Die Pilger kommen mit großer Offenheit

Wallfahrtsleiter Pater Ralf Preker blickt auf die Zeit in Werl zurück

Abschiedsfoto der Franziskaner (v. l.): Bruder Christian, Pater Reinhard, Pater Bernhard, Bruder Vitus und Pater Ralf. Foto: Nückel

 

Werl. Am 1. September verlassen die Franziskaner Werl. Im Interview mit Matthias Nückel zieht der langjährige Guardian und Wallfahrtsleiter Pater Ralf Breker Bilanz und blickt nach vorn.

Pater Ralf, Sie werden am 1. September mit Ihren Mitbrüdern Werl verlassen. Wie groß ist die Traurigkeit nach all den Jahren?

Ich bin jetzt elfeinhalb Jahre hier in Werl. Das ist meine längste Zeit, die ich als Franziskaner an einem Ort gewesen bin. In einer solch langen Zeit bilden sich natürlich viele Kontakte und Bindungen. Von daher ist schon eine gewisse Traurigkeit da, die Menschen, mit denen man zusammengearbeitet hat und die man hier getroffen hat, nun zu verlassen. Auf der anderen Seite bin ich auch zuversichtlich, weil wir von unserer Ordenstradition und Ordenspraxis her nirgendwo die „stabilitas loci“ haben, sondern dass wir immer unterwegs sind. Das weiß man als Franziskaner, und von daher war ich immer schon darauf eingestellt. Aber es ist schon eine gewisse Spannung vorhanden, wie es am neuen Ort sein wird, wo ich hinkommen werde.

Und wo wird Ihr neuer Wirkungsort sein?

Das wird im Allgäu sein. Ich gehe nach Füssen. Dort gibt es ein Franziskanerkloster, und dort soll ich dann auch wieder die Leitung des Konventes mit etwa acht Mitbrüdern übernehmen. Tätigkeiten sind u.a. Kur- und Touristenseelsorge, Mitarbeit in Pfarrei und Dekanat, Altenpflege.

Kam diese Entscheidung der Ordensleitung überraschend?

Das hat mich schon etwas überrascht. Aber da ich eine gewisse Affinität zu den Bergen habe – ich bin ja von Bad Tölz hier nach Werl gekommen –, bin ich positiv gespannt. Es wird sicher anders, zumal die Allgäuer andere Typen sind als die Westfalen. Und da Werl auch mein Geburtsort ist, ist es mit 71 Jahren noch einmal ein großer Sprung. Aber ich bin zuversichtlich, das zu schaffen.

Was war in dieser Zeit in Werl der Höhepunkt?

Das war sicher das Jubiläumsjahr 2011. Am 1. April 2008 bin ich von Bad Tölz hierhergekommen. Dann galt es, die Wallfahrtszeit 2008 vorzubereiten. Und dann kam schnell das 350-jährige Wallfahrtsjubiläum auf den Tisch. Wir haben eine Steuerungsgruppe gebildet, der u. a. mein jetziger Nachfolger Dr. Gerhard Best angehörte, mit dem ich übrigens all die Jahre gut zusammengearbeitet habe. So wurde das Jubiläumsjahr – Sie haben es ja auch miterlebt – ein wirklicher Höhepunkt. Nicht nur weil jeden Sonntag ein anderer Bischof hier war, sondern auch weil Menschen unterschiedlichster Gruppierungen hierhergepilgert sind. Darüber hinaus gab es einen Fernsehgottesdienst und einen Rundfunkgottesdienst. Es war insgesamt einfach schön. Die positive Resonanz auf dieses Jahr tat gut und war ermutigend. Es sind ja auch einige Dinge gemacht worden, die wir weiter praktiziert haben und die auch die neue Wallfahrtsleitung künftig durchführen will.

Also ist von dem Schwung des Jubiläumsjahres etwas Positives hängen geblieben?

