Umstrittener Kirchenstreik

Initiative „Maria 2.0“ stieß auf Unterstützung und Kritik

Heilig-Kreuz in Soest, auch hier wurde im Rahmen der Aktionswoche ein Gottesdienst vor der Kirche gefeiert. Foto: privat

 

Erzbistum (nü/dj/KNA). Die einwöchige Protestaktion „Maria 2.0“ fand in zahlreichen deutschen Kirchengemeinden Unterstützung – auch im Erzbistum Paderborn. Eine konkrete Zahl der Teilnehmerinnen am Kirchenstreik ist jedoch nicht bekannt. Die Initiative erntete zugleich viel Kritik.

Etwa 200 Frauen und Männer feierten nicht in der Kirche, sondern vor der Hl.-Kreuz-­Kirche in Soest einen Wortgottesdienst, während Pfarrer Uwe van Raay die heilige Messe mit der Gemeinde in der Kirche feierte. Die geistliche Begleiterin der Katholischen Frauengemeinschaft (kfd), Mechtild Wohter, begrüßte die Frauen: „Wir haben uns hier versammelt, um bewusst draußen zu bleiben, um zu beten, zu diskutieren und zu singen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Gerade, weil uns der Glaube und unsere Kirchen wichtig sind, können wir nicht widerspruchslos hinnehmen, was passiert. Sexueller Missbrauch, Vertuschung, Machtmissbrauch, Ausgrenzungen von Frauen. Es ist längst fünf vor zwölf.“

Zum Schluss des Gottesdienstes gab es auch für alle, die wollten, ein Stück Brot. Die Frauen forderten: „Macht euch stark für eine geschlechtergerechte Kirche!“ Nach dem Gottesdienst bestand bei einer Tasse Kaffee noch Gelegenheit, sich zu unterhalten.

Im Pastoralverbund Nördliches Siegerland kamen über 150 Frauen und Männer zum Open-Air-Gottesdienst. Auch Gäste aus Siegen und dem Sauerland waren dem Aufruf gefolgt. Viele der Frauen trugen weiße Kleidung, um ihrem Wunsch nach Aufbruch und Erneuerung der Kirche symbolisch Ausdruck zu geben.

Die Frauen forderten, das Pauluswort „Durch die Taufe seid ihr alle eins in Christus“ ernst zu nehmen und Frauen und Männer in der Kirche gleichzustellen: „Ohne uns Frauen liefe hier gar nichts mehr“ stellten sie fest, „aber noch immer entscheiden reine Männergremien über die Rolle der Frau in der Kirche, Frauen werden in untergeordnete Positionen gedrängt und von der Weihe ausgeschlossen.“

Ganz bewusst hatte das Organisationsteam beschlossen, nicht einfach in einen Kirchenstreik zu treten, sondern gemeinsam mit den Männern für ein Umdenken in der Kirche zu werben und zu beten. Sie wussten sich dabei von Pfarrer Friedhelm Rüsche und Gemeindereferentin Christina Schreiber unterstützt. Zum Abschluss hatten die Teilnehmerinnen die Möglichkeit, auf Postkarten an den Bischof ihre Vorstellungen und Wünsche von Kirche zu formulieren, in der Hoffnung, dort Gehör zu finden und einen echten in­nerkirchlichen Reformprozess anzustoßen.

Unter freiem Himmel vor den Türen ihrer Kirche hielt auch die kfd St. Michael in Dortmund-Lanstrop einen Gottesdienst ab. Mit rund 120 Frauen, Männern, Jugendlichen und Kindern wurde ein Wortgottesdienst gefeiert, der zeitgleich zum Hochamt in der Kirche stattfand und ganz im Zeichen des Glaubens stand.

In ihrer leidenschaftlichen Ansprache brachte Monika Schoen auf den Punkt, was viele schon seit Langem bewegt. Die Forderung nach der lückenlosen Aufklärung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, der Zugang von Frauen zu allen Ämtern innerhalb der Kirche, Aufhebung des Zölibats und Ausrichtung der kirchlichen Sexualmoral an der Lebenswirklichkeit der Menschen mündete in den Aufruf zur Erneuerung der Kirche.

Der Platz vor der Kirche war mit weißen Bettlaken ausgelegt, die Frauen trugen weiße Tücher als Zeichen ihrer Trauer und ihres Mitgefühls für Missbrauchsopfer, aber auch als Symbol der Hoffnung auf einen Neuanfang. Es gab Brot und Wein, die durch die Reihen gereicht wurden. Zum Abschluss wurden Rosen zum Muttertag verteilt und noch angeregte Gespräche geführt.

