Danken und hoffen

Kairos nennt man Momente, in denen sich alles fügt und Dinge gelingen, auf die man lange gehofft hat. In der Kirche warten wir auf einen solchen Moment, schreibt Claudia Auffenberg.

In diesem Jahr fallen das Erntedankfest und der Tag der Deutschen Einheit zusammen. (Foto: unsplash)
In diesem Jahr fallen das Erntedankfest und der Tag der Deutschen Einheit zusammen. (Foto: unsplash)
veröffentlicht am 03.10.2021
Lesezeit: ungefähr 3 Minuten

In diesem Jahr fallen das Erntedankfest und der Tag der Deutschen Einheit zusammen. Das ist eine schöne Kombination, denn für das, was am 3. Oktober begangen wird, kann man wirklich unendlich dankbar sein. Natürlich hat dieses Datum nicht den Glanz und das Prickeln des 9. November. Es wurde ein Vertrag geschlossen, die deutsche Einheit nur noch formal vollzogen. Und doch: Sie konnte ohne Blutvergießen erreicht werden. Sicher, im Laufe der Geschichte der DDR haben Menschen ihre Sehnsucht nach Freiheit und ihren Mut mit Leben oder Lebenszeit bezahlt. Doch am Ende blieb die Katastrophe aus, anders als in Belarus, in Hongkong, in Russland, in Syrien oder in Afghanistan. Irgendwann war die Freiheit nicht mehr aufzuhalten. Irgendjemand hatte das eingesehen und den Befehl zum Niederknüppeln nicht gegeben. Irgendjemand hatte rechtzeitig gemerkt, dass das, was dem Leben dient, nicht aufzuhalten ist, sondern sich wie das Wasser seinen Weg sucht. Kairos nennt man solche Momente, in denen sich auf einmal alles fügt und Dinge gelingen, auf die man lange gehofft hat. 

Warten auf einen Kairos

In der Kirche, das muss man sagen, warten wir noch auf so einen Kairos. Die Wahl von Papst Franziskus schien zunächst ein solcher Moment zu sein oder der Beginn des Synodalen Weges. Aber irgendwie fügen sich die Dinge nicht. Am Donnerstag vergangener Woche noch hatte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, davon gesprochen, dass sich der Umgang mit Macht, auch mit bischöflicher Macht nicht nur an der Bibel, an der Tradition und dem Lehramt messen lassen müsse, sondern “auch an den politischen und gesellschaftlichen Standards, in deren Umgebungsraum sie sind”. Am Freitag dann trat ein lächelnder Kardinal Woelki im Garten seines Hauses vor die Kameras und berichtete, der Papst habe ihm gesagt, dass er sehr auf ihn zähle. Und dass er explizit seine Entschlossenheit würdige, mit der er sich für die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs einsetze. Und dass er nun eine Auszeit nehmen wolle, um das alles für sich zu verarbeiten und einen Weg für sich zu finden. Die Auszeit sei übrigens seine Idee gewesen, der Heilige Vater finde sie sehr gut… 

Herrjemine, man möchte wirklich mal auf den Tisch hauen! Aber auf wessen? Vielleicht auf den eigenen, um sich selbst aus der Erstarrung zu lösen und sich zu vergewissern: Was hat Leute wie Franz von Assisi, Adolph Kolping, Edith Stein, Alfred Delp, Óscar Romero oder Mutter Teresa getragen? Was? Das Evangelium! Und das war es doch wohl auch, was in der DDR Menschen Mut gemacht hat, aufzustehen gegen die Diktatur. Vielleicht ist am Sonntag Gelegenheit, auch für diese Saat zu danken, die da vor 2.000 Jahren gelegt worden ist und die immer noch reiche Frucht trägt. Denn wer dankt, hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

Ihre
Claudia Auffenberg

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