Krise – Zeit der Unterscheidung

Ein Gastkommentar von Dr. Thomas Witt, Domkapitular, Vorsitzender des Diözesan-Caritasrates und Flüchtlingsbeauftragter des Erzbistums Paderborn.

Und in der Tat: Wer will schon Brandstifter ins Land holen oder sich durch Brandstiftung zur Humanität zwingen lassen? Aber hier liegt ein fundamentaler Denkfehler vor: Wir tun manchmal so, als ob es sich bei den Zuflucht suchenden Menschen um ein Individuum handelt. Foto: Ronald Plett/ Pixabay
veröffentlicht am 25.09.2020
Lesezeit: ungefähr 3 Minuten

Zurzeit ist immer wieder von Krisen die Rede: Wirtschaftskrise, Corona- Krise, Finanz- Krise, Flüchtlingskrise usw. Corona hatte lange Zeit fast alles andere verdrängt. Der Brand im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos hat die Migration und alle damit verbundenen Probleme wieder auf die Tagesordnung gerufen – und damit auch die Gräben wieder sichtbar gemacht, die sich durch die EU und auch durch unsere Gesellschaft ziehen. Die öffentlichen Äußerungen vom rechten Flügel haben den Slogan entwickelt: Keine Brandstifter ins Land!

Und in der Tat: Wer will schon Brandstifter ins Land holen oder sich durch Brandstiftung zur Humanität zwingen lassen? Aber hier liegt ein fundamentaler Denkfehler vor: Wir tun manchmal so, als ob es sich bei den Zuflucht suchenden Menschen um ein Individuum handelt. Dieser Eine legt dann Feuer und will so seinen Eintritt in die EU erzwingen. Nun mag es sein, dass dies tatsächlich das Kalkül einiger Brandstifter gewesen ist – bislang ist ja noch nicht erwiesen, wer es war. Aber es gibt eben nicht nur diesen Einen, sondern wir reden von über 12 000 Menschen, die durch die Schuld einiger weniger in noch größeres Elend gestoßen wurden, als es ohnehin schon war. Eigentlich hat jeder Politiker, der das Lager Moria besucht und die Zustände dort gesehen hat, nachher dafür plädiert, dieses Lager so schnell wie möglich zu räumen – weil die Zustände völlig unhaltbar waren.

Diese über 12 000 Menschen werden jetzt zur Abschreckung weiter im Elend gehalten – und nur um Abschreckung geht es hier, und zwar schon seit Langem. Hier brennt es im wahrsten Sinne des Wortes; und die Feuerwehr wartet ab, weil die anderen Feuerwehren ja auch einmal was tun könnten. So verhält es sich doch, wenn immer nur nach Europa geschaut wird – im sicheren Wissen, dass sich dort nichts tun wird.

Ist es wirklich verwerflich, sich durch offenkundige Not zum Handeln zwingen zu lassen? Oder ist das nicht eine der besten und schönsten Seiten des Menschen, dass er sich durch Not berühren lässt und handelt?

Natürlich kann staatliches Handeln nicht nur emotionalen Impulsen folgen. Und ja: Natürlich wäre es gut und sinnvoll und im Grunde auch unbedingt nötig, dass die EU zu einer gemeinsamen Migrationspolitik findet, die mehr Inhalt hat, als Europa abzuschotten. Aber wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken und andere im Elend von Moria untergehen, dann dürfen wir nicht auf eine Lösung irgendwann einmal warten. Ja, das macht uns angreifbar. Aber gerade hier sollten sich die ständig beschworenen europäischen Werte zeigen. Diese Angreifbarkeit zeichnet uns aus und zeugt von innerer Stärke und nicht von Schwäche.

Krise – das meint im Wort sinn auch Entscheidung und Unterscheidung: Ereignisse wie die von Moria rufen nach Entscheidungen; und sie führen zur Unterscheidung von Haltungen – im Guten und im Schlechten.

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