Immobilienstrategie im Erzbistum – „Was ist sinnvoll und nachhaltig?“

Das Territorium eines neu gebildeten pastoralen Raumes oder eine Pastoralvereinbarung sind für die meisten Gläubigen abstrakte Größen. Zwar künden sie vom gesellschaftlichen Wandel, aber schmerzhaft spürbar wird dieser, wenn es um die Immobilien geht. Ein Gespräch zur diözesanen Immobilienstrategie.

Immobilienstrategie im Erzbistum
veröffentlicht am 09.10.2022
Lesezeit: ungefähr 9 Minuten

Das Territorium eines neu gebildeten pastoralen Raumes oder eine Pastoralvereinbarung sind für die meisten Gläubigen abstrakte Größen. Zwar künden sie vom gesellschaftlichen Wandel, aber schmerzhaft spürbar wird dieser, wenn es um die Immobilien geht. Ein Gespräch zur diözesanen Immobilienstrategie. Mit Carmen Matery-Meding und Daniel Schröter sprachen Claudia Auffenberg und Patrick Kleibold

Frau Matery-­Meding, Herr Schröter, seit drei Monaten ist die Immobilienstrategie in Kraft. Wie läuft es?

Matery-Meding: „Es haben sich eine Vielzahl von pastoralen Räumen für eine Immobilienberatung angemeldet. Wichtig ist uns, dass nicht nur die Kirchenvorstände, sondern auch die Pfarrgemeinderäte diesen Weg mit uns gemeinsam gehen möchten.

Das Team Immobilienberatung steht den pastoralen Räumen beratend zur Seite. Zurzeit steht uns eine professionelle Gruppe dafür zur Verfügung, eine zweite ist im Aufbau! Diese interdisziplinäre Unterstützung hat das Ziel, die Menschen vor Ort in die Lage zu versetzen, individuelle Lösungen zu finden, um für sich gute Entscheidungen treffen zu können: Welche pastoralen Angebote soll es künftig geben und welche Gebäudeflächen werden dafür benötigt? Das Beratungsangebot deckt pastorale und baulich-­finanzielle Aspekte ab.

Zudem stehen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Generalvikariates zur Verfügung, die den Prozessverlauf im Blick haben. Sie moderieren und führen durch die Veranstaltungen. Auch die Gemeindeverbände werden einbezogen und übernehmen wichtige Aufgaben. Ich möchte deutlich machen, dass wir keine Musterlösungen mitbringen, dass funktioniert nicht. Individuelle Konzepte gilt es zu erarbeiten und die Entscheidungen fallen im pastoralen Raum durch die jeweiligen Rechtsträger.“

Was genau soll vor Ort entschieden werden?

Matery-Meding: „Das vorhandene Immobiliengerüst entstand in einer Zeit, als man von wachsenden Katholikenzahlen ausging. Eine Anpassung auf die heutigen Bedürfnisse und Herausforderungen ist das Ziel! Wir setzen auf die Zusammenarbeit im pastoralen Raum. Wenn sich mehrere Pfarreien gemeinsam auf den Weg machen, entstehen überlappende Ideen. Diese Überlappungen ermöglichen Synergien, die im Alleingang nicht gefunden werden können! Neues kann entstehen, wenn der Mut da ist, sich diesen Überlegungen zu stellen.“

Also muss am Ende irgendwer bluten? 

Immobilienstrategie im Erzbistum

Matery-Meding: „Wenn die gefundene Lösung „einen Verlierer“ entstehen lässt, ist es kein gutes Immobilienkonzept. Im Idealfall wird schlecht genutzte Fläche reduziert, damit die verbleibenden Quadratmeter optimal zu den heutigen Bedürfnissen passen. Bevor Kirchensteuergelder in wenig genutzte Gebäude investiert werden, steht über allem die Frage: Was ist sinnvoll, zukunftsorientiert und nachhaltig? Zudem bringen gute Konzepte einen Mehrwert vor Ort. Ein selten genutztes Gebäude wird zum Beispiel aufgegeben und in der Pfarrei entsteht ein sinnvolles Projekt, was für alle einen Nutzungsgewinn darstellt. Das könnte zum Beispiel eine Tagespflege sein, in der Pflegebedürftige tagsüber betreut werden oder alleinlebende Senioren eine Unterstützung erfahren. Es gibt viele gute Beispiele, nicht nur karitative Ausrichtungen.

Es handelt sich natürlich um sehr sensible Entscheidungen und die Angst und Trauer vor Ort ist bekannt und bedrückt auch uns. Viel Kommunikation ist notwendig, um den Menschen die Sorge vor Veränderung zu nehmen! Aber es wird sich lohnen.“

Das Erzbistum behandelt in der Strategie alle Gebäude gleich. Wa­rum sind Kirchen nicht wichtiger als ein Pfarrheim?

