Warum Abgelegenheit auch ein Vorteil sein kann

„Die Hegge“: christliches Bildungswerk wurde vor 75 Jahren gegründet

Mitten im Grünen: Das Bildungshaus profitiert in mehrfacher Hinsicht von seiner Lage– nicht nur im Herbst bei der Apfelernte. Foto: Privat

 

Willebadessen. Etwas „ab vom Schuss“ zu liegen, muss nicht unbedingt von Nachteil sein. Manchmal kann eine dezentrale Position sogar deutlich auf der „Habenseite“ zu Buche schlagen. Wie das gelingt, zeigt das christliche Bildungswerk „Die Hegge“ in Willebadessen-Niesen seit 75 Jahren. Idyllisch in einem rund 8,5 Hektar großen Park gelegen, ist das Areal nicht nur für Tiere und Pflanzen zu einem kleinen Paradies geworden: Rund 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Bildungsveranstaltungen beweisen jedes Jahr, dass der Hegge-Leitsatz „Bildung macht mündig“ nach wie vor aktuell ist.

von Andreas Wiedenhaus

Ein idealer Rückzugsort zu sein, bedeutet für das Bildungswerk aber nicht, sich aktuellen Themen und Fragen zu verschließen– im Gegenteil: „Die Hegge“ hat soeben neben der Erneuerung ihres Qualitäts-Gütesiegels zusätzlich das Zertifikat für BNE erhalten. BNE bedeutet „Bildung für nachhaltige Entwicklung“; diese Ausrichtung der Bildungsarbeit und Haushaltung wurde nun erstmals von der Zertifizierungsstelle Gütesiegelverbund Weiterbildung geprüft. Das christliche Bildungswerk gehört zu den ersten beiden Einrichtungen in NRW, denen dieses besondere Qualitätssiegel überreicht wurde.

Heiliger Benedikt

„Für uns ist die Regel des heiligen Benedikt Richtschnur im Alltag, und es finden sich viele Parallelen zu den Ideen von BNE“, erläutert Dorothee Mann, Oberin der Hegge-Gemeinschaft und Leiterin des Bildungswerkes. „Das betrifft alle Bereiche wie Personalführung, Bildungsarbeit, Hauswirtschaft und Organisation.“

Das BNE-Bildungsverständnis orientiert sich an der Agenda 2030, die von den Vereinten Nationen verabschiedet wurde und die die Förderung einer nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklung zur zentralen Aufgabe erklärt hat. Letztlich sollen Zukunftsoptionen entwickelt werden, die das Ökosystem als Lebensgrundlage schützen und erhalten und ein nachhaltiges und verträgliches Wirtschaften ermöglichen. „Diese sollen sozial verträglich und intergenerationell sein und globale Perspektiven berücksichtigen“, heißt es in der Agenda 2030.

Ein anspruchsvolles Ziel, wie Dagmar Feldmann, die BNE-Beauftragte der Hegge zugibt: „Das ist eine echte Herausforderung, der wir uns stellen. Vorausschauendes und systemisches Denken sind nötig. Die Reflexion von Werthaltungen und Lebensweisen gehört zur Grundausrichtung unseres Hauses.“

Beim Einkauf, so die Bildungsreferentin und Agrar-Ingenieurin, werde zum Beispiel darauf geachtet, dass wenig Verpackungsmüll entstehe. „Es werden möglichst wenige Nahrungsmittel weggeworfen, und das Essen wird aus frischen und möglichst regionalen Lebensmitteln hergestellt“, beschreibt Dagmar Feldmann einen Anspruch, den die Hegge auch schon vor der Zertifizierung verfolgte: Äpfel und Birnen kommen aus dem eigenen Garten; ebenso wie der Blumenschmuck. Putzmittel stellen die Mitarbeiterinnen aus wenigen umweltverträglichen Komponenten her.

Gemeinwohl-Ökonomie

Die Idee hinter BNE und der Ansatz der Hegge ergänzen sich für Dorothee Mann geradezu ideal: „Die Bildungsarbeit will zur Mündigkeit in der Lebensgestaltung sowie zu gesellschaftlichem und kirchlichem Engagement ermutigen und befähigen.“ Bei bestehenden, bewährten Seminaren sollen mehr Aspekte von BNE eingebracht werden. Ein Teil der Angebote richtet sich inhaltlich und methodisch dezidiert daran aus. So werden im März ein Seminar zur Gemeinwohl-Ökonomie und eine Tagung zum Klimawandel angeboten. Eine neu gegründete AG Nachhaltigkeit entwickelt weitere Ideen für die Umsetzung von BNE in den verschiedenen Qualitätsbereichen. 

Seit der Gründung legt das Bildungswerk großen Wert auf Unabhängigkeit, um die christliche Botschaft möglichst vielfältig weiterzugeben: Dabei spielen theologische Themen und gelebte Spiritualität genauso eine Rolle wie Literatur, bildende Kunst, Musik und Tanz oder Politik und Natur-Erfahrungen. „Bei uns dürfen alle Fragen auf den Tisch kommen“, beschreibt Diplom-Theologe Damian Lazarek den Ansatz. Für Dr.Anne Kirsch ist der Aspekt, dass Bildung auf der Hegge nicht „verzweckt“ ist, ein weiterer wichtiger Punkt: „Trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb sind sie am Puls der Zeit!“

Die Unabhängigkeit einer freien Trägerschaft bringt aber auch die ein oder andere Sorge mit sich: Im Jubiläumsjahr stehen große Baumaßnahmen an– so war die Umstellung der Heizung von Öl auf eine umweltverträglichere Lösung geplant. „Doch leider“, so Dorothee Mann, „ist die Finanzierung da noch nicht gesichert!“

Info: Das Hegge-Jubiläum

Die Hegge-Gemeinschaft wurde 1945 als kleine katholische Frauenkommunität in Bindung an die benediktinische Tradition gegründet, die sich die christliche Bildungsarbeit zur Lebensaufgabe gemacht hat. „Die Hegge“ sollte und soll ein Ort sein, an dem Menschen Orientierung für ihr Leben finden können.

Das 75-jährige Bestehen wird Pfingsten gefeiert: Es wird unter anderem eine Tagung geben zum Thema: „Demokratie in Deutschland– ihre Stärken, Gefährdungen und Perspektiven“.

Weitere Informationen und das komplette Bildungsprogramm finden Sie im Internet unter: www.die-hegge.de

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