Wie Schmuddelkinder am Rand

Die diözesane Arbeitsgemeinschaft der Erziehungs- und Familienhilfen im Erzbistum Paderborn beklagt fehlende Unterstützung durch Politik und Behörden

Einen Weltrekord im Papierboot-Rennen stellten die Jugendlichen des Salvator-Kollegs Hövelhof 2018 auf. Foto: Salvator-Kolleg
veröffentlicht am 19.03.2021
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Olpe/Paderborn. Mit einer „enormen Herausforderung“, die in Politik und Gesellschaft nicht wahrgenommen werde, kämpft die Kinder- und Jugendhilfe. Dass dieser Rund-um-die-Uhr- Einsatz weitgehend ignoriert werde, kritisiert die katholische diözesane Arbeitsgemeinschaft Erziehungs- und Familienhilfen im Erzbistum Paderborn, in der 31 stationäre Einrichtungen, darunter auch das Josefshaus in Olpe, zusammengeschlossen sind. In ihnen leben 2 500 Kinder und Jugendliche, die nicht in ihren Familien bleiben können. 

Kein roter Faden

Große Probleme bereitet etwa, dass in NRW noch immer keine freiwillige und kostenlose präventive Testung möglich ist. Zudem gibt es unterschiedliche Vorgaben und Bestimmungen der verschiedenen Jugend- und Gesundheitsämter bei Quarantäneanordnungen oder der Finanzierung von digitalen Endgeräten für das Homeschooling. „Es gibt da keinen roten Faden, das ist ein echtes Problem“, sagt Paul Krane- Naumann vom Diözesan- Caritasverband Paderborn, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft. „Dabei brauchen die pädagogischen Mitarbeiter jede Hilfe und vor allem einen effektiven Gesundheitsschutz, um die Kinder und Jugendlichen in dieser auch für sie schwierigen Situation bestmöglich unterstützen zu können.“  

„Wir können nicht zumachen“

Denn: „Wir können nicht zumachen“, erklärt Reinhard Geuecke. Als Bereichsleiter Erziehung bei der GFO in Olpe, einem Träger im Caritasverbund, verantwortet er die 190 Wohnplätze für Kinder und Jugendliche im Olper Josefshaus. In 20 Wohngruppen leben dort Kinder und Jugendliche unterschiedlichen Alters zusammen. In der Pandemie können sie nicht einfach nach Hause geschickt werden. Wenn Schulen geschlossen sind, müssen im Gegenteil die Erzieher mit ihren Schützlingen das Homeschooling stemmen. „Vormittags brauchen wir dann 40 Leute zusätzlich, weil um diese Uhrzeit normal alle Kinder in der Schule und damit keine Erzieher im Dienst sind. Da haben sich unglaublich viele Überstunden angehäuft, da die personelle Ausstattung einer Wohngruppe solch zusätzliche Betreuungszeiten nicht vorsieht.“ 

Unglaublich viele Überstunden

Die dafür nötige Ausrüstung mit digitalen Endgeräten musste erst mühsam mithilfe von Spenden und der Unterstützung eines Fördervereines beschafft werden. „Ich habe zu Anfang jeden Klassenlehrer angeschrieben und um Verständnis gebeten. Es darf nicht sein, dass Kinder, die nicht bei ihren Eltern leben können, im Homeschooling noch weitere Nachteile haben“, sagt Reinhard Geuecke. Auch bei der Test- und Impfstrategie seien die Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe nicht genügend im Blick. „Dabei haben wir bei uns in Olpe Wohngruppen, in denen acht Kinder und Jugendliche leben, die in sechs verschiedene Schulen gehen. Da hat das Virus enorme Möglichkeiten, in die Gruppe reinzukommen.“ 

„Wir kommen nicht vor“

„Politisch werden wir überhaupt nicht gesehen“, kritisiert auch Klaus Kruse, Sprecher der diözesanen Arbeitsgemeinschaft der stationären und teilstationären Erziehungshilfen und Leiter des Salvator- Kollegs in Hövelhof, in dem 107 männliche Jugendliche und junge Erwachsene leben. „Wenn über Lehrer und Erzieherinnen diskutiert wird, dann kommen wir einfach nicht vor.“ Unverblümt äußert er seinen Verdacht: „Wir betreuen die Randgruppen und stehen deshalb als Schmuddelkinder selbst am Rand.“ Vor allem die regelmäßige und kostenlose präventive Testung von Erzieherinnen und Erziehern sei noch immer nicht möglich. „Nach wie vor ist es sehr schwierig.“ Dabei seien unter seinen Mitarbeitern auch viele Ältere, die zur Risikogruppe gehören. Dennoch sei keiner von ihnen im vergangenen Jahr zu Hause geblieben. „Alle stehen ihren Mann oder ihre Frau.“ Trotz FFP2- Maskenpflicht für die Betreuer: Klaus Kruse wünscht sich auch eine möglichst frühe  Impfung seiner Erzieherinnen und Erzieher. „Das würde uns retten.“ 

Schnelle Impfung gewünscht

Das meint auch David Schröder, Leiter des Agnesheimes Funckenhausen in Hagen, in dem 78 Kinder in fünf Wohngruppen leben. Speziell bei der Betreuung der Grundschulkinder, bei der Abstand kaum möglich sei, wünscht er sich eine schnelle Impfung. Symptomatisch sei, dass bei der kürzlich beschlossenen Höhergruppierung von Lehrern und Kita- Erzieherinnen die Kinder- und Jugendhilfe zunächst wieder nicht mitgedacht wurde, erst mit Verzögerung fand dann doch zumindest die stationäre Jugendhilfe Berücksichtigung – sehr zur Erleichterung von David Schröder. In seiner Einrichtung versuche man zwar die Kontakte zwischen den verschiedenen Wohngruppen so gering wie möglich zu halten. Aber: „Spielende Kinder kann man schlecht aufhalten.“ Solange noch nicht geimpft wurde, würden regelmäßige Corona- Tests helfen. Wegen der fehlenden Kostenzusage seitens des Bundes oder Landes hofft er nun auf das Jugendamt. Die Zusage steht allerdings noch aus. „Für unsere Mitarbeiter ist die ganze Situation sehr herausfordernd.“ 

Info

Die Caritas in NRW hat ein Positionspapier zur Corona-Situation in der Erziehungshilfe aufgestellt.

Eine Petition für einen besseren Gesundheitsschutz für Mitarbeitende in der Kinder- und Jugendhilfe haben Einrichtungen aus Westfalen trägerübergreifend gestartet. Zu den Erstunterzeichnern der Petition, die sich an die NRW-Landtagspräsidentin richtet, gehören auch Reinhard Geuecke (GFO Olpe), Klaus Kruse (Salvator-Kolleg Hövelhof) und David Schröder (Agnesheim Hagen).

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