Gibt es Gott überhaupt? – Nachfrage bei Prof. Aaron Langenfeld

Auf den ersten Blick weist nichts auf ihn hin. Er ist nicht greifbar. Heutzutage glauben immer weniger Menschen an einen Gott. Es gibt Ärzte, Psychologen und Wissenschaftler, die einem alles erklären – wozu brauchen wir ihn dann noch? Und gibt es ihn überhaupt? Nachfrage bei einem, der es wissen könnte.

Über Gott kann man nicht reden wie über einen Stuhl, sagt Prof. Aaron Langenfeld. (Foto: Patrick Kleibold)
Über Gott kann man nicht reden wie über einen Stuhl, sagt Prof. Aaron Langenfeld. (Foto: Patrick Kleibold)
veröffentlicht am 14.12.2022
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Auf den ersten Blick weist nichts auf ihn hin. Er ist nicht greifbar. Heutzutage glauben immer weniger Menschen an einen Gott. Es gibt Ärzte, Psychologen und Wissenschaftler, die einem alles erklären – wozu brauchen wir ihn dann noch? Und gibt es ihn überhaupt? Nachfrage bei einem, der es wissen könnte. Mit Prof. Aaron Langenfeld sprach Helena Mälck.

Im Zug auf dem Weg nach Köln sitzt Aaron Langenfeld, Rektor der Theologischen Fakultät Paderborn, eine ältere Dame gegenüber und blättert in einer Zeitung. Im Gespräch mit ihr erfährt er, dass die gut gekleidete Frau auf dem Weg zur Beerdigung ihres Bruders ist. Sie sei nun die letzte Verwandte ihrer Generation, erzählt sie mit Traurigkeit. „Obwohl ich erst Hemmungen hatte, sagte ich dann zu ihr, dass ich noch Hoffnungen für sie habe, sie nicht allein sei, ich sie in meine Gebete und Gedanken miteinschließen wollte“, erzählt Prof. Langenfeld, „in dem Moment, in dem ich das zu ihr sagte, zerfiel sie. Ihr liefen die Tränen hinunter.“

Aaron Langenfeld: „Gott „braucht“ man nicht, aber…“

Das Gespräch über den Glauben hatte etwas angerührt in der Frau. Eine wohl eher seltene Erfahrung, denn viele wenden sich vom Glauben ab – und kommen gut ohne klar. Die Wissenschaft erklärt die Welt, Ärzte heilen den Körper, Psychologen die Seele. Brauchen wir dann noch Gott? „Nein“, sagt Prof. Langenfeld, „man braucht keinen Gott. Doch wenn man ihn erfahren hat, dann ist es schwer, ohne auszukommen.“

Aus naturalistischer Sicht kann man argumentieren, dass Gott nicht notwendig ist, um die Welt zu erklären. Das Busfahren, das Kaffeekochen oder die Herstellung eines Smartphones – all das ist mit ein paar Zahlen und Formeln erklärbar; man braucht keinen „Geist“, der die Dinge anschiebt. „Doch ist das der Gott, von dem gläubige Menschen sprechen?“, fragt der Theologieprofessor.

„Man kann nicht von Gott sprechen wie von einem Tisch oder Stuhl“, erklärt Langenfeld, „und man kann ihn aus naturwissenschaftlicher Sicht nicht beweisen.“ Aber woher kann man dann wissen, ob es Gott gibt?

Über Gott kann man nicht reden wie über einen Stuhl, sagt Prof. Aaron Langenfeld. (Foto: Patrick Kleibold)

Um diese Frage zu beantworten, muss man erst einmal klären, wen oder was man mit dem Wort Gott eigentlich meint.

Viele sehen Gott als Schöpfer. Laut der Urknalltheorie hat alles einen Anfang. Folglich muss es auch vor dem Urknall etwas gegeben haben. Da kann es plausibel klingen, dass dieser Ursprung Gott ist. Langenfeld selbst sieht das aber anders. „Gerade aus physikalischer Sicht ist es immer wieder umstritten, ob man diesen Anfangsgedanken überhaupt so fassen sollte“, erklärt er. In diesem Fall wäre Gott eher ein Lückenbüßer für etwas derzeit Unerklärbares. Christen aber fragen nach dem Gott Jesu, dem Gott, der das Heil der Menschen will. „In diesem Fall geht es nicht um physikalische Argumente“, so Langenfeld. Es geht vielmehr um Erfahrungen mit der Wirklichkeit, Erfahrungen von Freundschaft und Vertrauen, von Schönheit und Liebe. Mit Sicherheit könne man nicht sagen, ob es ihn denn nun wirklich gibt, stellt er klar. Aber man kann mit guten Gründen dafür argumentieren, dass diese Erfahrungen nicht täuschen, dass das Leben letztlich gut begründet ist. Daraus könne die Gewissheit erwachsen, dass man nicht ins Leere läuft, wenn man von Gott spricht.

Für sich persönlich verbinde er Gott mit der Fähigkeit, immer das Gute sehen zu wollen – auch dann, wenn man gar nichts Gutes erwartet, also eine Art Grundvertrauen. So war Jesus selbst vor seinem Tod voller Verzweiflung, ohne jedoch ein letztes Vertrauen aufzugeben. 

Doch ist es immer Gott, den die Menschen suchen? Zumindest hierzulande sind die „alten“ Religionen für viele uninteressant geworden, dagegen gewinnt die „neue Spiritualität“ an Bedeutung. Irgendwas also suchen Menschen.

Aus der Sicht des französischen Schriftstellers und Philosophen Albert Camus ist das Leben absurd. Es hat keinen Sinn. Die Hinwendung zum Transzendenten sei reine Flucht vor der Realität und „philosophischer Suizid“.

Ist das so? Oder gibt es doch einen Gott? Langenfeld sagt, letztlich müsse sich jede und jeder die Frage stellen: Vertraue ich darauf, dass die Wirklichkeit mich nicht anlügt, dass es so tiefe Übereinstimmungen mit meinem Sein gibt, dass es einen letzten Grund, Gott, gibt oder bin ich davon überzeugt, dass mein Sein im Letzten absurd ist?

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