„Er hat wirklich viel geleistet“ – Zur Amtszeit von Alfons Hardt

Mit dem Ausscheiden von Erzbischof Hans-Josef Becker ist auch Alfons Hardt aus seinem Amt ausgeschieden. Ein Gespräch mit dem Essener Generalvikar Klaus Pfeffer.

Eine Begegnung der fünf NRW-Generalvikare, von der es ein Foto gibt. 2019 trafen sie sich im katholischen Datenschutzzentrum in Dortmund, wo Alfons Hardt (2. v. l.) eine Statue des heiligen Ivo segnete. Außer ihm nahmen teil (von links): Steffen Pau (Leiter des Katholischen Datenschutzzentrums), Generalvikar Dr. Andreas Frick (Aachen), Generalvikar Dr. Klaus Winterkamp (Münster), Dr. Markus Hofmann (damals Generalvikar in Köln), Generalvikar Klaus Pfeffer (Essen) und Dr. Antonius Hamers (Katholisches Büro). (Foto: Katholisches Datenschutzzentrum)
veröffentlicht am 12.10.2022
Lesezeit: ungefähr 9 Minuten

Mit dem Ausscheiden eines Bischofs erlischt das Amt des Generalvikars. Seit 1. Oktober ist somit auch Alfons Hardt ausgeschieden, und wer sein Nachfolger wird, dürfte ebenso interessant sein wie die Frage nach dem neuen Erzbischof. Ein Gespräch mit dem Essener Generalvikar Klaus Pfeffer.

Herr Pfeffer, die NRW-Generalvikare kommen regelmäßig zusammen. Alfons Hardt wird ab sofort nicht mehr dabei sein. Werden Sie ihn in dieser Runde vermissen?

Klaus Pfeffer: „Wir werden ihn mit Sicherheit vermissen, denn er gehört zu den Urgesteinen der katholischen Kirche in NRW. Er hat unseren Kreis sehr geprägt. Wir werden ihn auch vermissen, weil er immer eine gesunde Prise Humor hatte. Er war sehr pragmatisch, manchmal ein bisschen kantig, aber er ist genau wie ich Sauerländer. So sind wir nun mal und das machte die Zusammenarbeit immer sehr fruchtbar.“

Inwiefern hat er die Runde geprägt?

Klaus Pfeffer: „Dadurch, dass er über viel Erfahrung verfügt, weil er viel länger im Amt war als wir anderen, und dass er sich auch auf Bundesebene in verschiedenen Gremien engagiert hat. Deswegen haben wir sehr viel Wert auf seine Einschätzung gelegt. Er hat sich immer engagiert in die Diskussion eingebracht, er hat klar Position bezogen, konnte aber andere Meinungen aushalten. Und er konnte von anderen Positionen lernen. Das fand ich immer sehr beeindruckend.“

Dass Sie und er unterschiedlicher Meinung waren, kann man sich leicht vorstellen. Sie sind ja zwei völlig verschiedene Typen.

Klaus Pfeffer: „So unterschiedlich wir auch sind, so verbindet uns doch auch sehr viel. Das hat auch sicher mit unseren gemeinsamen Wurzeln zu tun, denn wir sind beispielsweise auf dasselbe Gymnasium in Menden gegangen. Dort habe ich seinen Vater noch auf dem Schulhof als Lehrer erlebt. Persönlich kennengelernt haben wir uns aber erst, als ich vor zehn Jahren Generalvikar wurde. Wir hatten immer einen sehr unkomplizierten Umgang miteinander. Und dazu gehört auch, dass wir unterschiedliche Auffassungen respektieren und achten. Wir wissen, dass wir aus unterschiedlichen Generationen und kirchlichen Prägungen kommen – aber das war und ist kein Problem. Ich denke, eine solche Weite macht Katholisch-Sein auch aus.“

Als es im Zuge der Kampagne „#outinchurch“ um die Änderung des Kirchlichen Arbeitsrechts ging, war er einer der Generalvikare, die sich mit Ihnen zusammen an die Bischöfe gewandt haben. Dass er sich dazu öffentlich positioniert hat, war hier in Paderborn doch für manchen überraschend. 

Klaus Pfeffer: „Manches in unserer Kirche, das vor einigen Jahren noch als unveränderlich galt, ist heute nicht mehr zu halten – aus guten Gründen. Das hat Alfons Hardt wohl auch so gesehen, und diese Lernfähigkeit schätze ich an ihm. Sicher denken wir in einigen Fragen unterschiedlich. Das hat auch damit zu tun, dass ich einige Jahre jünger bin und sehr stark von der kirchlichen Jugendarbeit geprägt bin. Aber ich habe ihn immer als jemanden erlebt, der wach wahrnimmt, was sich gesellschaftlich und kirchlich entwickelt. Im Blick auf unser Arbeitsrecht ist ihm deshalb – ähnlich wie mir –  klar geworden: Das geht so nicht mehr, so können wir mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht mehr umgehen.“

Klaus Pfeffer
Klaus Pfeffer, Generalvikar von Essen, auf dem 102. Deutschen Katholikentag am 28. Mai 2022 in Stuttgart.

