Erst die Freiheit, dann die Moral

Interview mit Professorin Elisabeth Jünemann

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Prof. Elisabeth Jünemann lehrt an der KathO NRW Theologische Anthropologie und Theologische Ethik und befasst sich mit der Frage, wie Ethik von den hehren Vorsätzen zur konkreten Tat werden kann.
veröffentlicht am 28.09.2017
Lesezeit: ungefähr 3 Minuten

In den letzten DOM-Ausgaben ging es an dieser Stelle um die Zehn Gebote für Europa, die Serie war inspiriert von Prof. Elisabeth Jünemann.

von Claudia Auffenberg

Frage: Frau Prof. Jünemann, was fasziniert Sie so an den Zehn Geboten?

Antwort: Dass da vor der Moral die Freiheit steht: Auf Gottes Wort hin brach das Volk auf in die Freiheit. Ein riskanter Aufbruch, ein Aufbruch in eine neue, unsichere Zukunft, in eine Freiheit, mit der nicht leicht umzugehen ist, in die sich noch keiner geübt hat. Das Volk stellt sich der neuen, riskanten Freiheit. Es geht den Weg in die Freiheit auf die Verheißung Gottes hin. Und es macht die Erfahrung: Man hält die geschenkte Freiheit nicht durch Freiheit beschneidende Sicherheiten, nicht durch Beobachten und Bewachen, nicht durch Kon­trollieren und Reglementieren. Wenn man versucht, Europa irgendwie als Ganzes anzusprechen, ist man bei der EU, einem politischen Gebilde. Die Zehn Gebote wurzeln ausdrücklich in Gott. Wie geht das heutzutage zusammen? Das politische Gebilde EU nennt sich „Gemeinschaft“. Eine Gemeinschaft braucht gemeinsame Werte. Die EU braucht Werte – aber welche?  Die Länder, die zurzeit zur EU gehören, sind vom Christentum geprägt. Ohne Anstrengung sind wir schon mal grundsätzlich so etwas wie „Kulturchristen“. Das ist das eine. Das andere: Neben der Religion, dem Christentum, kam in Westeuropa vor gut 300 Jahren (mit der Aufklärung) noch etwas dazu: die Idee, dass Menschen frei sind, dass sie selbstständig denken. Wir sorgen dafür, dass sie sich nicht unterjochen lassen. Nicht einmal von der Religion! Beides ist wichtig für Europa. Unsere Rückbindung an Gott. Und unsere Freiheit. Und um beides geht es in den Zehn Geboten!

Frage: Wenn Sie die Zehn Gebote für Europa deuten, wen sprechen Sie konkret an? Wer ist „Europa“? Und mit wem reden Sie darüber?

Antwort: „Europa“ ist jeder europäische Staat. Und zu Europa gehört jeder, der da lebt. Wer die christlichen Wurzeln und Werte vergisst, wird für die Gemeinschaft unberechenbar. Wenn Länder und Leute vergessen, dass sie eine christliche Identität haben, die sie zum Beispiel zur Solidarität mit dem anderen, auch dem Fremden, verpflichtet, dann muss man mit ihnen über die Gebote reden!

Frage: Europa gilt ja als das christliche Abendland, müssten wir da nicht eher über die Bergpredigt reden, die ja eine Art Interpretation der Gebote ist?

Antwort: Wir können auch über die Bergpredigt reden, wenn wir in der Bibel nach Orientierung suchen. Natürlich. Müssen wir aber nicht. Wir haben Wünsche für Europa. Wir wollen, dass es keinen Krieg gibt, keine Gewalt, dass verschiedene Kulturen miteinander leben. In Freiheit. Und wir suchen in der Geschichte des Christentums, nach Menschen, nach Gruppen, wo es das schon mal gegeben hat. Wir suchen Verbündete für unsere Träume. Es ist nicht unredlich, wenn wir uns auf dieser Suche als „wilde Exegeten“ entlarven lassen. Wir reihen uns nicht in alles ein, was es in der christlichen Tradition gegeben hat. Wir versuchen uns wieder zu erkennen in dem, was war. Wir erkennen uns wieder im Volk Israel, das versucht, die von Gott geschenkte Freiheit zu leben. Wenn wir uns mit seinem Weg in die Freiheit beschäftigen, werden unsere Wünsche deutlicher, unsere Hoffnung auf Realisierung größer.

 

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