Matery-Meding: „Oft sind kirchliche Gebäude mit gemeinsamen Erlebnissen und der Vergangenheit der Menschen verknüpft. Daher hängen Emotionen nicht nur an unseren sa­kralen Gebäuden. Eine wichtige Basis unserer Immobilienstrategie ist das Prinzip der Subsidiarität: Autoritäre Entscheidungen werden den Menschen vor Ort nicht gerecht. Alles, was geplant wird, sollte ja auch mit Leben gefüllt werden. Und das können nur die vielen engagierten Menschen in unseren Gemeinden. Das Mitgestalten ist eine Grundvoraussetzung für den Erfolg.“

Schröter: „Berechnungsgrundlage der Immobilienstrategie ist die Bruttogrundfläche (BGF), also die Summe der Grundflächen aller Grundrissebenen eines Gebäudes. Kirchen haben im Vergleich zu Pfarrheimen ein sehr großes Volumen. Damit und mit ihrer häufig historischen Bausubstanz sind sie sehr kostenintensiv in Betrieb und Erhalt. Sie verursachen also in Bezug auf die Grundfläche deutlich höhere Kosten als Pfarrheime. Dennoch wird bei Sakralgebäuden diese Fläche gleich bewertet wie bei Pfarrheimen. Dieser Ansatz berücksichtigt also durchaus die besondere Stellung von Kirchen.“

Matery-Meding: „Kirchen sind gebaute Zeugnisse unseres Glaubens, unserer Kultur, prägend für den Städtebau und die Dorfstruktur. Daher ist es so schwer, auch über die Zukunft von Sa­kralgebäuden nachzudenken.“

Aber es wird doch für Streit in den Gemeinden sorgen. 

Matery-Meding: „Eine gewisse Konfliktgefahr besteht. Jedoch sind Entscheidungen über die Köpfe der Menschen vor Ort hinweg keine Alternative! Was ist das pastorale Konzept, wo gibt es Synergien mit Nachbarpfarreien und anderen Kooperationspartnern? Und was wird nicht mehr gebraucht?“

In anderen Fragen haben die Gemeinden Paderborn so erlebt: Mit wem ein pastoraler Raum gebildet wird, konnte vor Ort nicht entschieden werden. 

Schröter: „Frust ist eine unglaublich große Barriere, deswegen ist jetzt entschieden worden, dass die Auseinandersetzung mit dem Gebäudebestand mit den Gemeinden zusammen angegangen wird. Wir haben im Erzbistum Paderborn den klaren Weg gewählt, dass wir es nicht von oben entscheiden werden. Ich biete gerade sehr viele Informationsabende an, die ich sehr positiv wahrnehme. Wer dahin kommt, kennt das Problem und weiß, dass wir uns mit dem Thema auseinandersetzen müssen und es nur gemeinsam lösen können.“

Matery-Meding: „Pfarreien ohne Veränderungsbestreben werden von der Immobilienstrategie nicht zu einem Konzept gezwungen. Jedoch werden die weniger werdenden finanziellen Mittel in diesen Fällen auf einen nicht reduzierten Gebäudebestand verteilt. Das heißt, pro Quadratmeter steht weniger Geld zur Verfügung. Die neuen Förderrichtlinien bezeichnen dies als Stufe 1. Es gibt insgesamt drei Förderstufen. 

Die zweite Stufe der Förderung ist erreicht, wenn mindestens 20 % der Bruttogrundfläche reduziert wird.  Diese Förderung ist ähnlich hoch wie in den vergangenen Jahren. Die Stufe 3 öffnet den Raum für neue Ideen, die während der Beratungen entstehen können. Pastorale Konzepte und auch Gebäude mit überregionaler Strahlkraft benötigen eine besondere finanzielle Förderung.“

Die Förderstufe 3b spricht sogar von Gebäuden mit diözesaner Bedeutung. Was könnte das sein?

Matery-Meding: „Es gibt Überlegungen, dass es missionarische und diakonische Schwerpunkte an verschiedenen Stellen im Erzbistum geben soll. Auf diese festgelegten pastoralen Projekte könnten sich pastorale Räume bezüglich einer Umsetzung / einer Realisierung bewerben. Zen­trale Planungen zu diesem Thema laufen, sind jedoch noch nicht abgeschlossen.“

Die Pfarrheime sind das Ergebnis einer einstmals neuen pastoralen Idee. Vielerorts lebt die Generation noch, die sie gebaut oder finanziert haben. Trifft Sie der Schmerz solcher Leute?

Matery-Meding: „Mit der Immobilienstrategie wird oft ein sehr schmerzhafter Prozess angestoßen. Die Wut und die Trauer bleiben uns nicht verborgen und berühren uns sehr. Die Ursache ist jedoch nicht der anstehende Prozess. In den Pfarreien passen die Quadratmeterzahlen nicht mehr zum aktuellen Bedarf. Manchmal stehen die Gemeinden schon heute mit dem „Rücken zur Wand“.