Der Generalvikar ist das „Alter Ego“ des Bischofs. Was bedeutet das eigentlich?

Klaus Pfeffer: „Der Generalvikar ist der unmittelbare Vertreter des Bischofs, deshalb ist das Amt an das Priesteramt gebunden. Der Bischof überträgt weite Teile seiner Rechte und Pflichten auf den Generalvikar, der damit auch die Vollmacht erhält, für den Bischof die Verwaltung der Diözese zu leiten. Das muss er dann auch im Sinne des Bischofs tun. „Alter Ego“ heißt übersetzt: das „andere Ich“, die „andere“ Seite des Bischofs. Das setzt auf der menschlichen Ebene ein hundertprozentiges Vertrauensverhältnis voraus. Aber es bedeutet nicht, dass wir Generalvikare in allem genauso wie unsere Bischöfe sein müssten. Mein Bischof hat mir zu Beginn meiner Amtszeit gesagt, er brauche kein Abziehbild von sich selbst, sondern jemanden, der ihm auch ein Gegenüber ist, ihn mit eigenen Gedanken und Positionen kritisch-konstruktiv unterstützt. Das finde ich auch richtig, denn es heißt ja nicht zufällig „alter“, also „anderes“ Ego des Bischofs. Aber klar ist: Der Bischof gibt die Linie vor.“

Ist das dann ein mächtiges oder eher ein ohnmächtiges Amt?

Klaus Pfeffer: „Als Chef der Verwaltung habe ich natürlich Gestaltungsmacht. Aber ich bin stets gebunden an den Bischof. Nach meiner Wahrnehmung wird die Macht des Bischofs und dann auch des Generalvikars oft überschätzt. Manche meinen ja, die katholische Kirche sei ein hierarchischer Klotz – nach dem Motto: Wenn der Bischof sagt, alle gehen jetzt mal in diese Richtung, dann erlässt der Generalvikar einen „Marschbefehl“ und alle laufen in die vorgegebene Richtung los. Dem ist aber nicht so. Ein Bischof und sein Generalvikar können ein Bistum nicht verantwortungsvoll leiten, wenn ihnen von den Gläubigen und von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kein Vertrauen entgegengebracht wird. Der Bischof wird zwar nicht „vom Volk“ gewählt, aber er hat auf Dauer keine Chance, wenn „das Volk“ ihm keine Akzeptanz zukommen lässt. In den gegenwärtigen innerkirchlichen Ausei­nandersetzungen wird das ja sehr deutlich. Auch im Bistum Essen müssen sich Bischof, Generalvikar und andere Führungskräfte immer wieder offenen Debatten stellen, sich hinterfragen lassen und um Vertrauen werben.“

Welche Eigenschaften braucht demnach ein Generalvikar heutzutage?

Klaus Pfeffer: „Hui … Er bräuchte heute wohl viel mehr Eigenschaften, als ein Mensch überhaupt haben kann. Die Herausforderungen sind enorm groß geworden, ein Generalvikar hat sehr viele komplexe Themen zu verantworten. Deshalb frage ich mich auch, ob unser hierarchisches Prinzip noch wirklich angemessen ist, bei dem einer allein an der Spitze steht. Aus meiner Sicht ist das Amt, so wie es kirchenrechtlich angelegt ist, angesichts der Komplexität der kirchlichen Organisation bei uns in Deutschland auf Dauer überfordernd. Deshalb suchen wir in vielen Bistümern derzeit nach anderen Leitungsmodellen, die den Generalvikar ergänzen oder ihn – wie bei uns in Essen – in ein Leitungsteam einbinden. Grundsätzlich braucht ein Generalvikar eine hohe Kompetenz, um Prozesse zu steuern, Menschen zu führen und sie in einem guten Miteinander zu verbinden. Er braucht die Fähigkeit, sich selbst zurückzunehmen, damit andere ihre Verantwortung wahrnehmen können. Er muss ein Teamplayer sein, der Menschen zusammenführen kann, der aber auch fähig ist, im richtigen Moment passende Entscheidungen zu treffen.  Und er sollte fehlerfreundlich sein – anderen gegenüber, aber auch sich selbst. Wir alle sind und bleiben Lernende.“

Das heißt, man müsste das Amt des Generalvikars neu gestalten. Das kann aber doch nur der Bischof, oder?

