Radikale Entscheidung

Gedanken zu Lk 14,25-33

Radikal: Franziskus sagt sich von seinem irdischen Vater los und wendet sich dem himmlischen Vater zu. Foto: Katharina Wieland Müller / pixelio

 

Nachfolge bedeutet die Entscheidung für Jesus und die entsprechende Relativierung von Alternativen.

von Hartwig Trinn

Die Familie und sein eigenes Leben gering achten. Harte Worte im Evangelium, von der Einheitsübersetzung sogar noch entschärft: Im griechischen Originaltext steht „hassen“. Die Familie hassen, ja sogar mich selbst muss ich hassen, wenn ich Jüngerin und Jünger Jesu sein will? – Um den Text zu verstehen, hilft ein Blick auf den Entstehungszusammenhang:

Als Lukas sein Evangelium schreibt, entwickelt sich die junge Kirche aus der Zeit der unmittelbaren Nachfolge Jesu in eine neue Situation: Menschen, die Jesus nicht mehr persönlich erlebt haben, schließen sich ihrer Gemeinschaft an. Damit stellt sich eine wichtige Frage neu: Was braucht es jetzt, um Jesus nachzufolgen? Die Antwort, die Lukas in Worten und Gleichnissen Jesu gibt, ist eindeutig: Entscheidung. – Das so schwer verständliche „hassen“ ist also ein Bildwort, das Lukas benutzt, um die Radikalität der Entscheidung für Jesus und somit die Distanz zu allem anderen darzustellen.

Entscheidung für Jesus bedeutet, Gott an die erste Stelle zu setzen, damals wie heute. Und an dieser Entscheidung kann mich einiges hindern. Zunächst ich selbst und meine lieb gewordenen Gewohnheiten: „Ich bin so, wie ich bin, da kann man nichts machen!“, sagen manche Menschen. Eine solche Aussage kann Resignation sein, ist aber häufig Bequemlichkeit. Weil ich nun mal so bin, wie ich bin, brauche ich mich auch nicht zu ändern. Oder ich komme nicht von meiner Anhänglichkeit an die Dinge dieses Lebens los. Auch mit dieser Haltung fällt Nachfolge schwer: Das ist die Geschichte des reichen Jünglings im Evangelium, er geht betrübt davon. Und auch wirkliche oder scheinbare Verpflichtungen gegenüber der Familie oder meinem Umfeld können mich in der Nachfolge Jesu aufhalten: „Ich habe so viel zu tun, ich komme zu nichts!“ Zumindest nicht zu mir selbst oder zu Gott. Das ist im Evangelium die Geschichte von Marta.

Wenn ich mich für Jesus entscheide, ist das keine Entscheidung, die auf der gleichen Ebene steht, wie die Wahl meines Einkaufs oder Automodells. Jesus nachfolgen fordert mich heraus. Die Nachfolge fordert mich he­raus, Gott an die erste Stelle zu setzen und damit Distanz zu allem anderen zu gewinnen. Jesus hat das selbst vorgelebt und viele Heilige auch: Weil Gott an erster Stelle steht, kann Jesus seiner Verwandtschaft, ja sogar seiner Mutter, Grenzen aufzeigen. Weil Gott an erster Stelle steht, kann ein Franziskus zu seinem Vater sagen: „Pietro Bernardone, ich bin nicht mehr dein Sohn!“ Weil Gott an erster Stelle steht, kann Teresa von Ávila sagen: „Gott allein genügt!“

Und dann gilt es, mein Kreuz zu tragen, auch das eine Erfahrung der jungen Kirche. Nachfolge ist kein Spaziergang. Was bringt mich Gott näher, was führt mich von ihm weg? Hier verläuft die Konfliktlinie und es gilt, mit Klugheit vorzugehen. Das zeigen die Gleichnisse vom Turmbau und vom Kriegszug. Entscheidend für die Nachfolge Jesu sind nicht allein meine guten Absichten oder mein Anfangselan. Entscheidend sind meine tatsächlichen Möglichkeiten: Jesus verlangt nicht von mir, dass ich mir mehr Kreuze auflade oder aufladen lasse, als ich tragen kann. Auf mein Kreuz kommt es an. Es hilft mir, und das ist der Schluss dieses Evangeliums, auf meinen ganzen Besitz zu verzichten: Es hilft mir, Menschen und Dingen ihren je eigenen Wert und Wichtigkeit zu geben. Es hilft mir, mich selbst annehmen zu lernen und frei zu werden. Das Ziel ist gelungenes Leben hier und ewiges Leben bei Gott.Wenn ich mich dafür entscheide.

Zum Autor:

Diplom-Theologe Hartwig Trinn hat die Gesamtleitung Seelsorge und Ethik in der ­St.-Elisabeth-­Gruppe – Katholische Kliniken Rhein-Ruhr.

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