Einfach mal abtauchen!

Wie ein zunächst schillernder Text uns heute berühren kann

Abtauchen, eintauchen, Teil der Geschichte werden. Foto: Magann / fotolia

 

Ganz schön eigenartig die Stimmung, die im heutigen Evangelium anklingt: Jesus erscheint seinen Jüngern das dritte Mal nach seiner Auferstehung, ein reicher Fischfang geschieht, er hält Mahl mit seinen Jüngern – und der Text berichtet von keiner einzigen Emotion. Eigentlich müsste den Jüngern – wie beim Gang nach Emmaus – doch das Herz in der Brust brennen, als sie Jesu Gegenwart in ihrer Mitte erkennen …

Stattdessen begegnen uns bei näherer Betrachtung eine ganze Reihe skurriler Situationen, deren Bedeutung sich nicht erschließt, wenn wir sie uns bildlich vorstellen: Fischen ist das einzige Gesprächsthema; Petrus springt ins Wasser und taucht ab – und zieht sich noch extra dafür an; Jesus fragt erst nach Essen, um sich dann doch selber einen Fisch zu braten; und: Warum sollten die Jünger Jesus fragen, wer er ist, wenn sie es doch wissen?

Es bleibt etwas Schillerndes an dem Evangelium, da eine Erklärung nur mit Spekulation gegeben werden kann. Die Erzählung ist für uns nicht ganz greifbar, genauso wie die Auferstehung für die Jünger nicht ganz greifbar gewesen ist. Und doch: Die Jünger leben (wieder) ihren Alltag. Das ganz normale Fischen bestimmt wieder ihr Leben nach all den Erlebnissen mit Jesus. Es wirkt fast ein wenig eintönig, ja langweilig, und Misserfolg gehört ebenso dazu. Aber genau hier erfahren sie die Gegenwart des Auferstandenen, wenn der Erfolg beim Fischen und das gemeinsame Mahl-Halten sie Jesus erkennen lassen. Für die Jünger wird es selbstverständlich, dass Er der Auferstandene ist. Das Fehlen von Emotionen wie Verwunderung und Zweifel, Angst und Freude weist auf diese Selbstverständlichkeit hin, mit der die Jünger dem Auferstandenen begegnen. Und auch die erwähnten Kategorien von Erfolg/Misserfolg werden so aufgebrochen.

Die Zusammensetzung der Jünger liefert uns schließlich eine Einladung, die Erzählung besser zu verstehen. Zwei der Jünger bleiben nämlich unbenannt, wobei sich der eine im Laufe der Darstellung als der Jünger, „den Jesus liebte“ (siehe Info), herausstellt. Der andere Jünger dient als Platzhalter für uns, um in dieses schillernde Evangelium abzutauchen. Die Erzählung ist so keine einfache Geschichte, die wir herunterlesen und von außen betrachten. Vielmehr sollen wir in sie eintauchen, Teil des Ganzen werden und uns mit in die Szene hineinnehmen lassen. So wird deutlich: Das Wort Gottes, ja, das ganze Evangelium berührt uns noch heute und wird auch in unseren Alltag hineingesprochen.

Daran glauben wir als Christinnen und Christen. Aber rechnen wir auch damit, dass Jesus uns im Alltag begegnet? Wir haben diesen Text Anfang April geschrieben, als unser Alltag in Kirche und Gesellschaft extrem zurückgefahren war. Manche aus der Kirche haben diese Zeit als „Strafe Gottes“ bezeichnet, aber das Evangelium verkündet uns das Gegenteil. An welchem Punkt auch immer wir an diesem Sonntag in unserem Alltag stehen: Der Gedanke daran, dass wir wie die Jünger dort von Jesus berührt werden können, ist wahrlich ein Geschenk Gottes. Da kann uns gar nicht langweilig werden!

Info

Der Jünger, „den Jesus liebte“

Der Jünger, „den Jesus liebte“, kommt im Johannesevangelium in vier Szenen vor: 1. Bei der Fußwaschung Jesu ruht er an dessen Seite (13,23-26); 2. bei der Kreuzigung vertraut Jesus seiner Mutter Maria ihn und ihm seine Mutter an (19,26-27); 3. beim Wettlauf zum leeren Grab kommt er vor Petrus an (20,2-10); 4: bei der Erscheinung des Auferstandenen am See von Tiberias (siehe Text), bei der Jesus zum Schluss seinen Willen äußert, dass er bei ihm bleibt (21,1-23), ist er anwesend. Dieser Lieblingsjünger wird also durch eine tiefe Freundschaft mit Jesus charakterisiert. In 21,24 wird er schließlich als Verfasser des Evangeliums benannt. Inwiefern er eine reale oder ideelle Figur ist, wird bis heute in der Exegese diskutiert.

 

von Simone und Mirko Wiedeking

sie: Religionspädagogin (B.A.), Sozialarbeiterin (B.A.), Referentin der Katholischen Hochschulgemeinde Paderborn;

Er: Magister theologiae, Gefängnisseelsorger in der JVA Bielefeld-Senne; verheiratet, ein Sohn

 

 

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