08.11.2019

Wenn der Wind sich dreht

Beim Gespräch der Religionen im Kreis Lippe diskutierten Nihat Köse, Sabine Hartmann, Matitjahu Kellig, Dieter Bökemeier und Josef Kalasch (von links) auch mit dem Publikum.

Lemgo. Vertreter verschiedener Religionen miteinander ins Gespräch bringen: Das ist das Anliegen der Veranstaltungsreihe „Wir müssen reden!“ im Kreis Lippe. Zuletzt diskutierten Christen, Juden, Muslime und Eziden in Lemgo das Thema: „Wenn der Wind sich dreht … Religionen und politische Stimmungen“.

Im Gemeindehaus der evangelisch-­lutherischen Kirchengemeinde St. Marien sprachen Nihat Köse (Islamisches Kommunikationszen­trum Detmold), Matitjahu Kellig (Jüdische Gemeinde Herford-­Detmold), Josef Kalasch (Ezidischer Elternverein) sowie Dieter Bökemeier (evangelischer Landespfarrer für Ökumene und Mission) und Sabine Hartmann (Referentin für Ökumenisches Lernen) mit rund 50 Gästen über das Verhältnis von Religion und Politik.

Deutlich wurde, dass Religion identitätsstiftend ist, man aber immer nur eine konkrete Identität haben kann. Probleme entstehen, wenn die eigene Identität zur Unterdrückung anderer missbraucht wird.

In Israel seien Politik und Religion nicht zu trennen, sagte Matitjahu Kellig. Es sei aber gefährlich, wenn der Staat die Religion oder die Religion die Politik bestimmen. Israel sei sehr multikulturell und vereine Menschen aus aller Welt, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Heimat suchten. „Geschichte wiederholt sich nicht, Menschen wiederholen jedoch Geschichte. Darum müssen wir wachsam sein! Wenn in Jerusalem Frieden herrscht, wird es auch Frieden unter den Völkern geben.“

Anders als bei den Juden sei die Geschichte der Eziden kaum dokumentiert, sagte ­Josef Kalasch. Erst ab dem 11. Jahrhundert sei mit zwei Büchern – der „Schwarzen Schrift“ und dem „Buch der Offenbarung“ – Geschichtsbewusstsein entstanden. Jeder Ezide glaube an Seelenwanderung und könne als Andersgläubiger wiedergeboren werden. Eziden hätten daher immer gute Kontakte zu Juden, Christen und Muslimen gepflegt. Leider würden sie heute im Nordirak verfolgt. „Wenn sich die Weltreligionen verstehen, geht es Eziden gut.“

Nihat Köse erklärte, dass der Islam als oberstes Gebot lehre, Rechenschaft für das eigene Leben abzulegen. Alle Sünden könnten vergeben werden, bis auf die Schuld gegenüber anderen Menschen. Eigenverantwortung und Disziplin seien gefordert. Die Mehrheit der Muslime sei gegen politischen Missbrauch gewappnet, sagte Köse.

Die Forderung, Kirche solle sich aus der Politik raushalten, werde lauter, kritisierte Sabine Hartmann. Andererseits erwarte man von der Kirche eine deutlichere Positionierung zu politischen Fragen. Es komme bei allem auf die richtige Balance an. Die Kirche habe den Auftrag, für eine gerechte Welt einzutreten und müsse sich politisch einmischen, wenn Menschenrechte gefährdet seien: „Wenn sich Rahmenbedingungen verschlechtern, neigen Menschen dazu, andere Gruppen auszugrenzen und zu unterdrücken.“

Dieter Bökemeier ergänzte, dass in Krisenzeiten eine Identitätspolitik zunehme. Rassisten, zum Beispiel der „Identitären Bewegung“, gehe es jedoch nicht um Problemlösungen, sondern um eine Spaltung der Gesellschaft. Religion biete eine tiefere Identität, die nationale und ethnische Grenzen überbrücke und kulturelle Vielfalt zulasse.

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