Der Wunsch zur Erneuerung der Kirche wurde auch in der außerordentlichen Mitgliederversammlung deutlich, zu der die kfd St. Michael im Vorfeld eingeladen hatte, um über die Inhalte von „Maria 2.0“ zu informieren.

Die Initiatorinnen von „Maria 2.0“ aus Münster zogen zum Abschluss der Woche eine positive Bilanz. Zugleich kündigten sie an, mit weiteren Aktionen auf kirchliche Reformen zu pochen. Die Initiative sei „keine Eintagsfliege“.

Als „ehrenamtliche Initiative ohne Geld und Personal“ hätten sie keinen Gesamtüberblick über die Beteiligung, sagte Mit-Initiatorin Lisa Kötter. Doch wüssten sie von mehr als 1 000 beteiligten Gruppen in Deutschland „mit mehreren Zehntausend Leuten mindestens“.

Kötter rief zu weiteren Aktionen zur Fortsetzung der Reformdebatten auf: „Ladet eure Bischöfe in eure Küchen ein. Nicht in ihrer hierarchischen Funktion, sondern als Mitchristen. Und dann reden wir miteinander.“ Zudem sollte es weitere Mahnwachen und Protestaktionen geben.

Kritik an der Aktion gab es von Bischöfen. „Die Eucharistie kann kein Instrument eines solchen Protestes sein“, sagte der in der Bischofskonferenz für Frauenfragen zuständige Bischof Franz-Josef Bode. Zugleich äußerte er Verständnis für die Anliegen: „Es wird zu Spaltungen kommen, wenn fundierte Reformforderungen nicht ernst genommen werden und wir in den Veränderungen der Welt nicht auch zu neuen Antworten kommen.“ Er gehe davon aus, „dass die Tür bezüglich des Diakonates nach den Äußerungen des Papstes noch offen ist“, sagte Bode. „Aber auch die anderen Fragen um den Zugang zu allen kirchlichen Ämtern werden nicht verstummen und uns dogmatisch weiter herausfordern.“

Ähnlich äußerte sich der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck. Der von den Bischöfen angestoßene „synodale Weg“ werde sich auch mit dem Thema der Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern beschäftigen müssen. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woe­lki kritisierte die Aktion indirekt, als er bei einer Predigt im Marienwallfahrtsort Bödingen sagte: „Hier begegnen wir einer Maria, die nicht verwendet wird zur Durchsetzung kirchenpolitischer Überlegungen.“

Der Berliner Erzbischof Heiner Koch sagte: „Ich nehme diese Frauen sehr ernst mit dem, was sie einbringen wollen.“ Der Würzburger Bischof Franz Jung und Erfurts Bischof Ulrich Neymeyr forderten eine neue Debatte über die Weihe von Frauen, die bisher ausgeschlossen ist.

Maria Flachsbarth, Präsidentin des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB), sprach von einer überwältigenden Resonanz. „Maria 2.0“ habe gezeigt, dass die Forderungen nicht nur von „ein paar verrückten Aktivistinnen an der Spitze der Frauenverbände“ getragen würden, sondern „von der breiten Mehrheit der Frauen an der Basis“.

Die Vorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft (kfd), Mechthild Heil, meinte: „Wenn wir nicht bald sichtbare und spürbare Veränderungen haben, läuft die Amtskirche Gefahr, dass die Frauen ihr scharenweise den Rücken kehren.“ Auch ihre Stellvertreterin Agnes Wuckelt warnt vor einem massenweisen Austritt von Frauen aus der katholischen Kirche. „Noch sind wir lautstark. Danach aber, so fürchte ich, folgt der lautlose Auszug – und ich sage voraus: in Scharen“, so Wuckelt.

Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße sieht in der Protestinitiative einen „Impuls für den Dialog“. Ihm gehe es darum, „dass unterschiedliche Positionen miteinander ins Gespräch“ kommen, sagte er. Deshalb werbe er für eine Beteiligung an dem von den Bischöfen vorgeschlagenen „synodalen Weg“. Dieser sei nur sinnvoll, wenn keine Themen ausgeschlossen würden.

Die Deutsche Bischofskonferenz hatte infolge der im Herbst veröffentlichten Missbrauchsstudie einen „verbindlichen“ gemeinsamen Gesprächs- und Reformprozess angeregt. Dabei sollen Macht­abbau, die Zulassung zu kirchlichen Weiheämtern, der Pflichtzölibat und die Sexualmoral Themen sein.

Weitere Texte und Bilder zur Aktin Maria 2.0 finden Sie in der Printausgabe des Dom Nr. 21.

Lesen Sie hier den Kommentar von Matthias Nückel aus der Nr. 20 und hier den Impuls von Claudia Auffenberg aus der Nr. 19

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