Teekanne im Weltall

Wie man in der Wissensgesellschaft redlich über Gott reden kann

Das Weltall: Kreist dort eine Teekanne? Foto: WikiImages/Pixabay

 

„Sei wachsam!“ heißt ein Lied von Reinhard Mey. Darin appelliert er an die Hörer, für die Demokratie und die Freiheit einzustehen, auf sie zu achten, sie zu verteidigen und nicht den Rattenfängern nachzulaufen. Ein starkes Lied! Für unsereins aber gibt es darin eine bittere Zeile: „Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm: Halt du sie dumm,– ich halt' sie arm!“

von Claudia Auffenberg

Man mag sich empören, aber ist der Eindruck, den Mey da besingt, so falsch? Der Eindruck also, dass Glauben, sagen wir es deutlich, was für schlichte Gemüter ist, während die klugen Denker, die großen Geister unserer Zeit, die Harald Leschs und die Stephen Hawkings dieser Welt den Glauben der Christen mit drei Sätzen aus den Angeln heben können? Was wissen wir denn über unseren Glauben und vor allem: Wer ist in der Lage, zu argumentieren, nachvollziehbar, intellektuell redlich? So schön die gestaltete Mitte ist, aber als Argument für Gott reicht sie kaum aus.

Wahrheitsfähig? 

Dr. Werner Wertgen ist Professor für Philosophie und Moraltheologie an der KatHO in Paderborn. Er befasst sich mit solchen Fragen. „Religion 4.0“ war neulich ein Fachtag überschrieben, zu dem ihn das Liborianum eingeladen hatte. „Wir leben in einer Wissensgesellschaft“, sagt er, „die Leute wollen und können heute alles wissen.“ Das bringt für die Rede über den Glauben eine große Herausforderung mit sich: „Unser Glauben muss wahrheitsfähig verstanden werden“, sagt Wertgen. Wahrheitsfähig heißt, die Aussage stimmt unabhängig von der eigenen Meinung. Aussagen etwa über die Größe des Petersdomes sind wahrheitsfähig, weil sie nachprüfbar sind. „Wenn ich aber sage:Vanillepudding schmeckt mir nicht‘, ist das nicht wahrheitsfähig.“ Wie aber kann der Glaube wahrheitsfähig sein? Schlicht gefragt: Hätte jemand am Ostermorgen die Auferstehung filmen können?

Und schon ist man in eine Falle unserer Zeit getappt, in die Falle der Empirie. Heutzutage lässt sich vermeintlich alles beobachten, vermessen und berechnen. Die Naturwissenschaften sind auf Empirie gepolt. Wenn Harald Lesch im Fernsehen über das Universum redet, dann redet er empirisch: Er erzählt, was seine Zunft, die Astrophysik weiß im Sinne von: Was haben wir gesehen und was können wir durch Berechnen belegen? Welche messbaren Kräfte sind am Werk? Er redet über die Naturgesetze, die zweifellos erstaunlich sind, aber nicht der Ort, in dem Gott zu finden ist. „Wenn sich Gott in der Empirie finden ließe, dann hätten wir nichts davon“, sagt Wertgen. Ein Physiker kann Gott nicht beweisen, deswegen darf man sich auch durch deren Argumente nicht erschrecken lassen. 

Philosophisch herangehen

Ein beliebtes Bild der vermeintlichen Gott-gibt-es-gar-nicht-Fraktion ist die Teekanne, die um die Erde kreist, eine Idee des britischen Philosophen und Mathematikers Bertrand Russel. Er hat sie in den 1950er-Jahren erstmals formuliert und seitdem wird sie in einschlägigen Kreisen gern verbreitet. Sie besagt: Wer behauptet, im Weltall kreise eine Teekanne, die so klein sei, dass man sie mit Teleskopen nicht sehen könne, der könne nicht erwarten, dass ihm irgendjemand glaubt. Den Beweis für die Existenz der Teekanne müsse schon der bringen, der ihre Existenz behauptet. „Dieses Beispiel ist im Ansatz schon falsch“, sagt Wertgen. Eine Teekanne ist eben ein empirisches Gerät, Gott aber ist es nicht.

An Gott müsse man vielmehr philosophisch herangehen, also zunächst mal annehmen, dass es außer oder neben der Empirie andere Möglichkeiten gibt. Wenn Gott eine Realität sei, so Wertgen, aber keine empirische, dann könne man ihn nicht ansteuern. „Ich kann nicht sagen: Heute Nachmittag mach ich mal ’ne Gotteserfahrung.“ Eine solche Erfahrung könne man nur machen, wenn Gott sich dem Menschen zuneigt. Also, Gott lässt sich denken und schlüssig begründen, aber nicht berechnen.

Sonst wäre Glaube sinnlos

Übrigens, sagt Wertgen noch, die Rede von Gott darf auch nicht einfach symbolisch sein, oft ein vermeintlicher Ausweg, wenn man gegen die Naturwissenschaftler nicht mehr weiterkommt. Um noch mal auf die Auferstehung Jesu zurückzukommen: Sie ist keine symbolische Erzählung, sie ist wahr, wie schon der Apostel Paulus beteuert, sonst wäre unser Glaube sinnlos. Aber was heißt wahr? Wertgen: „Wir werden nicht in der Empirie wieder auferweckt, dann müssten wir noch mal sterben. Wir werden auferweckt in die Wirklichkeit Gottes.“

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