Gottesdienst im Druckzentrum

150 Menschen feiern auf Einladung des Bielefelder Projektes „gast+haus“ eine ungewöhnliche Messe

Bielefeld (jon). Eine mächtige tonnenschwere Papierrolle dient als Altar. Darauf zu sehen: Neben Abendmahlskelchen und Hostienschalen auch einige Tageszeitungen. Ein ungewöhnlicher Ort ist es für einen Gottesdienst. Hinter dem Priester zu sehen: unzählige weitere Papierrollen. Hoch aufgetürmt stellen sie eine beeindruckende Kulisse für die rund 150 Gottesdienstteilnehmer dar.

Papierrolle als Altar: In einem Zeitungslager feierte Pastor Herbert Bittis mit rund 150 Besuchern einen Gottesdienst.

 

An einem Sonntagabend sind die Besucher ins Papierlager im Druckzentrum einer großen Bielefelder Tageszeitun gekommen. Eingeladen wurden sie von Pastor Herbert Bittis und Gemeindereferentin Regina Beissel vom pastoralen Projekt „gast + haus“ – einem innovativen Modellprojekt des Erzbistums Paderborn. „Mit diesen Gottesdiensten wollen wir zu Gast sein in Einrichtungen und an Orten, die etwas von unserem christlichen Glauben erfahrbar machen“, erklärt Bittis.

In der Messe stellt Pastor Bittis den Bezug zum aktuellen Ort her. Die Besucher bekommen Zettel und die Aufgabe, in Kleingruppen aufzuschreiben, was in einem Zeitungs­bericht über Jesus unbedingt stehen müsste. Vertrauen, Nächstenliebe, Mut oder Toleranz werden genannt. Die Aufgabe an die Gottesdienstbesucher dient als Überleitung zum Evangelisten Lukas. Wie ein Journalist habe er es sich zur Aufgabe gemacht, hart zu recherchieren, Gerüchte zu entlarven, die Fakten über Jesus zusammenzutragen, und in einem Bericht zu präsentieren – einem Bericht, der heute bekannt ist als Lukasevangelium. Aus den Schlagzeilen der Samstagszeitung auf dem Papierrollen-Altar formuliert Pastor Bittis schließlich die Fürbitten.

Die wichtige Rolle der Medien hebt Gemeindereferentin Regina Beissel hervor: „Was wären wir ohne die Journalisten. Sie bringen uns andere Welten ins Haus, sie kommentieren den Alltag.“ Mit einem Text von Gotthard Fuchs verweist sie auf den heiligen Hieronymus, der als Mönch im vierten Jahrhundert die Bibel in die damalige Weltsprache Latein übersetzte. In einer verwirrenden Zeit, in der die Menschen ihren Weg suchten, habe er halb als Mönch, halb als Journalist das Evangelium, die frohe Botschaft Gottes in seine Zeit übersetzen wollen. „Es gilt, die Zeichen der Zeit christlich zu deuten, also Zeitung zu lesen – aber mit den Augen des Glaubens“, sagt Regina Beissel. „Glauben kann man authentisch nur, wenn man Zeitung und Bibel zusammen liest.“

Die Reaktionen auf den Gottesdienst im Papierlager sind positiv. Mal etwas anderes versuchen, Neues ausprobieren, die schützenden Kirchenmauern verlassen, das kommt bei den Gottesdienstbesuchern gut an.

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