„Die Nähe Gottes und die Ferne Gottes“

Prof. Egbert Ballhorn über die religiöse Dimension der Corona-Krise

Wenn Prof. Ballhorn einen Regenbogen sieht, dann wünscht er sich, Gott möge sich an sein Versprechen erinnern und die Menschheit bewahren. Derzeit gibt es viele Regenbögen zu sehen, in vielen Ländern Europas malen Kinder dieses Zeichen des Bundes und hängen es ins Fenster. Foto: Auffenberg

 

Die Corona-Krise legt das Leben von Christen, Juden und Muslimen lahm. Nirgendwo auf der Welt darf gemeinsam gebetet oder irgendeine Art von Gottesdienst gefeiert werden. Nicht nur organisatorische Fragen stellen sich, auch spirituelle: Wo ist Gott? Ein Gespräch mit dem Dortmunder Bibelwissenschaftler Egbert Ballhorn.

Der Dom: Herr Ballhorn, als Exeget wissen Sie mutmaßlich mehr über Gott als wir. Wie gehen Sie mit der Situation um?

Ballhorn: Als Exeget bin ich einer, der die biblischen Texte liest. Mein Beruf ist es, die Texte zu lesen und zu deuten und mir so Gedanken zu machen. Von daher kann ich nur eine Deutung aus meinem Verständnis heraus anbieten. Ich weiß aber nicht besser Bescheid über Gott als andere.

Es wurde von kirchlicher Seite schnell betont, dass Corona keine Strafe Gottes ist

Das finde ich sehr wichtig zu sagen, zumal die, die von der Strafe Gottes reden, genau zu wissen meinen, wofür die Strafe sei. Das halte ich für überaus problematisch. Ganz sicher ist Corona keine Strafe Gottes. Die Krise kommt ja auch daher, dass Menschen ihre Verantwortung nicht wahrgenommen haben: Politiker, die den Ernst der Lage nicht wahrhaben wollten, die Redeverbote ereilt oder Sachen lächerlich gemacht haben. Da haben Menschen gehandelt. Das ist ein biblisches Thema, nämlich die Freiheit des Menschen. Gott hat uns Freiheit gegeben, und wir können sie anwenden, sorgfältig damit umgehen oder sie missbrauchen. Ich sehe da durchaus diesen biblischen Strang der Corona-Krise.

Wie können wir so sicher sein, dass Gott nicht straft? Im Alten Testament gibt es doch diese Deutungen, etwa die Geschichte von der Sintflut.

Die Sintflut ist keine Strafe Gottes, sondern die letzte innere Konsequenz dessen, was Menschen getan haben. Gott sieht, dass die Erde von tödlicher Gewalt geprägt ist, dass der Mensch seine Freiheit missbraucht, um andere Menschen zu töten. Indem Gott die Grenzen zurücknimmt, die er in der Schöpfung der Todesmacht gesetzt hat, bringt er nun menschliches Handeln in die letzte Konsequenz. Er fügt nicht von außen eine Strafe zu.

Aber der Regen kommt doch von Gott: Dann lasse ich es vierzig Tage regnen

Die Sintflutgeschichte ist die Gegengeschichte zur Schöpfung. In Genesis 1 setzt Gott dem Wasser, das sind ja Todesfluten zu Anfang, Grenzen und schafft Raum, sodass das Trockene sichtbar wird und  sich das Leben auf dem trockenen Land entfalten kann. Dann erschafft er den Menschen und gibt ihm Freiheit. Der Mensch verschiebt die Grenzen zwischen Leben und Tod wieder und macht aus der Lebenswelt eine Todeswelt. Mit Kain und Abel fängt es an. Die Sintflutgeschichte ist gewissermaßen „Schöpfung rückwärts“. Gott sieht, dass der Menschen die Grenzen zerstört, die er zwischen Tod und Leben gesetzt hat, und dann nimmt er selbst auch seine Grenzen zurück. So springt die Urflut von Genesis 1 wieder hoch. Doch selbst da, mitten im Todesraum, baut Gott einen Rettungsraum, nämlich die Arche. Dort herrscht die geordnete Welt, und dort ist kein Tod, sondern Leben. Und die wichtige Botschaft am Ende: Das war einmal und jetzt nie wieder. Darum ist die Sintflutgeschichte eine Hoffnungsgeschichte, die aber auch die Abgründigkeit menschlichen Handelns vor Augen führt.

Gibt es für uns in der aktuellen Situation auch so eine Arche?

