Paderborn hat Ende 2024 eine Neuausrichtung des Klosters Wedinghausen als Geistliches Zentrum beschlossen. Das ist für die Propsteipfarrei St. Laurentius und für die Region eine weitere Möglichkeit, um mit Menschen in Dialog zu treten.
Propst Schröder lädt bereits seit einigen Jahren zur „Klosterzeit“ ein. Diese spirituellen Angebote verbinden Gastpredigten, musikalische Begleitung und gemeinsames Gebet. „So können wir liturgisch die Worte in den Fokus rücken“, erklärt Schröder. Im Anschluss bekommen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei einem „Meet and Greet“ im Klostersaal die Chance, sich auszutauschen und in Kontakt zu kommen. Ein Angebot, das Gemeinschaft weiter fördern soll.
Vergangenheit und Gegenwart dieses Ortes machen eines deutlich: Ob Geistliche, Prominente oder Menschen aus aller Welt – das Kloster Wedinghausen übt auf alle eine besondere Faszination aus. Das soll auch in Zukunft so bleiben.