(K)ein Grund zur Bescheidenheit

Gedanken zu Lk 14,1.7-14

Die Delegation des Bonifatiuswerks zu Besuch in der grönländischen Gemeinde St. König, die Menschen vieler Nationen Heimat geworden ist. Foto: Bonifatiuswerk

 

Wer liebevoll lebt und handelt, kann sich vor Gott und den Menschen sehen lassen.

von Georg Austen

„Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.“ – In dieser Redewendung wird eine allzu menschliche Haltung auf den Punkt gebracht: der Wunsch, zuerst auf den eigenen Vorteil und das eigene Prestige bedacht zu sein. Dieser Wunsch kann auch zur Sucht werden, die das eigene Handeln durch und durch bestimmt und keine Rücksicht mehr auf andere nimmt.

Die Redewendung mag auch in den Sinn kommen, wenn wir das heutige Evangelium hören. Der Evangelist Lukas schildert uns, wie bei einem festlichen Mahl die Gäste darauf bedacht sind, sich möglichst rasch den Ehrenplatz an der Tafel zu sichern. Das Verhalten der Gäste nimmt Jesus zum Anlass, seine Zuhörerschaft über die neue Ordnung im Reich Gottes zu belehren. Er trägt ihnen auf, bescheiden zu bleiben, was das Suchen von Ruhm, Ehre und Ansehen angeht, aber unbescheiden zu bleiben hinsichtlich des Dienstes am Nächsten, der Zuwendung zu denen, die am Rand der Gesellschaft stehen.

Jesus hat dies selbst immer wieder vorgelebt: in seinem Zugehen auf die Sünder, die Zöllner, die Prostituierten, die Aussätzigen. Als seine Jüngerinnen und Jünger sollen wir uns den menschlichen Vorstellungen von Ehre und Verdienst nicht angleichen, sondern durch unser Verhalten deutlich machen, dass in den Augen Gottes andere Maßstäbe gelten. Bei ihm müssen wir nicht um unser Ansehen bangen. Menschlicher Ruhm hat für ihn keinen Bestand. In Gottes Reich hat jeder Mensch einen Ehrenplatz als sein geliebtes Geschöpf. Jesus geht es um das Heil, die Heilung des Menschen.

Es kostet zweifelsohne Einsicht, Kraft und auch Überwindung, eine Haltung einzunehmen, die keine Gegenleistung erwartet, wenn man diejenigen zur Teilhabe einlädt, die nichts haben. Die Mahnung Jesu bringt die uns gewohnte soziale Ordnung durcheinander! Jesus erwartet von uns, dass wir nicht nur auf die schauen, die uns nahestehen und aus Liebe, Freundschaft oder aus gebotenem Respekt verbunden sind. Vielmehr soll unser Blick auch auf die Menschen gerichtet sein, mit denen wir keine besondere Verbindung haben, mit denen wir vielleicht auch bewusst nichts zu tun haben wollen. Diese Veränderung unserer Blickrichtung entfaltet die befreiende Kraft, einen Schritt auf diese Menschen zuzugehen und ihnen damit wirklich zu begegnen und zu sehen, was und wer heute in der Zerrissenheit des Lebens und der Welt Heilung braucht. Dann habe ich den anderen als Ziel und nicht mehr mich selbst, auf dass neue, menschlichere Beziehungen wachsen können.

In meinem Bemühen, diese Botschaft Jesu umzusetzen, inspirieren mich immer wieder die verschiedenen Projekte, die wir als Bonifatiuswerk in Deutschland, Nordeuropa und im Baltikum unterstützen. Hier begegnen mir ganz verschiedene Menschen, die nicht nach ihrer persönlichen Ehre suchen, sondern die Not sehen und tatkräftig mit anpacken. Erst vor Kurzem durfte ich in Grönland, wo gerade einmal 0,8 Prozent der Bevölkerung Katholiken sind, erleben, wie eine kleine Diaspora­gemeinde eine große Glaubensfreude ausstrahlt und Menschen vieler Nationen eine Heimat bietet.

Über das Gute, das hier und anderswo getan wird, muss gesprochen werden. Oft ist in unseren Gemeinden und in unserer (christlichen) Medienlandschaft der Blick nur auf das Negative, das nicht verschwiegen werden darf, gerichtet, dazu versehen mit dem kleinen Wort „noch“: Wir haben noch so und so viele Priester, wir haben noch so und so viele Kirchenbesucher usw. Das klingt nur nach sinkendem Schiff!

Wenn wir Jesus nachfolgen und auf sein Wort hin das Gute tun, so ist dies kein Grund zur Bescheidenheit, sondern eine Ermutigung, unseren Glauben selbstbewusst in die Welt zu tragen und an der „Heilung“ der Welt mit Gottes Hilfe mitzuwirken. So kann erfahrbar werden, was im Reich Gottes anders sein wird und schon hier und jetzt mitten unter uns anbricht.

Zum Autor:

Msgr. Georg Austen ist Generalsekretär des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken mit Sitz in Paderborn.

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