Wie Luftangriffe im 2. Weltkrieg Feuer und Zerstörung brachten

Paderborn. 75 Jahre nach dem Ende noch nicht zu Ende: Selbst wer den Krieg als Kleinkind erlebt hat, kommt von den Erinnerungen an die Bombenangriffe und die harte Zeit danach nicht los. Helga Meschede erinnert sich.

Erinnerungen an eine Vergangenheit, die nicht vergehen will. Helga Meschede und ihr Bruder Bernhard Hölscher. Foto: Flüter

 

Paderborn. 75 Jahre nach dem Ende noch nicht zu Ende: Selbst wer den Krieg als Kleinkind erlebt hat, kommt von den Erinnerungen an die Bombenangriffe und die harte Zeit danach nicht los. Helga Meschede erinnert sich.

von Karl-Martin Flüter

Am Abend, nachdem die Bomben ihr Haus in der Ludwigstraße unbewohnbar gemacht hatten und die Stadt brannte, flüchteten die Kinder der Familie Hölscher zu Verwandten nach Grundsteinheim. Die Gruppe schob ein Fahrrad mit sich, sonst hatte man nur das Nötigste mitgenommen. Der Weg führte von der Ludwigstraße am Kasseler Tor vorbei hinauf zur Schönen Aussicht. Auf der Anhöhe oberhalb der Stadt angekommen, drehte sich die Tante um und sagte unwillkürlich: „Du lieber Himmel.“ Dann blickten auch die Kinder auf die Szenerie, die ihre Tante so erschreckt hatte. „Paderborn brannte an allen Ecken und Enden“, erinnert sich Helga Hölscher.

Paderborn brannte 

Es war noch nicht der große Angriff vom 27.März, der Paderborn vollkommen zerstörte. Doch schon an diesem 17.Januar wurde Paderborn verheerend getroffen. 153 Bombenflugzeuge des 397.Bombengeschwaders der US Airforce warfen 1154 Tonnen Bomben ab. Ziel war der Paderborner Verschiebebahnhof. Doch die Bomben fielen so weiträumig auf die Stadt, dass 239 Menschen in Paderborn an diesem Tag starben.

Helga Meschede, geborene Hölscher, war damals vier Jahre alt. Dennoch hat sie diesen Tag nicht vergessen. „Wir mussten ganz schnell in den Keller“, erinnert sie sich an die Minuten vor den ersten Bombendetonationen. Wie lange der Angriff dauerte, weiß sie nicht, wohl aber, dass danach die Tür zum Luftschutzkeller eingedrückt war und die Menschen im Keller nur durch ein schmales Fenster ins Freie gelangten.

Im Luftschutzkeller

Das Haus war nicht mehr bewohnbar. Der Vater, der bei der Reichsbahn als Heizer auf einer Lok arbeitete, war nicht zu Hause. So entschied die Mutter schnell: Die Kinder sollten mit den Tanten Mia und Paula zu den Verwandten ins sichere Grundsteinheim. Spätnachts kamen die Kinder dort vollkommen erschöpft an: Hans, der sieben Jahre zählte, die achtjährige Margret und Helga, die jüngste. „Wir haben auf dem Weg laut gesungen“, erinnert sie sich– um die Angst und die Erschöpfung zu vergessen.

Harte Zeit

Wann die Familie nach dem Krieg nach Paderborn zurückkehrte, weiß Helga Meschede nicht mehr. Aber dass die Zeit in dem Dorf auf der Paderborner Hochfläche hart war, daran kann sie sich noch gut erinnern. Die Familie lebte auf einer freigeräumten Kornkammer, zusammen mit unendlich vielen Mäusen. Zu Essen gab es für die Flüchtlinge wenig, die Mutter, eine begabte Schneiderin, nähte aus allem, was greifbar war, Kleidung. „Die Not und die Sorge haben so an ihr gezerrt, dass sie krank geworden ist“, sagt Helga Meschede.

Erinnerungen kommen hoch

Wenn sie heute im Fernsehen Flüchtlinge sieht, die in Elendslagern kaserniert sind oder an den Grenzen mit Knüppeln und Tränengas vertrieben werden, kommen in Helga Meschede die Erinnerungen wieder hoch. Das Elend dieser Jahre hat sie nie ganz verlassen. Das gilt auch für ihren Bruder Bernhard, obwohl der erst nach Kriegsende geboren wurde. Er hat in einem dicken Ordner Berichte von den Angriffen auf Paderborn gesammelt und ist über die Ereignisse des Jahres 1945 und der Nachkriegsjahre bestens informiert.

Zurückgekehrt in die Ludwigstraße sind die Hölschers nach dem 17.Januar 1945 nicht mehr. Als sie vermutlich im Herbst– so genau weiß das Helga Meschede nicht mehr– aus Grundsteinheim zurückkamen, säumten hohe Trümmerberge die Straßen und Helga wunderte sich anfangs über die vielen Gleise in den Straßen. Auf ihnen rollten die Kleinbahnen, die die Trümmer aus der Innenstadt transportierten.

Südstadt nie verlassen

Helga Meschede hat die Südstadt nie verlassen. Sie spielte als Kind auf den Trümmergrundstücken der Nachbarschaft und zog später nur einige Straßenzüge weiter. Ihr Vater hat nach dem Krieg sein Elternhaus in der Geroldstraße wiederaufgebaut. Lange Zeit hatte sie den Horror vergessen. Nur wenn die Sirenen samstags losheulten, kam das Unbehagen zurück. Jetzt jedoch, im Alter, träumt sie wieder häufiger von den weit zurückliegenden Tagen und von der dunklen Nacht, als sich das kleine Mädchen umdrehte und hinter sich das brennende Paderborn erblickte.

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