Schatzkammer Erinnerung

Im Rahmen eines Seniorenprojektes der Caritas Bielefeld entstand eine berührende Broschüre

Christina Lerch und Barbara Laß vom Caritasverband Bielefeld erstellten aus zugesandten Erinnerungen, Gedanken und Gedichten von Menschen über 60 eine Broschüre. Fotos: Caritas
veröffentlicht am 21.04.2021
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Bielefeld (jon). Menschen, die von Altersarmut betroffen sind, unterstützen: Das ist das Ziel des Café Credo, einem neuen, in diesem Jahr gestarteten Projekt des Caritasverbandes Bielefeld. Im Rahmen dieses Projektes entstand auch eine berührende Broschüre, in der ältere Menschen ihre Gedanken, Erinnerungen und Gefühle zur Corona-Zeit niedergeschrieben haben.

„Im Projekt Café Credo werden Themen besprochen, die ältere Menschen bei der Bewältigung des Lebensalltags unterstützen“, erklären Christina Lerch und Barbara Laß, Mitarbeiterinnen der Offenen Seniorenarbeit des Caritasverbandes Bielefeld. Café Credo steht hierbei für einen Ort der Begegnung in der Glaubensgemeinschaft mit einem vertrauensvollen Umgang miteinander und einer gezielten, abwechslungsreichen Informationsvermittlung.

In dem Projekt geht es um die Stärkung der sozialen Teilhabe der von Altersarmut betroffenen Menschen in Bielefeld. Finanziell möglich gemacht wird dieses Projekt durch den Sonderfonds für spezifisch armutsorientierte Projekte in den Diensten der Caritas im Erzbistum Paderborn. Doch: „Die Begegnungen, die wir uns so sehr wünschen, können leider aufgrund der Corona-Beschränkungen nicht wie gewohnt in der Gruppe stattfinden“, erklären die beiden Projekt-Mitarbeiterinnen. 

Stattdessen gibt es eine kostenfreie Seniorensprechstunde donnerstags von 10.00 bis 12.00 Uhr im Caritas-Treffpunkt in der Oldentruper Straße 6 in Bielefeld. „In regelmäßigen Abständen werden auch Senioren Begegnungsbriefe zugesandt, um den Kontakt mit unseren Seniorengruppen zu halten sowie Trost und Hoffnung zu geben“, so Christina Lerch und Barbara Laß.

Im Rahmen der Zusammenarbeit der beiden Caritas-Mitarbeiterinnen mit den Seniorinnen und Senioren ist in einer Schreibwerkstatt auch etwas ganz Besonderes entstanden: ein Heft, für das unter dem Motto „Erinnerungen sind die größte Schatzkammer“ Menschen ab 60 Jahren ihre Gedanken, Erinnerungen und Gefühle zur Corona-Zeit, aber auch ihre Wünsche für die Zukunft aufschreiben konnten. Christina Lerch und Barbara Laß stellten diese zusammen und veröffentlichten sie. 

„Älteren Menschen sollte damit in diesen außergewöhnlichen Zeiten eine Stimme gegeben werden, denn Schreiben tut der Seele gut und unsere Erinnerungen sind ein wertvolles Gedankengut, das uns alle miteinander verbindet“, erklären die beiden Caritas-Mitarbeiterinnen. „Durch die Veröffentlichung der Beiträge und das Senden an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Schreibwerkstatt kann in dieser Zeit der Isolation eine Verbindung untereinander geschaffen werden und ein Anteilnehmen an dem Ergehen anderer.“

Frauen und Männer in der Altersspanne zwischen 64 und 89 Jahren schickten sehr verschiedene Texte zu. „Unter umarmt“ fühlt sich zum Beispiel die 80-jährige Heidrun Maoro, ihr fehlen kulturelle Dinge und besonders „Musik in jeder Form“. Schließlich singe sie seit 40 Jahren im Chor. Ein anonymer 64-Jähriger schreibt sich in einem Gedicht seinen „Corona-Winter-Blues“ von der Seele: „Winternebel wabert durch die Stadt / und immer noch Corona – ich hab es satt! / Wie soll das eigentlich alles werden? / Liegt bald meine Existenz in Scherben?“ Dagegen ermutigt die 78-jährige Edith Winkelmann: „Alles wird vorübergehen / Alles hat Schweres / Alles hat Last / Und dennoch hat alles / Seine zart aufzuspürende, zart erfüllende Beglückung.“

Sehr berührend ist der Erfahrungsbericht von Janice Finn (67). Sie beschreibt, wie ihr Mann vier Monate nach Beginn der Pandemie ins Krankenhaus musste. Ein Besuch war kaum möglich. Kontakt hielten die Eheleute über Handytelefonate und Textnachrichten. Doch dann schreibt sie: „Er las die Nachricht nicht. Vielleicht machte er Mittagsschlaf. Nach einer halben Stunde rief ich auf seinem Handy an. Es klingelte, aber er ging nicht ran. Dann versuchte ich es wieder. Er nahm nicht ab. Auf einmal kam eine unheimliche Angst in mir hoch.“

Ein Schlaganfall, zunächst ein leichter, ist die Erklärung. Ihr Mann wurde in ein anderes Krankenhaus verlegt. Doch dann verschlimmert sich die Lage. Schließlich stirbt ihr Mann. „Ich war so sehr allein“, schreibt sie. „Der Pfarrer aus der Nachbarschaft schrieb auf eine Karte an mich: Alle Corona-Sorgen der anderen erscheinen klein, gegen das traurige Jahr, was Sie hinter sich haben. Wie Recht er hat.“ Doch inzwischen schaut sie wieder nach vorn: „Wenn mein Enkelsohn im Sommer in die Schule kommt, kann ich für ihn da sein, darauf freue ich mich.“

Aufgrund der Vielzahl an Einsendungen mussten Christina Lerch und Barbara Laß für die Broschüre eine Auswahl treffen. Mit dabei waren auch Lebenserinnerungen allgemeiner Art, für die die beiden ebenfalls sehr dankbar sind. Diese wurden im hinteren Teil des Heftes unter der Kategorie „Geschichten, die das Leben schrieb“ aufgeführt.

Die Broschüre wurde den Teilnehmern der Schreibwerkstatt zugesandt, kann aber auch von anderen Interessierten angefordert werden. Auch in den Caritas-Treffpunkten in Bielefeld Mitte/Ost und Senne liegen die Hefte zur Abholung bereit.

Die Broschüre „Erinnerungen sind die größte Schatzkammer“ ist gegen eine kleine Spende erhältlich.

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