Wenn ich den Regenbogen sehe, dann wünsche ich mir oft, dass Gott sich an sein Versprechen erinnert und die Menschheit bewahrt. Der eine biblische Strang ist: Gott rettet aus dem Tod, das ist sein Wesen.  Der andere aber ist: Gott rettet nicht am Tod vorbei, sondern durch den Tod hindurch. So muss das Volk Israel im Exodus zwar auf dem Trockenen, aber mitten durch das Meer hindurchziehen. Auch Jesus ist nicht vom Tod, sondern aus dem Tod gerettet. Das ist die Zumutung der Bibel und zugleich die Verheißung.

Sehen Sie gerade irgendetwas von der biblischen Verheißung?

Oh ja: Ich erlebe unseren Staat als eine Institution, die die Schwachen schützt, und darin sehe ich durchaus die Verwirklichung eines biblischen Ideals. Dass man also nicht sagt: Die Jungen und Starken sollen überleben, sondern dass man sich ganz bewusst dazu entschließt: Wir tun jetzt alles, damit alle, die gefährdet sind –durch Vorerkrankungen und/oder Alter–, geschützt sind. Das finde ich sehr wichtig: Jeder Mensch ist ein ganzer Mensch – in Gesundheit oder in Krankheit. Menschsein wird nicht kleiner dadurch, dass man alt oder gebrechlich ist oder dass man an die Grenzen seiner Möglichkeiten stößt. Wenn der Staat sich so etwas auf seine Fahnen schreibt, erkenne ich darin ein Stück der biblischen Botschaft wieder, dass wir für die Schwachen verantwortlich sind, auch über alle nationalen Grenzen hinweg. Dafür bin ich dankbar!

Das heißt: Was wir im Augenblick erleben, hat irgendetwas mit Gott zu tun?

Ja! Vorsichtig würde ich es so ausdrücken: Für die Bibel ist jede Wirklichkeit, die uns begegnet, nicht von Gott abzulösen. Aber was das heißt, müssen wir selbst lernen und darüber nachdenken. Es ist nicht einfach so, dass Gott uns diese Krise schickt. Aber ich würde es so sagen: Die Corona-Krise zwingt uns dazu, alles auf den Prüfstand zu stellen: unser Alltagsleben, unsere Beziehungen, unsere Gesellschaft, wie wir wirtschaften. Was ist uns wichtig? Was trägt mich? Das sind schon Dinge, die auch mit Gott zu tun haben.

Solche Mahnungen tauchen ja jetzt überall auf, im Internet, bei WhatsApp – und immer schwingt mit: Irgendeine Kraft will uns etwas sagen.

Von einer Kraft zu reden wäre mir zu anonym. Gott begegnet mir in jeder Wirklichkeit meines Lebens. Aber das kann ich nur als Bekenntnis für mein Leben aussprechen, das kann ich nicht über andere setzen. Gott begegnet mir in den Menschen, mit denen ich zu tun habe, und in den Situationen meines Lebens, aber ich muss auch lernen, sie durchzubuchstabieren. Die Bibel ist nicht das Buch, das einfach alles über Gott weiß, sondern das Buch, das mit geschichtlichen Erfahrungen ringt und sie mit Gotteserfahrungen zusammenbringt. Und sie ist das Buch, in dem von Gott geredet wird und – das ist mir ganz wichtig – in dem zu Gott geredet wird. Sie äußert nicht einfach nur Merksätze über Gott, sondern tritt in eine Auseinandersetzung mit ihm, indem sie ihn fragt und ihm das Leid klagt und ihn sogar anklagt. Für mich in diesen Tagen ganz wichtig ist Psalm 22: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. Einer der erschütterndsten Texte des Alten Testaments – und Jesus stirbt mit diesen Worten. Da ist schon im ersten Vers eine ganze Gotteslehre enthalten, nämlich dass Gott einerseits unendlich weit weg ist und gleichzeitig ansprechbar. So „funktioniert“ für mich Glaube: Wir haben Gott nicht, wir erfahren ihn ganz nah und ganz entfernt.

Nun haben wir schon viel von Gott gesprochen. Von was oder wem reden wir da eigentlich?

Ich kann nur vom Gott der Bibel reden. Das ist für mich die einzige Gotteswirklichkeit, die ich mir vorstellen kann und die ich kenne. Ich lerne, wer Gott ist, nicht als philosophisches abstraktes Konstrukt, sondern Gott ist der, wie er in der Bibel zu uns gesprochen hat.

Aber wie können wir uns ihn – oder sie – vorstellen?

Die Bibel redet in sprachlichen Bildern zu uns. Es gibt das Verbot der bildlichen Darstellung, das halte ich für sehr wichtig. Aber in sprachlichen Bildern können wir ihn anreden. In Jesaja 63 heißt es: „Du bist doch unser Vater.“ Und mitgemeint ist: Du hast Verantwortung für uns, und wir haben ein enges Verhältnis zueinander. Dieses Gottesbild verwendet auch Jesus, wenn er sagt: „Sagt ,Vater unser‘.“ Wir haben sprachliche Bilder von Gott, die ihn zeigen und verhüllen zugleich. So geht das. Mit diesem Bild vom Vater kommt er uns näher.

