Weisheit – Weg zum Leben

Auslegung der sechsten Lesung der Osternacht / Baruch 3,9–15.32–4,4

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Unser Gott hat den ganzen Weg der Einsicht ergründet und sie Jakob und Israel gegeben, danach hielt sie sich unter den Menschen auf, so heißt es in der sechsten Lesung der Osternacht. Foto: AlTingmar-h/Unsplash
veröffentlicht am 03.04.2020
Lesezeit: ungefähr 5 Minuten

In der Osternacht entfaltet die Kirche den ganzen Reichtum ihrer Liturgie. Aber wie an einer überreichen Tafel fällt es oft schwer, die Vielfalt des Angebotenen zu schätzen und zu genießen. Allein schon die sieben Lesungen aus dem Alten Testament zeigen nicht nur die Größe der biblischen Botschaft vom rettenden Gott. Sie können auch verwirren oder sogar verstören: „Warum wird so viel aus dem Alten Testament gelesen?“ „Was ist von einem Gott zu halten, der von Abraham fordert, den Sohn zu opfern, und die ägyptische Armee im Meer versenkt“? In einer siebenteiligen Artikelserie legen die Bibelwissenschaftler Georg Steins und Egbert Ballhorn die alttestamentlichen Lesungen aus und eröffnen neue Perspektiven auf die Feier der Osternacht.

von Egbert Ballhorn

Selbstlob ist nicht sehr fein. „Wir wissen, was Gott gefällt“; dieser Satz ist gefährlich. Er klingt nach Macht und Herrschaft. Und sicherlich wurde er schon oft im Namen der Religion gebraucht, um andere Menschen in die Spur zu bringen. Die österliche Lesung aus dem Buch Baruch scheint genauso zu enden, dazu noch mit der Selbstrühmung „Glücklich sind wir, das Volk Israel“. Wie viele Kriege sind im Namen vermeintlich überlegener Religionen geführt worden!

Dabei hatte schon die dritte Lesung der Osternacht vom Durchzug durch das Rote Meer deutlich gemacht, dass es beim österlichen Wunder nicht um einen Sieg über die Feinde geht, sondern um Gottes Rettungshandeln an seinem Volk, das er aus dem Tod herausgeholt hat. Und die österliche Lesung aus dem Buch Baruch klingt nur bei oberflächlicher Lektüre überheblich. In Wirklichkeit geht es um die uralte Suche der Menschheit nach Weisheit und Erkenntnis. Wie kann das Leben gelingen?

Es gibt Weisheit

Die Grundbotschaft des Buches ist: Es gibt die Weisheit, jedoch ist sie nicht leicht zu finden. Schon viele haben sich auf die Suche zu ihr gemacht. (Gerade die ausgelassenen Verse der Lesung schildern diesen Weg der Suche von Völkern und Philosophen). Aber aus eigener Kraft kann man sie nicht gewinnen, denn nur einer ist im Besitz der Weisheit: Gott selbst. Er muss Weisheit schenken, und er hat es getan. Das Loblied auf die Weisheit bekennt, dass Gott sich auf zweifache Weise geschenkt hat. Schon indem er die Welt erschaffen hat, hat er ihr eine lebensfreundliche Ordnung gegeben und seine Liebe in sie hineingeschenkt. Die Schöpfungsfreude aus Gen1 scheint hier wieder auf. Und dann hat er sich seinem Volk Israel offenbart, es aus dem Tod gerettet und ihm seine Weisung zum Leben gegeben. Die Weisheit Gottes ist in Gestalt der Tora auf die Erde gekommen, sodass Israel sie tun kann. Wer erkannt hat, und wem es in der eigenen Existenz aufgegangen ist, dass das eigene Leben ein Geschenk von Gott ist, der wird selbst lebensfreundlich leben. Paulus nennt das „in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln“ (Röm6,4). 

Nicht Abschluss, sondern Neuanfang

Man kann die Lesung aus dem Buch Baruch in der Osternacht als ein Innehalten, als Philosophie, als Nachdenken in der Feier der Osternacht verstehen. Die Feier der Taufe ist nicht Abschluss eines Weges, sondern Neuanfang. Die narrativen Lesungen, angefangen mit den Schöpfungserzählungen bis hin zum Osterevangelium, deuten das, was Gott getan hat, indem sie erzählen. Das reißt mit und nimmt die Hörenden gefangen. Die Baruchlesung, genau wie der Paulustext aus dem Römerbrief, halten inne und denken nach: Was bedeutet das, was wir feiern– nicht nur als Ereignis, sondern für uns selbst? Wie leben wir, dass Gott sich uns gezeigt und uns in sein Leben hineingeholt hat? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Der Jubelruf am Ende der Lesung ist keine Überheblichkeit, sondern reine Freude darüber, dass dem Gottesvolk Erkenntnis offensteht. Es geht nicht um Überlegenheit, sondern dass es gewürdigt wurde, Gott und seine Taten überhaupt erkennen zu dürfen. In Zeiten, wo wir sehen, dass Glaube keine Selbstverständlichkeit ist, erweist diese Aussage ihre Aktualität. „Beseligt sind wir“, heißt auch: So wollen wir leben.

 

Zum Autor

Dr. Egbert Ballhorn ist Professor für Exegese und Theologie des Alten Testamentes des Institutes für Katholische Theologie an der Technischen Universität Dortmund. Er war einer der Revisoren der Einheitsübersetzung 2016 (Buch der Psalmen) und ist seit 2019 Vorsitzender des Vereines „Katholisches Bibelwerk e.V.“

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