Prophetisches Krisenmanagement

Wie das Volk Israel gestärkt aus der Krise hervorgeht

Waldbrände wie neulich in Australien haben verheerende Folgen. Und doch kommt danach neues Leben.
Foto: Clipdealer

 

Wieder einmal prägt der Begriff „Krise“ die mediale Berichterstattung unserer Tage. Wer kennt sie nicht, die sogenannte „Krise“: Bedingt durch gesundheitliche Probleme, persönliche Konflikte oder plötzliche Schicksalsschläge, oder– wie wir es derzeit erleben– durch einen Virus, der den Alltag völlig unerwartet dominiert: Mit einem Mal wird Sicherheit brüchig und das Leben steht unter ganz neuen Vorzeichen.

Eine drastische Krise bildet auch den Hintergrund der Lesung aus dem Buch Ezechiel. Als im Jahr 587 v.Chr. auf Anweisung des Königs Nebukadnezar das babylonische Heer in Jerusalem einzieht, bleibt dort kein Stein auf dem anderen. Die Stadt und der Tempel werden zerstört und ein erheblicher Teil der Bevölkerung nach Babylon ins Exil geführt. Hier müssen sich die Judäer sowohl materiell wie ideell völlig neu orientieren. Denn neben der existenziellen Lebensgrundlage steht vor allem auch die spirituelle Verankerung, die Identität des Bundesvolkes Gottes, auf dem Spiel. Das Mitsein Gottes mit seinem Volk war bislang eng mit dem Land Israel bzw. Juda und dem Tempel von Jerusalem verbunden– so stellt sich im Babylonischen Exil nun die Frage: Hat Gott sein Volk verlassen?

Von Gott verlassen?

Die weitere Geschichte Israels zeigt, dass das Volk diese Krise des Exils nicht nur übersteht, sondern dass aus diesem größten Einbruch in der Geschichte Israels der folgenschwerste Aufbruch wurde, mit dem das Judentum seinen Anfang nimmt. Dass dieser Aufbruch gelungen ist, hängt auch damit zusammen, dass es im Exil Menschen gab, die es aus ihrer Gottverbundenheit heraus vermochten, die Situation einzuordnen und zu deuten. Einer dieser „geistlichen Begleiter“ im Babylonischen Exil ist der Prophet Ezechiel. Was an seiner Botschaft an die Exilierten zentral ist: Er öffnet den Menschen den Blick für ein ganz neues Gottesbild. Schon im ersten Kapitel des Buches Ezechiel findet sich die Vision von einem Gefährt, dem Thronwagen Gottes.

Gott ist überall

Damit verdeutlicht Ezechiel: Der Gott Israels ist nicht an einen bestimmten Ort, an das Land Juda und den Tempel gebunden. Er ist vielmehr überaus „mobil“! Gott ist überall dort, wo die Menschen sind und so ist Gott nun auch mit seinem Volk im Babylonischen Exil. Der Gott Israels ist ein Gott, der Grenzen überwindet– und zwar, wie die heutige Lesung zeigt, nicht nur die des Landes Juda, sondern auch die des Totenreiches: „...ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, herauf...“ Die Wirkmacht Gottes kennt keine Grenzen– auch nicht die des Todes. Sein Geist ist es, der die Todesstarre des Exils aufbricht und einen schöpferischen Neuanfang bewirkt. Mit dieser einzigartigen Hoffnung weckt der Prophet die Lebensgeister der Exilierten. Und sie spüren eine ungeahnte Kraft, die sie aufstehen lässt und neu beginnen.

Dass dieser schöpferische und belebende Geist Gottes auch das Handeln und Wirken Jesu prägt, zeigt der Verfasser des Johannesevangeliums immer wieder. Auch für Jesus ist, wie im Evangelium dargestellt, der Tod nicht die Grenze seiner Wirkmacht. Und ausgerechnet von seinem Kreuz geht eine Kraft aus, die aus Todesstarre aufstehen und neu beginnen lässt.

 

Info

Ezechiel

Nach Ezechiel 1,1–3 wirkt der Prophet Ezechiel ab 593 v.Chr. „am Fluss Kebar“ im Babylonischen Exil. Seine prophetische Berufung wird in bildhafter Sprache in der Art erzählt, dass er eine Buchrolle zum Essen erhält (Ez2,8–3,3). Ein Bild, das Ezechiel in besonderer Weise als einem mit dem Wort Gottes verbundenen Menschen ausweist. Dies macht ihn zum glaubwürdigen und überzeugenden „Wächter Israels“ (vgl. Ez3,16), der den Menschen mehrfach einen Spiegel vor Augen hält und sie ihre Verlorenheit im Egoismus erkennen lässt. Darüber hinaus sagt Ezechiel dem Volk und dem einzelnen Menschen aber auch zu, dass Gott sich dennoch nicht von ihnen abwendet, sondern sein Volk immer wieder in sein Heil zurückführt (vgl. Ez20,39–40).

 

Zur Autorin

Christiane Koch, Professorin für Exegese und Biblische Theologie an der KatHO NRW, Abteilung Paderborn, und Diözesanleiterin des Katholischen Bibelwerkes.

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