Aber im Augenblick erleben Menschen große Einsamkeit: Sie leben allein, Kranke sind allein, Sterbende sind allein, sogar Beerdigungen finden praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Ist die Rede vom nahen, gegenwärtigen Gott da nicht leeres Geschwätz?

Da komme ich wieder auf Psalm 22 zurück: Die Nähe Gottes und die Ferne Gottes sind eine gleichzeitige Erfahrung. Das ist schwer auszuhalten, und einfach nur zu sagen, Gott sei uns ganz nahe, wäre eine verkürzte Botschaft, die die Abgründe der Einsamkeit, die Menschen durchmachen müssen, überspringt. Die Menschen in der Bibel und Jesus selbst haben diese paradoxe Erfahrung der Gottesferne und der ersehnten Gottesnähe gemacht. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“, das formuliert ja auch den Wunsch: Komm mir zu Hilfe! Manchmal geht mehr nicht. Die Texte der Bibel kennen diese Abgründe der Einsamkeit, der Verzweiflung, sie kennen aber auch die Perspektive, dass Gott rettet und auf seine Weise hilft. Das kann man anderen aber nicht einfach verordnen oder zusagen. Die Idee der Bibel ist, sich an den Glaubensformen der vergangenen Generationen festzuhalten. In Psalm 22 heißt es auch: Unsere Väter (und Mütter) haben auf dich vertraut.

Zu den Glaubensformen vergangener Generationen gehörten Gelübde, etwa in Zeiten der Pest. Das Passionsspiel in Oberammergau ist so entstanden, das Gelübde ist im vergangenen Jahr feierlich erneuert worden. Jetzt muss das Spiel ausgerechnet wegen einer Seuche ausfallen, und ein ganzer Ort steht am Abgrund.

Ein Gelübde ist kein Automatismus. Was wir lernen, ist nichts Neues, sondern die Zuspitzung dessen, was menschliche Existenz heißt und was wir vielleicht in den letzten Jahren in unserer westlichen Welt übersehen haben, nämlich dass das Leben ein Geschenk ist. Weder den Anfang noch das Ende können wir selbst bestimmen. Das ist eine sehr anstrengende Wahrheit und auch für mich eine ganz eigentümliche Erfahrung, weil ich dachte: Seuchen sind Krisen der Vergangenheit, des Mittelalters oder anderer Länder. Aber womit haben wir das Privileg verdient, dass wir alles beiseiteschaffen können, was unser Leben bedroht, aber andere Menschen dem schutzlos ausgeliefert sind?  Es ist ein Selbstkennenlernen der Menschheit: Wer sind wir, was können wir, und wo stoßen wir mit unserem Können an Grenzen?

Stößt auch der Christ Egbert Ballhorn jetzt an Grenzen?

Ich muss sagen, im Vergleich zu anderen bin ich in einer außerordentlich privilegierten Position: Mein Arbeitsplatz ist abgesichert, ich habe eine Wohnung mit Balkon, ich musste noch nicht den Tod eines mir nahestehenden Menschen beklagen. Für all dies bin ich sehr dankbar, denn nichts davon ist eine Selbstverständlichkeit. Was mir fehlt, sind die Gottesdienste, die Gemeinschaft meiner Mitchristen. Zur Gemeinschaft gehört auch die körperliche Präsenz, nicht nur die entfernte. Aber das sind Kleinigkeiten im Vergleich zu dem, was andere durchmachen.

Wie verbringen Sie im Augenblick Ihre Sonntage?

Es gibt zwar keine Gottesdienste, aber ich lasse mir den Kirchgang nicht nehmen. Zur Gottesdienstzeit gehe ich in meine Kirche und meditiere in aller Ruhe die biblischen Texte. Und weil die Kirchen geöffnet sind, treffe ich den einen oder anderen aus meiner Gemeinde, und das finde ich großartig. Auf diese Weise habe ich doch eine Art Gottesdienst und Gemeinschaft in dieser ganz kleinen, aber mir sehr kostbaren Form.

Mit Prof. Ballhorn sprach
Claudia Auffenberg

 

Zur Person

Egbert Ballhorn, Jahrgang 1967, ist seit 2012 Professor für Exegese und Theologie des Alten Testaments an der Technischen Universität Dortmund. Er war einer der Revisoren der Einheitsübersetzung der Bibel, die 2016 erschienen ist. Seit 2019 ist er Vorsitzender des Katholischen Bibelwerks e. V.

Ein Literaturtipp: „73 Ouvertüren. Die Buchanfänge der Bibel und ihre Botschaft“, Gütersloh 2018.

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