Das kann man wohl sagen. Ich denke zum Beispiel an die Kinder- und Schulwallfahrten. Und ich denke auch an die Motorradwallfahrt, die im Jubiläumsjahr gestartet ist. Das war ein voller Erfolg und hat sich gut entwickelt. Wenn heute über 300 Motorräder kommen, was für eine Kleinstadt wie Werl auch eine logistische Herausforderung ist, herrscht immer eine gesammelte Atmosphäre. Es kommen ja nicht die Haudegen zusammen, sondern es sind bodenständige Menschen, die kommunikativ sind und die beim Gottesdienst in sich gekehrt sind. Ihnen ist der Segen Gottes einfach wichtig. Und wenn das Gnadenbild dann auf den Marktplatz getragen wird, herrscht einfach eine tolle Atmosphäre.

Neben den Großereignissen gibt es die Pilger, die jedes Jahr immer wiederkommen. Haben sich diese Gruppen in den letzten Jahren verändert, oder sind es immer dieselben Menschen?

Einen „harten Kern“ gibt es natürlich schon. Man muss einfach registrieren, dass es nicht mehr, sondern weniger geworden sind. Aber es sind immer auch wieder neue Gesichter dabei. Für mich ist es bemerkenswert, mit welcher Offenheit die Pilger kommen und wie empfänglich sie sind für das, was man feiert und predigt. Und sie sind dankbar dafür, was sie am Wallfahrtsort hier erleben.

Und was ist mit jüngeren ­Pilgern?

Natürlich wünschen wir uns – wie allerorten in der Kirche – auch jüngere Leute. Diese kommen gerade bei den Fußwallfahrten mit. Das Patro­nats­fest „Mariä Heimsuchung“, zu dem viele Fußpilger kommen, ist geprägt von viel mehr Jugendlichkeit. Da sinkt das Durchschnittsalter. Denn eine lange Fußwallfahrt schaffen die älteren Menschen nicht mehr. Auch bei Gemeindewallfahrten, die Fußwege im Programm haben, sind jüngere Pilger mit dabei. Das macht mich zuversichtlich, dass es weitergeht.

Liegt es am Trend zum Pilgern, oder steckt mehr dahinter? Schließlich geht es in Werl ja auch um die Marienverehrung.

Sicher ist Pilgern etwas trendy. Aber ich sehe, dass junge Leute, die zunächst vielleicht aus sportiven Gründen mitgegangen sind, im Grunde vom Pilgervirus infiziert werden. Sie würden das sicher nicht mitmachen, wenn nicht auch eine religiöse Antenne da wäre. Ich denke zum Beispiel an die Mucher Pilger. Diese sind drei Tage unterwegs, und es ist ein strammes Programm, jeden Tag über 40 Kilometer zurückzulegen. Unterwegs wird viel gebetet, Gottesdienste gefeiert … Das würde sicher niemand mitmachen, der nicht eine Sehnsucht nach Trans­zendenz und Spiritualität hat. Und wenn sie in die Basilika einziehen, dann brechen Dämme – auch emotional. Es gibt dann kaum einen, der nicht Tränen in den Augen hat, weil er das Ziel erreicht hat. Bei diesem Einzug in die Kirche zum Gnadenbild spürt man eine sehr starke religiöse Komponente.

Das Gnadenbild der „Trösterin der Betrübten“ diente den Menschen immer auch dazu, Ballast abzuwerfen und Trost zu suchen. Hat sich die Marienverehrung verändert, oder ist sie überhaupt noch zeitgemäß?