Klaus Pfeffer: „Es geht jedenfalls nur im Dialog mit ihm. In vielen Bistümern werden derzeit verschiedene Modelle ausprobiert. Hier in Essen haben der Bischof und ich ein Konzept entwickelt, demzufolge ich im Team leite. Es gibt vier Ressortverantwortliche, die mit mir das Generalvikariat leiten. Zwar ist klar, dass ich die leitende Verantwortung habe, aber die Ressortleitungen haben für ihre Bereiche ein hohes Maß an Eigenverantwortung und treffen dort auch ihre Entscheidungen, für die sie dann verantwortlich sind. Entscheidend ist, dass wir gemeinsam das im Blick behalten, was die Entwicklung des gesamten Bistums betrifft. Was für das große Ganze von Bedeutung ist, das müssen wir gemeinsam entscheiden – und auch für eine breite Beteiligung sorgen. Dieses neue Leitungsmodell üben wir jetzt ein. Es ist nicht perfekt, aber ein guter Weg. Wir müssen in der Kirche lernen, dass die Zeit der einsamen „Hirten“ an der Spitze vorbei ist.“

Wie wird man eigentlich Generalvikar?

Klaus Pfeffer: „Da gibt es keine Regel, denn es ist ja eine Vertrauensposition, über die der Bischof ganz persönlich entscheidet. Generalvikar wird man, weil der Bischof einem das Vertrauen schenkt. Zwischen Bischof Overbeck und mir ist dieses Vertrauen gewachsen, nachdem er mich als Personalverantwortlicher kennenlernte. Wir arbeiteten sehr eng und gut zusammen. So hat er mich dann vor etwas mehr als zehn Jahren gebeten, sein Generalvikar zu werden. Bis heute klappt das gut und wir arbeiten gerne zusammen.“

Wenn ein Bischof von außen kommt, ist es sehr schwierig zu wissen, auf wen er sich verlassen kann, weil er niemanden kennt.

Klaus Pfeffer: „In der Regel arbeiten neue Bischöfe erst mal mit dem Generalvikar des Vorgängers zusammen, um das neue Bistum kennenzulernen. Meist kennen Bischöfe von außen ja niemanden in dem neuen Bistum. Dann zeigt sich nach einiger Zeit, ob das passt oder ob es besser ist, eine andere Konstellation zu suchen. Die zwischenmenschliche Ebene muss stimmen, aber auch das inhaltliche Grundverständnis für die Zukunft des Bistums – sonst geht es nicht.“

Oh, wenn der neue Bischof Alfons Hardt bitten würde, noch mal im Amt zu bleiben, würde ihn das sicher nicht glücklich machen …

Klaus Pfeffer: „Jeder Generalvikar ist frei, eine solche Bitte abzulehnen. Bei Alfons Hardt könnte ich angesichts seines Alters auch gut verstehen, wenn er einem neuen Bischof den freundlichen Hinweis geben würde, dass es im Erzbistum Paderborn sicher viele andere Priester gibt, die für dieses Amt geeignet sind. Aber grundsätzlich gilt natürlich auch: Je mehr der Priestermangel in den nächsten Jahren zunimmt, desto schwieriger wird es auf Dauer, das anspruchsvolle Amt des Generalvikars zu besetzen. Die Priesterweihe allein reicht nicht aus, um eine hochkomplexe Verwaltung zu leiten. Deshalb ist es sicher auch wichtig, dass wir unsere jüngeren Priester gut weiterbilden – denn auch viele andere Leitungsaufgaben werden immer herausfordernder.“

Alfons Hardt ist ja von Haus aus Jurist.

Klaus Pfeffer: „Das war seine große Stärke, wegen der wir ihn in der Runde der NRW-Generalvikare und auch auf Bundesebene sehr geschätzt haben. Er hat die Perspektive einer anderen Profession mitgebracht, die ihm und uns sehr geholfen hat. Es ist immer gut, wenn Generalvikare auch noch andere berufliche Kompetenzen vorweisen können. Denn das hilft sehr in einer solchen Aufgabe, die uns ständig mit neuen Themen konfrontiert.“

Was wünschen Sie Alfons Hardt für seinen Unruhestand?

Klaus Pfeffer: „Ich wünsche ihm von Herzen, dass er die freie Zeit jetzt wirklich genießen kann – und dabei vor allem auch gesund bleibt. Vielleicht sollte er achtgeben, sich nicht zu schnell für neue Aufgaben einfangen zu lassen. Er hat wirklich sehr viel gearbeitet und sehr viel geleistet. Da hat er es sich einfach verdient, seinen Lebensabend ganz frei zu gestalten und zu genießen.“

Zur Person Klaus Pfeffer

Klaus Pfeffer ist seit 2012 Generalvikar in Essen. Er wurde 1963 in Werdohl geboren, nach seinem Abitur machte er ein Volontariat beim Süderländer Volksfreund. 1992 wurde er zum Priester geweiht und war zunächst in der Jugendarbeit tätig. Er war Stadtjugendseelsorger und Stadtseelsorger des BDKJ in Duisburg, später Diözesanjugendseelsorger und Rektor der Jugendbildungsstätte in Essen-Kettwig. Seit 2011 ist er Domkapitular in Essen.

Mit Klaus Pfeffer sprach Claudia Auffenberg

Weitere Informationen zum Rücktritt von Erzbischof Hans-Josef Becker finden Sie in der aktuellen DOM-Ausgabe.

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