„Der Auftrag Jesu muss weiterhin erfüllt werden“

Interview mit Liturgiewissenschaftler Stefan Kopp über Gottesdienste in Zeiten von Corona

In Zeiten von Corona bleiben die Kirchenbänke leer. Foto: Michael Gaida/Pixabay

 

Das gesamte Leben steht weltweit still, auch das liturgische. Vieles, was bis gestern normal war, gilt nicht mehr, und was eben undenkbar war, ist auf einmal möglich: Gottesdienste ohne leiblich anwesende Gemeinde, die Osternacht zu Hause vorm Computerbildschirm. Das ist eine äußerst verwirrende Situation. Wir sprachen darüber mit Prof.Stefan Kopp, Liturgiewissenschaftler an der Theologischen Fakultät in Paderborn.

Herr Prof. Kopp, zunächst eine eher praktische Frage: Im Augenblick fallen sehr viele Messen aus, was ist mit den Messintentionen?

Im wörtlichen Sinn gemeint, werden die Intentionen gerade wichtiger, weil wir merken, wie wichtig es ist, füreinander zu beten, nicht nur für die Verstorbenen, sondern aktuell für die große Gemeinschaft, die sich nicht versammeln kann. Die klassische Messintention ist aber nicht verloren. Auch die Messen im ganz kleinen Rahmen werden für die Lebenden und Verstorbenen gefeiert.

Die meisten von uns sind dazu gezwungen, vor dem Fernseher oder vor dem Computerbildschirm den Gottesdienst mitzufeiern. Hat man damit seine Sonntagspflicht erfüllt?

Die Bischöfe haben ja von der Sonntagspflicht dispensiert, sollte aufgrund der Maßnahmen eine Teilnahme am Sonntagsgottesdienst nicht möglich oder angeraten sein. Die Situation wirft aber für uns aus liturgiewissenschaftlicher Sicht spannende Fragen auf. Unser Forschungsschwerpunkt „Online zu Gott?“ über Liturgie und Medien wird plötzlich von einem Randthema zu einem Kernthema, das als wichtig wahrgenommen wird.

Das heißt: Man kann auch online Gott erfahren?

Genau! Es kann mithilfe der modernen Medien auch Formen der Vergemeinschaftung geben und die ermöglichen eine Form von Teilnahme an klassischen liturgischen Feierformen wie der Messfeier, der Wort-Gottes-Feier oder der Tageszeitenliturgie oder sogar an ganz neuen Formen wie Facebook-Gottesdiensten. Da kann man interaktiv partizipieren, etwa, indem man Fürbitten postet oder unmittelbar auf Predigten reagiert. Es gab schon viele spannende Versuche, jetzt ist das aus der Nische herausgetreten und wir merken, dass wir hier etwas aufzuholen haben, wie in anderen Bereichen auch. Wir erfahren gerade insgesamt einen Digitalisierungsschub.

Das ist natürlich nur etwas für eine spezielle Zielgruppe.

Das ist richtig. Wir müssen schauen, wie wir Menschen mitnehmen. In der Liturgiekommission des Erzbistums Paderborn überlegen wir schon länger: Welche Infrastruktur kann es etwa in einem Seniorenwohnheim geben– neben dem klassischen Fernsehgottesdienst, der ja gerade auch wieder an Bedeutung gewinnt.

Bislang heißt es ja, die Eucharistie sei für die Kirche konstitutiv. Aber das ist doch in diesen Formen oder auch unter aktuellen Umständen nicht möglich, sondern de facto aufgehoben.

Nein, das ist gerade nicht aufgehoben. Die Liturgie, besonders die Eucharistie, ist nach den Worten des Zweiten Vatikanischen Konzils Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens. Jetzt gerade wird uns bewusst, dass ein Mittelpunkt eben auch ein Umfeld braucht und ein Höhepunkt die Mühe des Anstiegs. Das heißt, dass es auch eine Vielfalt liturgischer Formen braucht und die können jetzt an manchen Stellen neu oder wieder entdeckt werden, um zum Höhepunkt, zur Quelle zu gelangen. Das halte ich übrigens generell für eine wichtige Einsicht, wenngleich die gegenwärtige Situation eine eigenartige Fastenerfahrung ist, weil der persönliche Kontakt nicht möglich ist.

Aus Ihrer Sicht könnte man die gegenwärtige Situation als eine Phase des Anstiegs auf den Höhepunkt zu beschreiben?

Ja, genau. Das geht natürlich nicht auf Dauer. Man kann nicht immer in einer Phase des Verzichts leben, aber vielleicht wird dadurch jetzt neu eine Sehnsucht sichtbar und das Geschenk, das uns gegeben ist.

Aber wäre es dann nicht konsequent, gar keine Messe zu feiern und dass auch die Priester auf die Eucharistie verzichten? Man könnte ja auch online die Vesper beten.

Nein, der Auftrag Jesu „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ muss weiterhin erfüllt werden. Auch unter den gegebenen Umständen müssen wir das wachhalten, was die Mitte unseres Glaubens ist. Wenn das gerade nicht anders möglich ist, ist die Zelebration des Einzelnen eine wichtige Form der Stellvertretung und virtuelle Formen sind eine Ergänzung zu den realen.

Aber die Fundierung der Messe ändert sich doch dadurch. Eigentlich gilt, die Gemeinde ist Trägerin der Liturgie, das Konzil spricht von der tätigen Teilnahme der Gläubigen, der participatio actuosa, die ist im Moment nicht möglich.

