„Liebet eure Feinde!“ Wie das?

Warum die angeblichen Antithesen Jesu vielmehr beispielhafte Handlungsanweisungen sind

In der Natur wird die Sache in der Regel endgültig geklärt. Foto: Mario Hofer/Pixabay

 

„Ich aber sage euch...“ Was für den einen wie die Einleitung zu einem gut gemeinten Ratschlag klingt, lässt den anderen einen provokanten Besserwisser vermuten, der gerade zu Hochtouren aufläuft. Mit diesen Worten begegnet uns Jesus im heutigen Evangelium. In welche Kategorie ordnen wir ihn ein? Jesus, der Ratgeber, oder Jesus, der Klugscheißer?

von Simone & Mirko Wiedeking (Sie: Referentin der Katholischen Hochschulgemeinde Paderborn, Er: Gefängnisseelsorger in der JVA Bielefeld-Senne

Die Worte Jesu in Mt5,21–48 folgen einer gleichbleibenden Struktur: Mit der FormulierungIhr habt gehört, dass gesagt worden ist“ greift Jesus sechsmal auf verschiedene Textstellen aus dem jüdischen Gesetz zurück. Anschließend führt er mit der FormelIch aber sage euch“ seine Auslegungen an. Seit ca.1900 werden diese Verse häufig als sogenannte „Antithesen“ bezeichnet, mit denen Jesus die Tora, also Grundlage seines jüdischen Glaubens, infrage stellt, verbessert oder sogar komplett aufhebt. Dieses Verständnis von Jesus als jemandem, der (als Sohn Gottes) alles besser weiß, führt bis heute leider immer noch zu antijudaistischen Auslegungen und einer damit verbundenen Abwertung des Judentums.

Eine genauere Übersetzung aus dem griechischen Urtext macht allerdings deutlich, dass es sich keineswegs um „Antithesen“ handelt. Das aber (im Griechischen steht dort das kleine Wörtchen dè) kann genauso mit und, auch und zugleich übersetzt werden, womit Jesu Worte eine ganz andere Sinnrichtung erhalten: Er erfindet dann nämlich keine neuen Gebote, sondern führt mit der FormulierungIch sage euch zugleich/auch“ seine Überzeugung an, wie die Tora im Alltag gelebt werden kann und soll. Jesus gibt vielmehr beispielhafte Handlungsanweisungen zu den Textstellen aus der Tora, die ihm im besonderen Maße als wichtig erscheinen. Er macht die Tora damit konkret und übersetzt sie wie ein Rabbi in seine Zeit. Dieses Verständnis zeigt Jesus dann als jemanden, der (als Sohn Gottes) den Menschen seiner Zeit und auch uns heute Juden wie Christen Ratschläge für ein gelingendes Leben mit auf den Weg gibt.

Wer gilt als Nächster?

Insbesondere beim Aufruf zur Feindesliebe (Mt5,43–45) wird das deutlich. Jesus greift zunächst das Nächstenliebegebot auf, das in der heutigen Lesung aus dem Buch Levitikus den Höhepunkt bildet. Vom Feindeshass ist dort allerdings überhaupt nicht die Rede, im Judentum wurde aber immer wieder darum gerungen, wer alles als Nächster gilt. Mit der beispielhaften Handlungsanweisung zur Feindesliebe spitzt Jesus das Gebot der Nächstenliebe zu, die Feindesliebe bildet eine selbstverständliche Konsequenz dieser. 

Was für eine Riesenaufgabe, wie soll das gehen? Liebe deinen Nächsten heißt dann übersetzt: Wenn sich dir dein Feind jetzt gerade als Nächster erweist, dann sollst du ihm als Feind mit Liebe begegnen. Gemeint ist nicht das emotionale Gefühl, sondern eine praktische Liebestat. Es geht also nicht darum, den Feind zum Freund zu machen, sondern immer wieder den ersten Schritt auf ihn zuzumachen, ihm Gutes zu tun, obwohl er Böses vorhat, für ihn zu beten… Feindesliebe ist kein Zustand, sondern ein Prozess und eine Herausforderung. Und ein gut gemeinter Ratschlag von Jesus: So kann Leben wirklich gelingen.

 

Info

Heiligkeitsgesetz in Levitikus

Das dritte Buch der Tora trägt den Namen Levitikus und beinhaltet fast ausschließlich Gottesrede, mit der JHWH dem Volk Israel seine Weisungen für ein gelingendes Leben verkündet. Ein Schwerpunkt ist dabei das sogenannte Heiligkeitsgesetz in Lev17–26, das auf dem Prinzip der Nachahmung beruht: Weil JHWH heilig ist, wird es seinem Volk überhaupt erst ermöglicht, selber heilig zu werden. Die Heiligkeit JHWHs bildet also das Vorbild und den Auftrag zu heiligem Handeln der Menschen. Ein Höhepunkt innerhalb dieser Regelungen für die Heiligkeit des Volkes Israel bildet das Gebot der Nächstenliebe in Lev19,18. Nächstenliebe ist also nicht nur spezifisch christlich, sondern vor allen Dingen spezifisch jüdisch.

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