Mit Kultur gegen den Krieg

Adveniat-Aktion 2018

Schwester María Helena im Jugendzentrum Britalia. Foto: Juanita Escobar

 

In Bogotás armem Süden kämpft Schwester María Helena Cespedes Siabato auf besondere Weise für ein neues Kolumbien: mit Kunst, Kommunikation und Kultur gegen den Krieg.

von Tobias Käufer

Mehr als fünfzig Jahre Krieg haben Narben auf der Seele hinterlassen: „Mein Bruder hat sich der Guerilla angeschlossen und ist gefallen“, sagt Schwester María Helena Cespedes Siabato. Der Krieg, die unterschiedlichen Ansichten und der tiefe politische Graben haben auch vor ihrer Familie nicht haltgemacht. „Wir hatten immer sehr hitzige Debatten zu Hause. Ich stamme aus einer sehr konservativen Familie“, erinnert sich die Ordensschwester María Helena. Der Sohn bei der Guerilla, die Tochter schloss sich einer katholischen Gruppe an, die mit dem Sozialismus sympathisierte.

Was Kolumbien im Großen erlebte, machte die Familie im Kleinen durch: Polarisierung, Gewalt, Widerstand, Tod. Als ihr Bruder starb, traf die heute 62-Jährige eine Entscheidung für den Rest ihres Lebens: „Ich wollte nie etwas mit Waffen und Gewalt zu tun haben. Mein Weg sollte ein friedlicher sein.“ Wenn es innerhalb ihrer katholisch-sozialistischen Bewegung Gruppen gab, die sich für den bewaffneten Kampf aussprachen, brach Schwester María Helena mit ihnen: „Das war immer hart.“

Geblieben ist bis heute die Motivation: der Kampf gegen die Ungerechtigkeit, die soziale Ungleichheit, die Ursache für den bewaffneten Konflikt in dem südamerikanischen Land, der 300 000 Leben forderte, mehr als sieben Millionen Menschen zu Binnenflüchtlingen machte und unendlich viel Leid über Kolumbien brachte.

Diesen Kampf für die Armen führt Schwester María Helena heute im Viertel Britalia der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá weiter. Der Verwaltungsbezirk Kennedy, zu dem Britalia gehört, zählt zu den gewalttätigsten in der Acht-­Millionen-Metropole. Im Süden Bogotás strandeten in den letzten fünf Jahrzehnten die Opfer der bewaffneten Ausei­nandersetzungen zwischen Guerillabanden, Paramilitärs und der Armee. Und weil der Staat mit diesen Flüchtlingsbewegungen überfordert war, kamen Gewalt, Prostitution, Kriminalität und Perspektivlosigkeit gleich mit in die wuchernden Viertel. Auch deshalb zog es die Ordensschwester nach Britalia, um zu helfen, wo es nötig war und ist, und um Anlaufstelle zu sein für jene, die sich damit nicht abfinden, sondern etwas ändern wollen.

Das Konzept ist ebenso einfach wie überzeugend: „Wir setzen dem Krieg drei Dinge entgegen: Kommunikation, Kultur und Kunst.“ Und so klingen aus den Fenstern des Gemeinde- und Jugendzen­trums gegenüber einem tristen Bolzplatz die Klänge von Geigen und Klarinetten. Ein Stockwerk darunter sitzen die Kinder und Jugendlichen in der Bibliothek und diskutieren. Und Schwester María tanzt mit Mädchen und Frauen gegen die Angst oder das Erlebte an, denn Frauen sind besonders oft Opfer der Gewalt. Ein bunter, lebhafter Ort, in dem gemeinsam Pläne für ein besseres Kolumbien entworfen werden. „Was wir brauchen, ist ein grundlegender Wandel der Gesellschaft, die es bislang gewohnt war, ihre Konflikte mit Gewalt zu lösen“, sagt María Helena. Dazu zähle auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Machismo, denn es sind zumeist Männer, die die Gewalt in Kolumbien ausüben.

Was dieser kulturelle Wandel bedeutet, zeigt vor allem ein Termin im Jahreskalender: „Der Karneval bietet uns die Möglichkeit, mit friedlichen und kreativen Mitteln auf Missstände hinzuweisen.“ Mehrere hundert Menschen bereiten sich auf das Fest im November vor. Schwester María Helena leitet das Projekt „Carnaval popular por la vida“. Sie ist Ansprechpartnerin und Koordinatorin für alle, die mitmachen wollen. Frühmorgens ziehen die Teilnehmer los, schminken die Gesichter, bereiten Banner und Plakate vor. Zuletzt war das zentrale Thema der Friedensprozess: „Jedes Jahr werden 600 000 Gründe geboren, um in Frieden zu leben“, lautete das Motto des Karnevalsumzuges. Mit Trommeln und Trompeten, mit Tanz und Theater zogen die Menschen durch das Viertel. Der Marsch soll aufrütteln und motivieren: „Man kann etwas ändern, wenn man will“, ist die Ordensfrau überzeugt.

Schwester María Helena gewinnt junge Mitstreiter. Wie den 36-jährigen Tänzer und Dozenten Freddy, der vor Jahren noch wegen der Perspek­tivlosigkeit über Selbstmord nachdachte und heute kraftvoll die Kinder und Jugendlichen im Gemeindezentrum ausbildet. Oder die 20-jährige Friedensaktivistin Paula, die die jungen Gemeindemitglieder für eine friedliche und gewaltfreie Zukunft begeistert. Hoffnungsträger, die Kolumbien in eine neue Zeit führen werden, ist sich Schwester María Helena gewiss: „Es ist die nächste Generation, die den Frieden bringen muss.“

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