Nächstes Jahr in Jerusalem!

Über eine Grunderfahrung des Menschen: Heimatlosigkeit

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In Erinnerung an den Exodus feiern die Juden das Passahfest, zu dem das Brot-Teilen am Sederabend gehört, sowie der Wunsch: Nächstes Jahr in Jerusalem. Foto: dpa
veröffentlicht am 06.07.2016
Lesezeit: ungefähr 3 Minuten

An der KatHO in Paderborn, also dort, wo die Gemeindereferentinnen und -referenten ausgebildet werden, gibt das „Institut für pastorale Praxisforschung und bibelorientierte Praxisbegleitung“, kurz: IbiP. Womit sich das Institut beschäftigt, könnte man so formulieren: Was ist los in den Gemeinden und was hat die Bibel dazu zu sagen?

Den ersten Teil der Frage kann jeder schnell und frustriert beantworten. Zerstreuung ist los: neue Strukturen, weite Wege, neue Gottesdienstzeiten, Messe nicht mehr im nächsten, sondern im übernächsten Dorf. Ach, das kennt man alles und man fragt sich, wohin das führen soll. Also zum zweiten Teil, um den es neulich bei einem Kolloquium ging: Was sagt die Bibel dazu? Deren Texte befassen sich ja mit der Frage, wie alles, was man erlebt, mit Gott zu tun hat. Dass es mit Gott zu tun hat, steht nicht zur Debatte. Zwar kennt der biblische Mensch die Gottesferne, aber dadurch stellt er die Existenz Gottes nicht in Frage.

Zu den Grunderfahrungen des Menschen im Allgemeinen und des alten Volkes Israel im Besonderen gehört die Zerstreuung, die Heimatlosigkeit – das also, was viele gerade in den Gemeinden erleben. Und darüber hinaus – muss man sagen. Denn das Gefühl der Unbehaustheit trifft einen ja nicht nur in seiner Eigenschaft als Katholik, sondern insgesamt. Die ganze Welt scheint irgendwie ins Rutschen geraten zu sein.

Da es eine Urerfahrung des Menschen ist, steht auch in der Bibel etwas dazu. Viele ihrer Texte sind sogar aus einer solchen Situation heraus entstanden. Ursprünglich hatte Jahwe seinen Wohnsitz im Tempel, aber nach dessen Zerstörung durch die Babylonier konnte diese Vorstellung nicht mehr aufrechterhalten werden. Die biblischen Texte, die in dieser Zeit der babylonischen Gefangenschaft entstanden sind, erzählen von der Überzeugung, dass Gott in einem Zelt wohnt. Zelt heißt übrigens auf Latein „tabernaculum“. Gott wohnt nicht mehr im Tempel, sondern ist bei seinem Volk, mit seinem Volk unterwegs. „Das Volk ist der Raum, in dem Gott seinen Ort hat und zu finden ist“, sagte Professorin Christiane Koch von der KatHO, und noch pointierter: „Gott ist da, wo das Volk ist.“

Die Reaktion Gottes auf die Zerstreuung der Menschen ist die Sammlung. Er selbst ist der Sammlungspunkt und es klingt paradox: Gott sammelt, indem er sich zerstreut. Die Geschichte vom Turmbau zu Babel erzählt das. Eigentlich hatte man sie immer als Gegengeschichte zu Pfingsten und damit eher negativ verstanden: Die Zerstreuung der Menschen und die Verwirrung der Sprachen als Strafe Gottes für den Hochmut. Aber vielleicht ist es doch eher ein Bewahren Gottes? Schließlich bleibt es auch nach Pfingsten bei den vielen Sprachen. Das Zentralisieren und das Turmbauen scheint jedenfalls Gottes Sache nicht zu sein.

Doch bei allem Gottvertrauen bleibt in einem doch dieser Schmerz, eine Sehnsucht nach Heimat. „Ja“, sagt Professor Hans Hobelsberger, „diese Sehnsucht müssen wir als Kirche wachhalten, aber wir dürfen sie nicht erfüllen.“ Das würde die Suche nach Gott behindern. Und so bleibt auf Erden die Sehnsucht, die die Juden so schön formuliert haben. Zum Passahfest gehört seit altersher der Wunsch: Nächstes Jahr in Jerusalem!

Claudia Auffenberg

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