Kirche im Jahr 2022 – Wichtige Entscheidungen stehen an

Die Aufarbeitung von Missbrauch wird die beiden großen Kirchen auch im Jahr 2022 weiter beschäftigen.

Ein Mann verlässt eine leere Kirche in Bonn. Ein Lichtstrahl dringt von außen durch die Tür.
Ein Mann verlässt eine leere Kirche in Bonn. Ein Lichtstrahl dringt von außen durch die Tür.
veröffentlicht am 11.01.2022
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Die Aufarbeitung von Missbrauch wird die beiden großen Kirchen auch im Jahr 2022 weiter beschäftigen. Dazu steht die Frage im Raum, welche Relevanz Kirche mit immer weniger werdenden Mitgliedern in einer zunehmend kirchenfernen Gesellschaft zu entfalten vermag.

Bonn (KNA). Am Aschermittwoch ist sie vorbei: die Auszeit des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki. Am 2. März will der 65-­Jährige wieder die Leitung seines Erzbistums übernehmen. Die Diskussion um seine Rolle beim Umgang mit sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche dürfte damit allerdings nicht beendet sein. Erst recht nicht, nachdem bekannt wurde, dass der Erzbischof für Gutachter, Medienanwälte und Kommunikationsberater rund 2,8 Millionen Euro ausgab – im Gegensatz zu 1,5 Millionen Euro, die seit 2010 an Betroffene von Missbrauch gingen.

Neben Köln steht ein weiteres Erzbistum in der gleichen Angelegenheit zu Beginn des neuen Jahres im Fokus. Mitte Januar 2022 werden die Anwälte der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) ihr Gutachten zum Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs im Erzbistum München und Freising der Öffentlichkeit vorstellen. Die Präsentation wird auch international mit Aufmerksamkeit verfolgt. Denn es geht um das Verhalten etlicher prominenter kirchlicher Verantwortungsträger im Zeitraum von 1949 bis 2019, darunter der inzwischen emeritierte Papst Benedikt XVI. Er war als Joseph Ratzinger von 1977 bis 1982 Erzbischof von München und Freising.

Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe

Bei der Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe vom 7. bis 10. März im oberfränkischen Wallfahrtsort Vierzehnheiligen dürfte es an Gesprächsstoff jedenfalls nicht mangeln. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) dagegen segelte bei der Missbrauchs­debatte lange im Windschatten der katholischen Kirche. Doch auch hier wächst der Druck. Die neue EKD-­Ratsvorsitzende Annette Kurschus kündigte an, das Thema zur Chefinnensache machen zu wollen. Und die Synode will künftig die Aufarbeitung bei jedem Treffen des Kirchenparlamentes auf die Tagesordnung setzen.

Unterdessen geht der Mitgliederschwund in beiden großen Kirchen weiter – nicht zuletzt auch als eine Folge des ­Missbrauchsskandals. Manche Beobachter sehen bald schon einen „Kipp­punkt“ erreicht: Der Tag sei nicht mehr fern, an dem erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik der Anteil von Katholiken und Protestanten an der Gesamtbevölkerung ­unter die Marke von 50 Prozent zu rutschen drohe. Die Statistiken, die üblicherweise im Sommer vorliegen, dürften das diesmal ­allerdings noch nicht hergeben.

Zahlen sind Alarmsignale – Kluft zwischen Kirche und Gesellschaft

Die Zahlen zur Kirchenzugehörigkeit und Bindung sind Alarmsignale. Die Kluft zwischen Kirche und Gesellschaft werde größer, insbesondere in Fragen von Sexualität, Partnerschaft, Gleichberechtigung von Frauen und Männern.

Georg Bätzing, Bischof von Limburg und Vorsitzend der Deutschen Bischofskonferenz

Wie kann sich diese Kirche in einer zunehmend kirchenfernen Gesellschaft dennoch Gehör verschaffen? Eine knifflige Frage, auch mit Blick auf die Lobby­arbeit im politischen Berlin. Die neue Ampel-­Regierung hat mehrere Vorhaben auf der Agenda, bei denen Kirchenvertreter genauer hinschauen wollen. Beim Lebensschutz oder bioethischen Fragen werde man „sicher in einen kritischen Dialog treten müssen“, sagte der Vertreter der Bischöfe in Berlin, Karl Jüsten, in einem Interview der Katholischen Nachrichten-­Agentur.

ZdK zieht um nach Berlin

Zugleich greife der Koalitionsvertrag in vielen Bereichen Anliegen der Kirchen auf, etwa soziale Fragen, beim Klimaschutz oder der Migration, sagte Jüsten. Themen, die auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) auf dem Schirm haben wird. Ab Jahresbeginn verlegt das höchste repräsentative Gremium der katholischen Laien in Deutschland seinen Sitz von Bonn nach Berlin. Das neue ZdK-­Präsidium um Irme Stetter-­Karp kündigte bereits an, dass sich mit dem Umzug der Auftrag verbinde, das politische Profil des Katholikenkomitees zu schärfen.

Präsenz zeigen wird für beide Kirchen angesichts der nicht enden wollenden Corona-­Pandemie zu einer echten He­rausforderung. Über Zusammenkünften aller Art vom Sonntagsgottesdienst bis zu Großveranstaltungen wie dem Katholikentag Ende Mai in Stuttgart oder der bereits einmal verschobenen Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen vom 31. August bis zum 8. September in Karlsruhe schwebt weiter das Damokles­schwert der Pandemie.

Kirche im Aufbruch – Vollversammlung des Synodalen Weges

Das gilt auch für die beiden 2022 geplanten Vollversammlungen des Synodalen Weges. Die von Bischöfen und ZdK unter dem Eindruck des Missbrauchs­skandals gestartete Initiative will schon beim Treffen vom 3. bis 5. Februar möglichst konkrete Vorschläge für Reformen verabschieden. Zu den offenen Baustellen gehören eine stärkere Beteiligung von Frauen, Änderungen in der Sexualmoral und ein anderer Umgang mit Macht in der Kirche. Bei Weitem nicht alles davon wird sich im Laufe des Jahres klären lassen.

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