Die Fundierung ändert sich für mich gerade nicht. Christus ist das eigentliche Subjekt der Liturgie und die Frage ist: Wie können wir in verschiedenen Situationen die Teilhabe der Gläubigen denken? Participatio actuosa heißt ja nicht, dass alle in dem Moment etwas zu tun haben, sondern dass es auch gestufte Formen geben kann. Das Grundprinzip bleibt. Aber ich denke, wir müssen den Begriff Partizipation insgesamt in der Kirche neu füllen und fragen, was damit in einer bestimmten Situation gemeint sein kann.

Haben Sie schon eine Antwort?

Der Begriff taucht zum ersten Mal in einem Dokument zur Kirchenmusik von Papst PiusX. auf, der 1903 von „partecipazione attiva“ spricht und damit eigentlich nur meint, dass alle den Gregorianischen Choral können sollen. Später taucht der Begriff in anderen Zusammenhängen auf und wird umfassender verstanden. Jetzt stehen wir vor der Aufgabe, das, was das Zweite Vatikanische Konzil sagt, für das 21.Jahrhundert neu zu bedenken, auch im Blick auf die Menschen, die zum Gottesdienst kommen und vielleicht nicht voll teilnehmen können oder wollen. Wie können wir also das heute denken, ohne Menschen auszuschließen?

Sie sind auch Priester, haben Sie selbst in den vergangenen Tagen solche „Geistergottesdienste“ gefeiert?

Ja, aber ich würde im Augenblick voreilige Wertungen vermeiden, sondern ernst nehmen, was Menschen in der Praxis leisten, um Normalität sicherzustellen, wo es geht. Wenn alles vorbei ist, dann können wir darüber reflektieren. Wir können sicher eine ganze Menge lernen, aber im Moment bin ich noch zurückhaltend und versuche, als Wissenschaftler zu beobachten und als Praktiker sinnvoll zu handeln.

Und wie fühlt sich ein solcher Gottesdienst für Sie als Priester an?

Also, es ist schon anders. Es ist eine sehr merkwürdige Situation, die ich so auch noch nicht erlebt habe. Allerdings lege ich Wert darauf, dass ich nicht allein zelebriere, sondern dass wir, wenn möglich, wenigstens zu zweit oder zu dritt sind, die Dienste verteilen und die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen treffen. An dem Sonntag, an dem wir erfahren haben, dass es keine öffentlichen Gottesdienste mehr geben kann, ist es mir sehr nahe gegangen. Ich hatte das zwar schon erwartet, aber es ist dann doch schmerzlich.

Der Papst bietet liturgisch einiges auf, um für das Ende der Pandemie zu beten. Er hat eine Fußwallfahrt zu einem Pestkreuz gemacht, es gab den Aufruf für ein weltweites, zeitgleiches Vaterunser und am Freitag einen außerordentlichenUrbi et Orbi“. Was tun wir, wenn das alles nicht hilft?

Was meinen Sie mit „wenn es nicht hilft“?

Das kommt uns Aufgeklärten doch vielleicht etwas mittelalterlich vor, Gott mit Gebeten zu bestürmen.

Das kann man vermutlich mit südlicheren Augen etwas entspannter sehen. Mir ist wichtig, dass wir keine magischen oder gar abergläubischen Praktiken pflegen, aber durchaus das tun, was zu unserem ureigenen Auftrag gehört: zu beten. Wie das Gebet dann erfüllt wird, ist eine andere Frage. Zu beten aber ist nicht nur legitim, sondern auch notwendig.

Was könnte Gott tun?

Das müssen wir tatsächlich ihm überlassen. Aber dass wir ihn mit unseren Gebeten bestürmen, das finde ich wichtig.

Wie werden Sie Ostern feiern?

Ich werde hier in Paderborn sein, die Pfarrei durch meinen Dienst in der Universitätskirche unterstützen und zusätzlich mediale Angebote wahrnehmen. Aber es wird eine Zäsur in der Feierkultur bedeuten und, ja, auch für mich eine ganz neue Erfahrung sein.

Mit Prof. Kopp sprach Claudia Auffenberg

 

Zur Person

Bis zu seinem Ruf nach Paderborn war Stefan Kopp (35) als Akademischer Rat am Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München tätig. Hier habilitierte er bei Professor Winfried Haunerland. Der gebürtige Österreicher stammt aus Wolfsberg in Kärnten. Nach seinem Studium der Katholischen Theologie, Religionspädagogik und Kunstgeschichte von 2004 bis 2007 in Graz promovierte er hier 2009 zum Doktor der Theologie. Von 2007 bis 2012 war er als Religionslehrer in Wolfsberg tätig, dozierte gleichzeitig in Graz sowie in Klagenfurt Liturgik und wurde 2010 für seine Heimatdiözese Gurk zum Priester geweiht. Von 2010 bis 2012 wirkte er als Kaplan in Wolfsberg. Seit 2019 ist er Rektor der Theologischen Fakultät.

Professor Kopp leitet die Liturgiekommissionen seiner Heimatdiözese Gurk sowie des Erzbistums Paderborn und ist Mitglied in mehreren Kommissionen, Arbeitsgemeinschaften und wissenschaftlichen Beiräten. Neben liturgiepastoralen Fragestellungen liegen seine Forschungsschwerpunkte in der Liturgiegeschichte der Neuzeit, insbesondere der Sakramentenliturgie, in der liturgietheologischen Grundlagenforschung sowie in Geschichte und Theologie des liturgischen Raumes.

Diesen Artikel teilen:

Ähnliche Artikel