Der Berufung zustimmen

Eine alte Geschichte neu inszeniert: Die Verkündigung der Geburt Jesu

Thomas Jessen: „Verkündigung“, 2013, 200x290cm, Öl/Leinwand. Der Künstler lebt und arbeitet in Eslohe im Sauerland und ist mit vielen Werken im Erzbistum vertreten. Fotografie: Achim Kukulies, Düsseldorf
veröffentlicht am 04.12.2020
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Eigentlich geht das doch anders mit der Berufung durch Gott. Mose und Jesaja zum Beispiel: ein brennend- nicht verbrennender Dornbusch und ein Thron saal voll Rauch und glühende Kohlen auf den Lippen. Göttliche Pyrotechnik – die ganz große Show! Und im Evangelium des Lukas? Der Engel des Herrn tritt in ein Haus einer unbedeutenden Kleinstadt, überrascht eine junge Frau und verkündet seine Botschaft. Was sagt man da? Sagt man da was?

Entspannt, offen, bereit

Der Künstler Thomas Jessen (geb. 1958) malt 2012/13 ein großformatiges Bild der „Verkündigung“. Eine junge Frau sitzt in gemütlicher Homewear mit angezogenem Bein am Tisch. Laptop und große Tasse vor sich: Vielleicht noch Frühstück mit morgendlicher Online- Lektüre? Oder schon kleine Pause bei der Arbeit im Home office? Auf jeden Fall scheint sie ziemlich entspannt, offen, bereit. Ganz ruhig schaut sie auf und nach rechts aus dem Bild heraus. Hinter ihr an der Wand lehnt ein großer Spiegel und wir sehen, dass sie offenkundig nicht allein im Raum ist. Am Ende des langen Tisches ist ein Fotograf in die Hocke gegangen, der durch das Objektiv seiner Kamera schaut und mit der Einstellung der Blende oder der Justierung der Schärfe beschäftigt ist. 

Ganz präzise sind die räumlichen Verhältnisse der gezeigten Situation nicht auszumachen. Das Spiegelbild erscheint merkwürdig unklar, verwischt. Ist der Spiegel beschlagen oder gar blind? Oder ist dort noch ganz anderes zu sehen, das die bloße Spiegelung des Alltags bricht? Auffällig ist ja, dass das Objektiv der Kamera gar nicht auf die junge Frau gerichtet ist, sondern auf den Spiegel, auf eine sich dort zeigende – wie auch immer in dieser Unschärfe wahrnehmbare – Reflexion. Es ist die Reflexion der Erscheinung, auf die auch der ruhige, stete Blick der weiblichen Figur gerichtet ist.

Subtile Hinweise

Thomas Jessen, als Maler ein genau beobachtender Porträtist und bestens mit der Ikonografie der christlichen Bildtradition vertraut, versieht das Bild mit dem Titel „Verkündigung“ und fügt die bewährten symbolischen Verweise ein. Seit dem Mittelalter gilt die weiße Lilie, oft in der Hand des Erzengels Gabriel, als Hinweis auf die Jungfräulichkeit Mariens. Hier erscheint sie als üppiger Strauß in gelber Vase kontrastreich vor den braunen Flächen von Tischplatte und Wand. 

Die Blüten werden in unterschiedlichen Stadien der Öffnung gezeigt, ein einzelnes Blütenblatt hat sich auch schon gelöst und liegt nah der Tischkante, symbolischer Verweis auf Schmerz und Tod. Sehr subtil, aber ebenfalls durch die christliche Bildtradition gedeckt, fügt der Künstler darüber hinaus mit dem Logo des Apple- Laptops den Verweis auf den Sündenfall ein und damit auf Eva, als  deren positives Pendant Maria, die „neue Eva“, der Tradition gilt.

Geht auch ohne Getöse 

Erst auf den zweiten Blick nimmt man auf der vermeintlich unifarbenen Wand die wie eine Ritzzeichnung eingebrachte Umrisszeichnung einer Verkündigung aus dem 14. Jahrhundert von Simone Martini wahr. Die dort gezeigte Maria schreckt vor dem Engel zurück, dreht sich zur Seite und zieht wie abwehrend mit einer Hand ihr Gewand an sich. Nicht so die junge Frau am Tisch. Sehr gelassen, sehr bei sich, selbstbewusst blickt sie auf die Erscheinung ihr gegenüber. Das Evangelium des Lukas erzählt von Marias Berufung in einem Schema, das sich an alttestamentliche Berufungserzählungen anlehnt: Kundgabe und Erschrecken, Berufung und Einwand, Erklärung und Zeichen, Zustimmung und Übernahme der Aufgabe. Das geht auch ohne Getöse, nie aber ohne Einverständnis.

Zustimmung zu Gott

Es ist eine radikal vorbehaltlose Zustimmung zu Gott, die die junge Prophetin aus Nazaret ausspricht. Wer könnte das aus sich selbst? Schon das ist Geschenk. Die dogmatische Tradition nennt es „von der Erbsünde frei“, der Engel sagt es positiv und so, dass wir wissen, das gilt eigentlich der ganzen Menschheit: „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir.“ Maria ist „Erstbetroffene“ (Wolfgang Beinert) jener göttlichen Bewegung zur Menschheit hin, die Erlösung genannt wird, aber deren Spiegelungen sind auch ohne Kamera diesseits von Laptop und Kaffeetasse wahrnehmbar. Zustimmung vorausgesetzt.

Info

An den vier Adventssonntagen zeigen wir auf dem Titel vier Motive aus dem Leben Mariens – mal aus Sicht der alten Meister, mal in moderner Darstellung. Kuratiert wird diese kleine Reihe von Prof. Dr. Rita Burrichter, Professorin für katholische Theologie an der Uni Paderborn.

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