„Mitschuldig am Krieg“

Selbstkritisches Wort der deutschen Bischöfe zum Kriegsende

Der zweite Weltkrieg erforderte Millionen von Opfern. Soldatengräber erzählen von dem Leid der jungen Männer. Als einziger verzichtete der Berliner Bischof Konrad von Preysing im Krieg darauf, Soldaten zu Treue und Pflichterfüllung zu ermahnen. Foto: Hans Harbig / Pixabay

 

Bonn (-berg). Mit der Rolle der katholischen Kirche im Zweiten Weltkrieg, auch mit dem Verhalten der Bischöfe, befasst sich ein Wort der heutigen katholischen Bischöfe, das die Bischofskonferenz am Mittwoch offiziell vorstellte. Anlass ist das Ende des Krieges vor 75 Jahren. Durch ihr Verhalten hätten sich die Bischöfe damals mitschuldig am Krieg gemacht.

In seinem Geleitwort schreibt der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Georg Bätzing, aus heutiger Sicht gebe es allen Grund denen dankbar zu sein, die die Macht des Nationalsozialismus gebrochen und in den Jahren danach zu Frieden und Völkerverständigung beigetragen haben. „Die dankbare Erinnerung ist zugleich mit dem Auftrag verbunden, dieses Erbe in die Zukunft zu tragen.“ Europa scheine in keinem guten Zustand. Wer aber aus der Geschichte gelernt habe, der müsse „dem alten Ungeist der Entzweiung, des Nationalismus, des „völkischen“ Denkens und „autoritärer Herrschaft“ entschieden entgegentreten.

„Teil der Kriegsgesellschaft“

Zum Lernen sei auch die Kirche aufgerufen. Kritisch beschreibt das Wort die Rolle der Kirchen und das Verhalten einiger Bischöfe: „Bei aller innerer Distanz zum Nationalsozialismus und bisweilen offener Gegnerschaft war die katholische Kirche in Deutschland Teil der Kriegsgesellschaft“, heißt es in dem Text. Trotz aller Bedrängnis sei die patriotische Bereitschaft, Ressourcen der Kirche für den Kriegseinsatz zu mobilisieren, bis zum Ende ungebrochen gewesen. Soldaten und Gläubige wurden zu Treue, Pflichterfüllung und Opferbereitschaft aufgerufen, Soldaten, die in existenzielle Gewissensnöte gerieten, alleingelassen. „Indem die Bischöfe dem Krieg kein eindeutiges ,Nein‘ entgegenstellen, sondern die meisten von ihnen den Willen zum Durchhalten stärkten, machten sie sich mitschuldig am Krieg.“

In ihrem Wort versuchen die Bischöfe zu verstehen, warum ihre Vorgänger in einer Weise gehandelt haben, die aus heutiger Sicht „schwer verständlich, wenn nicht sogar falsch“ war. Sie nennen mehrere Gründe. Da ist zum einen das damalige Ordnungsverständnis. Aus biblischen Texten herausgelesen und im Mittelalter weiterentwickelt betrachtete die Kirche damals die staatliche Ordnung als gottgegeben und gottgewollt. Zwar wäre eine Kritik an den Verantwortlichen möglich gewesen, nicht aber eine Auflehnung gegen die staatliche Ordnung. Hinzu kam die Lehre vom gerechten Krieg, die einst entwickelt worden war, um Gewalt einzudämmen, aber zunehmend benutzt wurde, um Gewalt zu legitimieren.

„Patriotische Pflicht“

Weiterhin war damals die Gesellschaft insgesamt deutlich militärischer geprägt als heute. Soldatische Tugenden wie Ehre, Disziplin und Gehorsam waren in der Öffentlichkeit weitgehend anerkannt. Dies war eine Nachwirkung des Kaiserreiches und des Ersten Weltkrieges. Noch aus der Zeit des Kulturkampfes stammte der Wunsch der katholischen Kirche, als loyale Patrioten gesehen zu werden. Und im Krieg war die patriotische Pflicht geradezu selbstverständlich. Und schließlich hatte die katholische Kirche mit dem NS einen gemeinsamen Feind: den Bolschewismus in der Sowjetunion. Für das Versagen der Kirche nennen die Bischöfe auch innerkirchliche Gründe. Die Bischofskonferenz war schlecht organisiert und dadurch blockiert. Erst im August 1943 gelang den Bischöfen ein gemeinsames Hirtenwort, das die Lebensrechte aller Völker auf Grundlage der Zehn Gebote einforderte.

Welche Lehren ziehen die Bischöfe nun aus diesen Erkenntnissen? Zunächst bekennen sie sich zu „Trauer und Scham“. Zudem habe sich der Blick auf die staatliche Ordnung geändert. Heute fühle sich die Kirche berufen, die Würde aller Menschen zu schützen und sie in jedem Staat und von jeder Regierung einzufordern. Solidarität im christlichen Sinne sei nicht auf das eigene Volk begrenzt. „Die Überwindung allen Leids weltweit entspricht der Nachfolge Jesu.“

 

 

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