Unser Beratungsprozess zeigt einen Weg auf, ins Handeln zu kommen. Noch können wir agieren, noch sind wir in der Situation, dass wir gemeinsam die Zukunft gestalten können. Handlungsspielraum entsteht, der trotz Reduzierung von Gebäudeflächen positive Projekte fördert. In unsere Beratungsteams habe ich großes Vertrauen.“

Immobilienstrategie im Erzbistum

Schröter: „Die Immobilienstrategie will auch für einen Mehrwert sorgen. Im Moment wirkt es so, als gehe es allein um Reduktion. Langfristig wollen wir natürlich sparen, aber kurzfristig werden wir erst mal investieren müssen. Wenn zwei Gemeinden sich überlegen, anstelle von zwei Pfarrheimen eines gemeinsam zu nutzen, wird im Idealfall ein bestehendes zukunftsfähig zu sanieren sein. Alternativ könnte gemeinsam ein neues, kleineres auf der Hälfte des Weges gebaut werden. Beide Optionen kosten zunächst einmal mehr Geld. Den Mehrwert eines passgenauen, nachhaltigen Gebäudes, den damit beide Kirchengemeinden erhalten, muss man immer mitdenken.“

Im Erzbistum gibt es arme und reiche Kirchengemeinden. Werden die gleich behandelt?

Matery-Meding: „Die Immobilienstrategie wird nicht alles aus der Vergangenheit heilen können. Die Strategie will das ­Immobilienrisiko vor Ort minimieren, damit zukünftig Angebote vor Ort bestehen bleiben können.“

Noch mal zu den Kirchengebäuden. Man liest gelegentlich von Endwidmungen oder gar Abriss, was für viele Menschen eine echte Horrorvorstellung ist…

Matery-Meding: „Das ist es für mich als Architektin auch! Kirchen sind nicht nur sakrale Gebäude, sondern sehr viel mehr. Sie sind für Orte/Stadtteile identitätsstiftend oder mindestens ortsbildprägend. Ein Kirchengebäude ohne Kirchengemeinde ist jedoch auch fraglich.“

Schröter: „Sollte sich eine Gemeinde tatsächlich dazu entscheiden, sich von der Kirche zu trennen, muss das nicht automatisch den Abriss bedeuten. Wir würden dann zu einer Umnutzung raten, die zum Charakter des Gebäudes passt, damit die Kirche stadtbildprägend erhalten bleibt. Deswegen ist für uns ein guter Kontakt zum Denkmalschutz wichtig. Im Studium habe ich gelernt: Nur ein genutztes Denkmal ist ein gutes Denkmal. Wenn aber der Denkmalschutz so einschränkt, dass eine Nachnutzung nicht möglich ist, kann das Gebäude auf Dauer nicht erhalten bleiben. Um hier gute, nachhaltige Lösungen zu finden, möchten wir in einen intensiven, konstruktiven Dialog treten.“

Eine andere Sorge ist, dass es gerade die modernen Kirchen sind, die nicht erhalten werden. 

Matery-Meding: „Viele dieser Nachkriegskirchen sind vom Landschaftsverband Westfalen-­Lippe als denkmalwürdig eingestuft worden. Denkmalschutz macht eine Hybridnutzung oder einen Umbau oft schwierig beziehungsweise sehr teuer in der Umsetzung. Bei jedem einzelnen Gebäude muss nach guten Lösungen gesucht werden. Auch hier kann man nicht von Musterplanungen sprechen. Ich selbst komme aus einer Pfarrei mit einer solch modernen, nicht unter Denkmalschutz stehenden Kirche. Für mich ist daher klar, dass für die Menschen auch diese Kirchen von großer emotionaler Bedeutung sind.“

Man könnte einen Ideenwett­bewerb starten so wie in Stuttgart. Dort wurden unter dem Motto „Wir haben eine Kirche. Haben Sie eine Idee?“ viele Möglich­keiten gesammelt und seither läuft das Projekt „St. ­Maria als…“.

Matery-Meding: „Das ist eine sehr schöne Initiative! Ideen sind immer gut, weil sie die Basis für alle künftigen Projekte sind! Aber am Ende braucht es auch Bündnispartner, die sich finanziell an guten Ideen beteiligen und in die Standorte investieren. Bei den Beratungsprozessen bringen wir eine Reihe von Beispielen und eventuell möglichen Partnern mit.“

Denkmalschützer warnen jedenfalls und sagen: Kirchen dürfen auf keinen Fall abgerissen werden. 

Matery-Meding: „Unsere kirchliche Architektur ist ein sehr geschätztes Kulturgut. Was machen wir jedoch mit unseren wertvollen Gebäuden, wenn sie pastoral nicht mehr benötigt werden sollten? Und wie werden diese Denkmäler finanziert, wenn immer mehr Menschen durch Kirchenaustritte nicht mehr zum Bauunterhalt mit ihrer Kirchensteuer beitragen? Da kommt eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung auf uns zu. Dafür müssen wir in Zukunft stärker sensibilisieren.“

Weitere Berichte zur katholischen Kirche und ihre Entwicklung im Erzbistum Paderborn finden Sie hier.

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