Lehrstunde in Auschwitz

Welche Verantwortung bürdet uns die Schoah auf? Eine Ausstellung im Michaelskloster gibt Antworten

Die Schülerinnen haben die Exponate selbst zusammengestellt, meist in ihrer Freizeit und trotz der Belastung durch das bevorstehende Abitur. Foto: Flüter

 

Paderborn. Der Name Auschwitz steht mehr als alles andere für die Schrecken des Völkermordes, der vor 75 Jahren in seine brutalste Phase trat. Auch nach einem Dreivierteljahrhundert löst ein Besuch in dem ehemaligen Todeslager einen Schock aus. Schülerinnen des Gymnasiums Michaelskloster haben aus dieser Erfahrung heraus eine Ausstellung zusammengestellt.

von Karl-Martin Flüter

Es war Ende Oktober und schon empfindlich kalt im Süden Polens. Johanna Meyer hatte sich gut vorbereitet: „Winterjacke, Winterstiefel, Handschuhe ... ich trage zwei Schals und zwei Pullover – sogar an Wärmepads für die Füße habe ich gedacht.“

Nicht planen konnte die 17-jährige Schülerin den Schock, den die Reste des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau in ihr auslösen würden. „Ich weiß, was in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern geschehen ist und weiß es doch nicht“, gesteht sie in ihren schriftlichen Erinnerungen an diese eiskalten Tage Ende Oktober, Anfang November 2016.

Johanna Meyer ist eine von 16 Schülerinnen des Geschichtsleistungskurses am Paderborner Gymnasium St. Michael, der unter der Leitung der Geschichtslehrerin Renate Hillemeyer und Schulleiterin Elisabeth Cremer und betreut vom BDKJ nach Birkenau gefahren ist.

Die Erfahrungen, die sie dort gemacht haben, ließen keine der Schülerinnen unberührt. Verarbeitet haben sie diesen Schock, indem sie eine Ausstellung über ihre Fahrt erarbeitet haben. Sie soll Erinnerung und Warnung zugleich sein.

Am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, wurde die Ausstellung in einer hellen Halle neben dem Pausenhof des Michaelsklosters eröffnet: etwa ein Dutzend Ausstellungswände mit Zeichnungen der Schülerinnen, Texten, historischen und eigenen Fotos. Es ist eine von vielen Ausstellungen über den Holocaust. Etwas Besonderes wird sie durch den speziellen Blick der Schülerinnen auf das Thema und die Auseinandersetzung mit der Verantwortung, die das Menschheitsverbrechen auch dieser Generation noch aufbürdet.

„Wir haben im Unterricht über die Kollektivschuld der Deutschen für den Holocaust gesprochen“, schreibt Johanna Meyer in ihrer Erinnerung an Auschwitz, „und die meisten von uns sind der Meinung, dass man ein ganzes Volk und uns Nachfahren nicht verantwortlich machen kann.“ Dennoch spürt sie Verantwortung dafür, dass die Schoah nicht vergessen wird und zitiert als Beleg den Philosophen George Santayana: „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist verurteilt, sie zu wiederholen.“

Auschwitz habe ihre Schülerinnen politischer denken lassen, meint die Geschichtslehrerin Renate Hillemeyer: „Es geht nicht nur ums Gefühl, es geht darum zu verstehen, wa­rum.“

Schülerinnen wie Antonia Johannigmann und Johanna Meyer fühlen sich ungut an die Machtergreifung Hitlers 1933 erinnert, wenn sie die Populisten in Europa oder den neuen amerikanischen Präsidenten erleben. Nicht, dass sich die Geschichte zwangsläufig wiederholt. Aber die Erinnerung zeigt, dass eine derartige Katastrophe immer möglich ist.

Junge Menschen, die gegen Ausgrenzung und Nationalismus anleben, sind die beste Versicherung gegen diese Auswüchse. So wie die Schülerinnen vom Michaelskloster, die in Auschwitz junge Menschen mit einer ganz anderen Vorgeschichte trafen: Israelis, die in den riesigen Verzeichnissen nach Namen von Verwandten suchten. Sie haben freundlich miteinander geredet, die ­jungen Deutschen und die jungen Israelis. Auch das ist möglich an einem Ort wie Auschwitz.

(Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 8.00 bis 14.00 Uhr, ­Anmeldung an der Pforte)

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