Der Reformdruck wächst

ZDK-Frühjahrsvollversammlung: Missbrauchsaufarbeitung soll verstärkt werden

Vieles auf der Liste: Wolfgang Klose (links), Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg (Mitte), Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), und Karin Kortmann (rechts), Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), während der Vollversammlung des ZdK. Foto: Oppitz/KN
veröffentlicht am 28.04.2021
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Bonn (KNA). Im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) wächst nach Angaben seiner Vizepräsidentin Karin Kortmann die Ungeduld über den innerkirchlichen Reformprozess. Der Wunsch, beim sogenannten Synodalen Weg zu konkreten Ergebnissen zu kommen, habe sich unter anderem in der Frage der „Segnung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften“ gezeigt, sagte Kortmann am vergangenen Wochenende auf domradio.de. Gegen das Nein des Vatikan zu Segnungen habe sich eine Art christlicher ziviler Widerstand gezeigt, der deutlich mache, dass die Katholiken in Deutschland Reformen wollten und bereit seien, voranzugehen. 

von Christoph Ahrens 

Bei seiner am vergangenen Samstag zu Ende gegangenen digitalen Frühjahrsvollversammlung verpflichtete sich das ZdK, bei der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der Kirche mehr Flagge zu zeigen. ZdK-Vizepräsident Wolfgang Klose kündigte an, dass ein neu eingerichteter Arbeitskreis des ZdK, der sich mit Missbrauch durch Laien in Gemeinden und Verbänden befasst, im Mai seine Arbeit aufnehmen werde. Das Gremium soll sich mit den „begünstigenden Strukturen von Missbrauch“ beschäftigen, Betroffene zu Wort kommen lassen und Handlungsempfehlungen formulieren. Außerdem soll es die Aufarbeitungsprozesse in den Bistümern beobachten und Reformen einfordern.

Vertreter der Betroffenen appellierten an das ZdK, „endlich Flagge zu zeigen für die Betroffenen“. Sexuelle Gewalt durch Kleriker geschehe nicht im luftleeren Raum, erklärten die vier Mitglieder des von der Deutschen Bischofskonferenz eingerichteten Betroffenenbeirats, Johannes Norpoth, Kai Moritz, Lisa Scharnagl und Johanna Beck.

Zudem beschloss das oberste katholische Laiengremium, künftig eine geschlechtersensible Sprache zu benutzen. Die Vollversammlung stimmte einem Antrag zu, nach dem künftig im geschriebenen Wort das Gendersternchen verwendet wird. Auch im mündlichen Sprachgebrauch sei eine geschlechtersensible Sprache wünschenswert. Dabei soll die Verwendung des Gendersternchens durch eine Pause an der Stelle des Sternchens ausgedrückt werden.

Bereits am Freitag hatte ZdK-Präsident Thomas Sternberg (69) angekündigt, er wolle im Herbst nach sechs Jahren Amtszeit nicht erneut für das Präsidentenamt kandidieren. Der Münsteraner ist maßgeblich beteiligt an der Gestaltung des Gesprächsprozesses Synodaler Weg in der katholischen Kirche, der 2019 gestartet wurde. 

Die 230 Delegierten der Vollversammlung forderten eine sozial gerechte Verteilung der Corona-Lasten. Menschen mit niedrigen Einkommen, Geringqualifizierte und Alleinerziehende hätten massive Einbußen erlitten. Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien litten besonders unter den Beschränkungen im Bildungs-, Sozial- und Freizeitbereich. „Das Ungerechtigkeitsempfinden bei den Betroffenen und der Gesamtbevölkerung für die drohende soziale Schieflage steigen deutlich“, mahnte Sternberg. Christen müssten in dieser Situation für soziale Gerechtigkeit werben und sich als Anwälte für die Schwächsten in der Gesellschaft engagieren.

Das ZdK forderte zugleich weltweite Solidarität bei der Verteilung der Impfstoffe. „Es ist ein bleibender Skandal, dass sich weiterhin etwa 90 Prozent der Impfstoffe auf etwa ein Dutzend Länder verteilen“, so der ZdK-Präsident. Er appellierte an die EU und ihre Mitgliedstaaten, die Covax-Initiative zur Verteilung in den Ländern des Südens zu stärken. Die katholische Weltkirche stehe in der Verantwortung, sich „gegen kurzsichtige Nationalismen in der Impfstoffverteilung zu stellen“. 

Mit Blick auf den Missbrauchsskandal in der Kirche forderte Sternberg eine rasche Bildung von unabhängigen Kommissionen zur Aufarbeitung in den Bistümern. Dass es solche Kommissionen noch nicht in allen 27 Diözesen gebe, liege auch daran, dass Kirche und Bundesländer teilweise noch keine Mitglieder benannt hätten.

Sternberg sieht den Reformprozess des Synodalen Wegs weiterhin als Erfolgsmodell. „Wir haben derzeit eine einmalige Chance zu Reformen“, sagte er. Noch nie hätten so viele Priester, Bischöfe und Laien Veränderungen in der Kirche gefordert. „Und in Rom haben wir einen Papst, der solche Reformthemen zumindest formuliert“.

Aus den Reihen der Delegierten waren zuvor Fragen nach roten Linien und Erfolgskriterien laut geworden. Unter anderem war die Frage aufgekommen, wie man darauf reagieren solle, wenn Rom oder Bischofskonferenz ihre Macht ausspielten und gar nicht reagierten. Wie beim Plädoyer der Würzburger Synode (1971–1975) für eine Diakoninnenweihe von Frauen. Oder wie bei der Forderung der deutschen Katholiken nach Einführung einer kirchlichen Verwaltungsgerichtsbarkeit, die derzeit in Rom liege.

Sternberg will vermitteln: Sicher gebe es „Essentials, die wir erreichen müssen“, sagte er und warnte zugleich davor, die eigenen Positionen zu fest zu zurren. Schließlich gebe es auch unter katholischen Laien durchaus unterschiedliche Positionen. Und schließlich sei der Synodale Weg, auch als ein „geistlicher Prozess“ zu verstehen.

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