Wenn man sich die biblische Maria anschaut, dann weiß ich nicht, was mehr Impulse geben könnte als gerade Maria in ihrer Ansprechbarkeit, in ihrer Belastbarkeit, in ihrer Bescheidenheit und in ihrer Offenheit für Gottes Wort. Wenn man Maria u.a.unter diesen Aspekten betrachtet, dann lassen sich daraus für die Verkündigung viele Impulse geben, die die Menschen auch dankbar annehmen. Ich spüre natürlich auch, dass die Menschen hier in Werl eine Stelle suchen, wo sie ihre Sorgen in Familie und Beruf abladen können, wo sie aber auch ihrem Dank und ihrer Freude Ausdruck geben können und von wo aus sie gestärkt in ihren Alltag zurückgehen können. Wenn ich das als Mitfeiernder beobachte, bin ich manchmal viel beschenkter als die Pilgerinnen und Pilger, die kommen. Diese Menschen berühren mich in ihrem Vertrauen, das sie in die Muttergottes als Fürsprecherin setzen.

Aber verschwunden sind die Nöte doch nicht?

Die Betrübnis, die jeder in seinem Leben hat, ist sicher nicht auf einmal weg. Aber dadurch dass Maria im Werler Gnadenbild den Trost schlechthin, Jesus Christus, zeigt, geht manches wieder leichter, zuversichtlicher und entkrampfter.

Es braucht also nicht die Wunder, die andere Wallfahrtsorte vorzuweisen haben?

Ich denke, die Wunder, die in Werl geschehen, sind die schon genannten – dass Menschen hierherkommen, beten, ihre Kerzen anzünden und ihre Anliegen der Fürsprache der Gottesmutter anvertrauen. Sie wissen, dass Maria nicht die Endstation ist, sondern dass es letztlich immer um Jesus Christus geht. Dies wird ja im Gnadenbild sehr deutlich. Die Botschaft Marias hier lautet: „Was Er Euch sagt, das tut. Wenn Ihr Euch daran haltet und Ihn zum Maßstab Eures Lebens macht, dann seid Ihr in allen Widernissen Eures Lebens getröstet, gestärkt und stabil.“ Ich finde, Werl steht für eine grundsolide, bodenständige Marienfrömmigkeit.

Während wir miteinander sprechen, hören wir den Lärm der Baustelle. Was wünschen Sie Ihren Nachfolgern für die Zukunft?

Das neue Wallfahrtsteam mit Dr. Gerd Best, Uschi Altehenger und Stephan Mockenhaupt besteht aus Seelsorgerinnen und Seelsorgern, die für eine gute Zukunft der Wallfahrt sorgen werden. Da bin ich sehr zuversichtlich. Es gibt in diesem Team nicht nur eine Solidität, sondern auch viel Kreativität und Offenheit für neue Wege. Das wünsche ich der Wallfahrt, dass sie neue Wege und neue Formen suchen. Also: Prüfet alles, das Gute bewahrt und versucht, Neues umzusetzen! Ich bin ­sicher, dass dies auch gelingt. Insofern mache ich mir um die Zukunft der Wallfahrt keine Sorgen.

Nehmen Sie nach Füssen ein besonderes Andenken aus Werl mit?

Ich denke natürlich gerne an die Patronatsfeste zu Mariä Heimsuchung. Wenn die Pilgerinnen und Pilger aus dem Sauerland und dem Delbrücker Land im Stundentakt hier ankommen und abends mit der Lichterprozession gehen, das ist beeindruckend. Aber auch die vielen kleinen Begegnungen bleiben unvergessen. Wallfahrtsseelsorge – das ist wirklich Seelsorge. Es gibt viele dichte Gespräche, und man bekommt viele Sorgen anvertraut. Ich bin dadurch in all den Jahren reich beschenkt worden.

Und gibt es auch ein materielles Andenken?

Das ist sicher das Medaillon aus dem Jubiläumsjahr, das die haupt- und ehrenamtlich Engagierten und auch die Bischöfe als Geschenk bekommen haben. Dieses Medaillon wird sicher einen Ehrenplatz in Füssen erhalten.

Weitere Fotos und Infos sowie Porträts der anderen Patres finden Sie in der gedruckten Ausgabe des Dom Nr. 35/2019.

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