Trauernde trösten

Trauernde trösten ist eines der sieben geistlichen Werke der Barmherzigkeit. Foto: Armin Staudt Berlin/photocase

 

Im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit sollen die Gläubigen die „Werke der Barmherzigkeit“ neu entdecken. Das regt Papst Franziskus in seiner Bulle „Misericordiae vultus“ an. Eine alte Tradition, früher kannte jeder Christ die Liste auswendig, um sein eigenes Handeln davon leiten zu lassen, mittlerweile hat sich Staub über dieses Traditionswissen gelegt.

Was sind die „Werke der Barmherzigkeit“? Man unterscheidet leibliche und geistliche Werke. Die sieben Werke der leiblichen Barmherzigkeit sind: Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Kranke pflegen, Gefangene besuchen und die Toten begraben. Es gibt auch die sieben geistlichen Werke der Barmherzigkeit:

Das erste geistliche Werk ist es, einen traurigen Menschen zu trösten. Jeder von uns begegnet früher oder später jemandem, dessen Augen getrübt sind, der die Freude verloren hat. Das Erste und Wichtigste ist es, dass ich dies überhaupt wahrnehme und mich dann nicht von ihm abwende, weil ich möglicherweise nicht weiß, was ich sagen soll. Dann fragt ihn doch einfach: „Was liegt dir denn auf dem Herzen, sag es mir?“

Ein zweites Werk der Barmherzigkeit ist es, Zweifelnden zu raten. Vielen ist heute – in einer zunehmend komplizierten Welt – mit einem guten Rat, der sich in Worten erschöpft, nicht wirklich geholfen. Wer zweifelt, ist oft gelähmt und braucht eine Anschubhilfe, so wie ein Auto, dessen Batterie sich entleert hat. Eine wirksame Starthilfe kann oft darin bestehen, ein erstes Stück des Weges mitzugehen – oder den anderen vielleicht auch sanft zu schieben: „Du schaffst das! Komm, ich gehe den ersten Schritt mit dir!“ „Keine Angst, ich bin bei dir!“ Das gilt besonders auch bei solchen, die Gott suchen.

Daran knüpft das nächste Werk der Barmherzigkeit an: Unwissende belehren. Wie groß ist heute die Not der Unkenntnis – nicht zuletzt in Glaubensfragen. Hier wäre ein Pisa-Test wahrscheinlich erschreckend.

Machen Sie die Probe aufs Exempel bei sich selbst: Wer kennt noch die Zehn Gebote? Die zwölf Apostel? Oder gar die 27 Bücher des Neuen Testamentes – vom Alten ganz zu schweigen. Sagen Sie nicht, das sei nebensächlich. Gott wird uns einmal danach fragen, wie ernst wir seine Offenbarung genommen und wofür wir unseren „Grips“, den wir von ihm geschenkt bekamen, eingesetzt haben.

Das vierte geistliche Werk der Barmherzigkeit ist es, einen lästigen Menschen geduldig zu ertragen. Das kann wirklich Nerven kosten! Da ruft jemand zur absolut unpassenden Zeit an – während des Mittagessens oder genau dann, wenn die Nachrichten kommen. Da hat jemand eine Frage oder eine Bitte, die aus unserer Sicht überhaupt nicht wichtig ist, aber der andere ist nun einmal wirklich beunruhigt. Wer hier im Kleinen Geduld übt, der kann es weit bringen auf dem Weg zur Heiligkeit. Denn hier können wir Gott unerwartet ähnlich werden: Wie viel Unsinn muss er sich nämlich von uns anhören – und wird doch nicht ungeduldig! Oder wie geduldig ist er mit uns, die wir immer wieder dieselben Fehler begehen, die wir uns auch nach so vielen Zeichen seiner Güte so schwer tun, ihm zu vertrauen.

Franz Weidemann

Der Autor ist Pfarrer in Dortmund, Fortsetzung im nächsten Dom.

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